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Aus: Ausgabe vom 07.03.2026, Seite 10 / Feuilleton
Sportkultur

»Nimm den Kopf runter und fahr«

Zwischen Kunst und Konsole: Die erste elektrifizierte Formel-1-Saison
Von Jürgen Roth
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Wer wird Batteriemanagerweltmeister 2026?

Im Netz schimpfen sie, gewaltig schimpfen sie. Weil zwanzig, zweiundzwanzig, vierundzwanzig Autos zwanzig, zweiundzwanzig, vierundzwanzig Mal im Jahr maximal zwei Stunden lang im Kreis herumgurken und deshalb angeblich die Weltumwelt zu ruinieren drohen (von den durch all die Kriege verursachten Zerstörungen in der Biosphäre möchten unsere grünen bellizistischen Heilsbringer nicht reden), wurden die technischen Vorgaben aus dem verlogenen Grund der »Nachhaltigkeit« so gravierend wie nie zuvor geändert.

Die »größte Regeländerung in ihrer Geschichte« (Sky) beschert der Formel 1 heuer – neben schmaleren ­Chassis, die aber akzeptabel ausschauen – ridiküle Fahrschulenrückleuchten, frei verstellbare Flügel und einen Elektromotorenanteil von fünfzig Prozent. Die Volatilität der durch die Batterie bereitgestellten Antriebsenergie mindert die permanent abrufbare Leistung der Aggregate enorm. »Das ist Formel 2!« beschwert sich Fernando Alonso, und für den Motorensound haben die unbelehrbaren Fachkundigen, die sogenannten Fans, nur Hohn und Spott übrig: Fön, Carrera-Bahn, »getunter Trabi«, »verstopftes Abflussrohr«, »die Saison wird eine Shitshow« et cetera. Sky, der Sender, der alle Rennen überträgt, verzeichnet eine nicht unerhebliche Zahl an Abokündigungen, denn die Serie, zu der die Verbandsmächtigen die Königsklasse offenbar ummodeln wollen, gibt es schon. Sie heißt Formel E.

Wer bremst, verliert – das eherne Gesetz gilt nicht mehr. Um irgendwie über die Runden zu kommen, müssen die Piloten früher ins Pedal gehen, zwecks höherer Drehzahlen niedrigere Gänge wählen und sich permanent mit dem Ladezustand der elektrischen Power-Unit beschäftigen. Gekürt werden wird der »Batteriemanagerweltmeister 2026« (Internetuser) – nicht der schnellste Mann, sondern derjenige, der sich im Wust von Recharge-Modus, Rekuperation und Super-Clipping halbwegs zurechtfindet.

Die Formel 1 ist zum Bürokratie-Behemoth verkommen. Es blickt niemand mehr durch. George Russell meckert, er habe den Eindruck, im ersten Gang durch einen Kreisverkehr zu fahren. Lewis Hamilton findet wenig Interesse an dem ganzen Kalkulationskram und denselben »lächerlich komplex«. ­Niklas Luhmanns soziologisches Gesetz der Komplexitätsreduktion ward auch in der »Konsolen-Formel-1« (formel1.de) widerlegt.

Unterm Diktat des Greenwashings hat man die systematische softwaregestützte Gängelung implementiert. Ich nenne das Freiheitsberaubung durch Verdatung. Warum soll man sich noch hinters Steuer setzen, wenn man sich und die Maschine nicht mehr verausgaben kann und darf?

Ich höre die Stimmen bereits wieder: der reaktionäre Roth mit seinem Formel-1-Fitzer. Gut, hüllt euch in Kartoffelsäcke, zieht Filzpantoffeln an und macht einen weiten Bogen um so grandiose Filme wie »One – Leben am Limit« (Paul Crowder, 2013), »Rush – Alles für den Sieg« (Ron Howard, 2013) und »Ferrari« (Michael Mann, 2023).

