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Lyrik

Es braucht nicht viel

Reichlich Regen: Florian Günthers Gedichtband »Einmal für umsonst« ist ein weiterer Ausweis seiner Klasse

Foto: Moebius/Avant Verlag

Ich habe es langsam satt, ständig diese korrupten Besprechungen über das jeweils neueste Buch meines Freundes Florian Günther zu schreiben. Aber zum einen geht das nicht anders, und zum anderen halten es die vorgeblich seriösen, bürgerlichen Zeitungen genauso. In denen verströmen die bekannten Zitierkartelle seit Jahrzehnten ihren Charme.

Gut, bevor jemand die Ironie übersieht, ersetzen wir »habe es langsam satt« durch »freue mich stets« und »korrupten« durch »lobpreisenden«, und im Sinne einer Handreichung beginnen wir mit einer poetologischen Auskunft: »Ich weiß nicht, wie / viele Gedichtbücher ich jetzt / schon geschrieben habe, / aber langsam wird / es knifflig, sich nicht ständig zu / wiederholen. // (…) // Simenon wurde / wiederholt vorgeworfen, / dass er so manchen / seiner Romane drei- oder gar / viermal geschrieben habe. / Und er verteidigte sich jedesmal damit, / dass Maler bestimmte Motive ja auch immer / wieder aufgreifen würden« – und, ohnehin, »seinen Lesern geht diese Diskussion meilenweit am Arsch vorbei«.

Reihung und (bisweilen minimale) Variation werden durch Selbstkritik und -zweifel gewissermaßen herbeigerufen. Jeder, der schreibt, kennt die Sehnsucht danach, endlich einmal einen vollends gelungenen Satz zu einem endlos traktierten Thema aufs Papier zu werfen, sowie den Missmut, den die Wiederbegegnung mit dem eigenen Zeug auslöst. Florian Günther beherzigt den Rat von Arno Schmidt nicht, die Dinger nach ihrer Veröffentlichung mindestens fünfundzwanzig Jahre lang nicht mehr anzufassen, und kommt bei einer stichprobenartigen Inventur zu einem betrüblichen Schluss: »Nur die wenigsten / Gedichte können bestehen, / sind wirklich / gelungen; die meisten / erscheinen mir nur so hingeschludert, / und es entsteht der / Eindruck, der Autor sei / in Eile gewesen und / wolle das Gedicht vom Hals / haben«.

Das hier folgende »Trotzdem« unterschlage ich, denn »Einmal für umsonst« (Schönebeck 2026) hält von vorne bis hinten reichlich Trotzdems parat, in ihrer Genügsamkeit ruhig ragende Poeme (»Jeden Tag beim / ­Schreiben / fällt mir auf, dass sich / mein Wortschatz / immer mehr verringert. // Es braucht einfach / nicht viel, um sich verständlich / auszudrücken«) – etwa zur existentiellen Dialektik (»Ich bin allein. / Ich gräme mich. / Ich brauche eine Frau, die / mich liebt! // Dann hör / auf zu saufen! // Wenn ich / aufhöre zu saufen, / brauche ich / auch keine Frau / mehr!«), über einen Junkie (»Aber auch wenn / er seit Jahren an der Nadel / hing, hatte er mehr aus / seinem Leben / rausgeholt, als drin / gewesen war«), über Resignation (»Heute lebe ich in / einem Land, in / dem die Leute wütend / auf die Russen / sind, statt vor der / eigenen Tür zu kehren«), über ein »verpfuschtes Leben« (»Nichts daran / war gut. Nichts daran hat / mich vorangebracht. / Nichts davon / will man noch mal / erleben«), über den Krieg, die den Menschen eingepflanzte Gleichgültigkeit, die schulterzuckend hingenommene Gewalt.

Ich schreibe diesen Text in meinem fränkischen Stammlokal. Um mich herum hocken ähnliche Leute wie in Florian Günthers Berlin, doch man müsste ihre ab und zu aus den Gehirnsedimenten hochgewirbelten Gedankenimpressionen im Dialekt wiedergeben, und der ist zu butterig, zu versöhnlich, nichts Kaputtes lauert in ihm.

Dreierlei möchte ich noch geschwind anmerken. In »Zille lässt grüßen« hätte ich die letzte Strophe gestrichen, dann wär’s ein Meisterstück. »An der Straßenbahnhaltestelle« ist ein Edelstein, der in jedes Materialienbuch für den Deutschunterricht gehörte. Und als ich »Regen« las, verschmolz meine vage Erinnerung an ein Gedicht von Bukowski, einen Gesang über die »himmlische Brühe«, mit einem tiefen Wohlempfinden: »Ich sitze vor / meiner Stammkneipe / und lass / es prasseln // Was kann / er mir / schon tun, der / Regen? // (…) // Gegenüber / drücken sich die / Leute in die / Hauseingänge. // Einer zeigt / mir einen Vogel, / andere / schütteln den Kopf, / während ich / ihnen ­zuproste. // (…) // Der Regen / lässt allmählich nach. / Inzwischen / bin ich nass bis / auf die / Knochen. // Und bestell’ / mir noch ein / Bier.«

Tja, »Menschen laufen vor Regen davon, aber sitzen in Badewannen voller Wasser.« (Bukowski) Wer duscht, spart Geld und investiere es in »Einmal für umsonst«, zum Donnerwetter.

Florian Günther: Einmal für umsonst. Mit Zeichnungen von Klaus Zylla. Moloko Print, Schönebeck 2026, 160 Seiten, 14,80 Euro

Themen:
junge Welt

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Erschienen in der Beilage vom 18.03.2026, Seite 7, Feuilleton

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