Wir haben es auch hier mit dem in jeder Pore des gesellschaftlichen Lebens spürbaren kulturellen Konflikt zu tun. Ich widerspreche dem hochgeschätzten Kollegen Peer Schmitt ungern, doch in seiner Rezension von Joseph Kosinskis »F1 – Der Film« für junge Welt (2025; Produzenten: Jerry Bruckheimer, Lewis Hamilton u. a.) lag er damals in vielerlei Aspekten daneben.

Die durch brillant getimte Schnitte gegliederte Kameraführung ist atemberaubend innovativ und keineswegs ein »dürftiger« Abklatsch der TV-Dramaturgie. Die Bilder verweisen nicht auf neuste und künftige Computerspiele, sondern greifen die seit Anfang der nuller Jahre gängigen Arbeitsweisen in der Motorsportindustrie sehr genau auf (Windkanaltests, Trainingseinheiten im Simulator usw.). Und das Productplacement antwortet auf die schlichte Tatsache, dass die Formel 1 seit Anbeginn auch ein Breitbandwerbefilm ist. Wem das aufstößt, fröne dem antikapitalistischen Eisstockschießen.

Zudem versteht Peer Schmitt die von Brad Pitt glänzend verkörperte Haupt­figur des gealterten Recken Sonny Hayes nicht. Er denunziert sie als Karikatur des Virilen, des »großspurigen« einsamen Cowboys, als »schlechten Witz«. Dabei ist sie eine Verbeugung vor den Heroen der ziemlich unreglementierten Jahrzehnte der Formel 1, gezeichnet als Hybrid aus Michael Schumacher und James »The shunt« Hunt.

»F1 – Der Film« erinnert an diese Epoche, die sich in einem Medienuniversum ohne Social-Media-Rückkoppelungen ausdehnte – an die Rohheit, an das Zockertum, an die Vorherrschaft des Physischen, an die Maßlosigkeit, an die Verschwendung der Urkräfte. ­Kosinski zitiert: mit dem Crash des Rookies ­Joshua Pearce (Damson Idris – übrigens ein ironisches Selbstporträt von Lewis Hamilton) in Monza Gerhard Bergers Feuerunfall in Imola 1989; mit Hayes’ Harakiritaktik die Crashgate-Affäre rund um den damaligen Renault-Boss Flavio Briatore in Singapur 2008; mit Hayes’ entsetzlicher Havarie 1993 ­Ayrton Sennas Todesfahrt 1994 in Imola; mit Hayes’ Beinaheuntergang beim ersten Test in Silverstone den furchtbaren Einschlag von Michael Schumacher im Juli 2001, wiederum in Monza.

»F1« ist keine Verfilmung eines Romans von Jane Austen, sondern – in der Choreographie des Pathetischen – eine Reminiszenz an »dämliche, sentimentale, bankrotte Loser« (Javier Bardem als Teammanager Ruben Cervantes); eine – ohne die kriminellen Verlogenheiten, die Angst, die Intrigen zu unterschlagen – Huldigung an Ehrgeiz, Souveränität, Ehrlichkeit, an den Punkrock, das Teamplay, die Ermöglichung von Autonomie. Wie sagt die Mutter von Joshua Pearce einmal? »Nimm deinen Kopf runter, und fahr einfach.«

Man bezichtige mich der Propaganda zugunsten des Kitsches. Ja. Stimmt. Ein Leben ohne meinetwegen rührselige Regungen wäre für mich ein vollends in die Funktionale gerutschtes. Und über ein solches, über »diese ganzen elektronischen Sachen«, beschwert sich Ralf Schumacher; darüber klagt der Sky-Experte Christian Danner (»Es muss furchtbar grün sein!«; »Das Unwort der Formel-1-Saison 26 wird ›Energiemanagement‹ sein«), und der Barbar Max Verstappen lacht verbittert: »Es macht gar keinen Spaß. (…) Das ist ein bisschen Formel E auf Steroiden. (…) Das ist nicht mehr das Formel-1-Gefühl.«

Nun denn, kreuziget mich, liebe ­Leser.

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