Orte der Sehnsucht
Von Alexander Kasbohm
Bereits in den Anfangstagen sind die Hamburger Marina-Releases von einem nostalgischen Glitzern erfüllt. Es geht um die »gute Melodie«, Musik fürs Seelenheil. Man spürt bei jedem Album die Liebe und Sorgfalt, die in Inhalt und Aufmachung fließen. Dass die Cover eine starke Labelidentität aufweisen, ergibt Sinn: Bei aller musikalischen Vielfalt existiert ein charakteristischer Marina-Sound. Schwierig in Worte zu fassen, aber beim Hören intuitiv zu erfassen.
Die Musikenthusiasten Stefan Kassel und Frank Lähnemann gründeten das Label 1993, der britische, speziell schottische Pop der frühen 1980er (insbesondere aus dem Umfeld des legendären Postcard-Labels mit Bands wie Orange Juice, Aztec Camera, Josef K. etc.) und die amerikanischen 1960er, Sunshine-Pop, Surf, Burt Bacharach und die Beach Boys hatten es ihnen angetan. Mal tendiert der Sound Richtung Punk, mal Richtung Folk oder Country, mal ist er eher orchestral, mal sparsam instrumentiert – aber immer Pop. Niemals Rock, keine Machoposen. Freundliche Zurückhaltung und Offenheit, beseelt von durchaus altmodischer Romantik. Wenn man eine Marina-Platte auflegt, ist man für eine knappe Stunde in einer besseren, heileren Welt, von der freilich immer klar ist, dass sie imaginär ist und es wohl auch bleiben dürfte. Ein Ort der Sehnsucht eben.
Anfang der 2000er gelang es Lähnemann und Kassel, den Orange-Juice-Mitgründer James Kirk, der sich 20 Jahre zuvor weitgehend aus der Musik zurückgezogen hatte, zu einem neuen Album zu überreden. Das war einer ihrer größten Coups, ein anderer: die Vocal-Pop-Gruppe The Free Design nach über 30 Jahren wieder ins Studio zu bekommen. Vor allem die Labelkompilationen steckten regelmäßig voller kleinerer Coups: Gut die Hälfte der Stücke darauf konnte man nicht kennen, weil sie entweder in dieser Form oder überhaupt noch nie erschienen waren. Und weil sie nicht nur von Marina-Künstlern stammten, sondern auch von vielen anderen, die gut ins Labelkonzept passten. Edwyn Collins, Sarah Cracknell (Saint Etienne), Teenage Fanclub oder Tahiti 80 gesellten sich so zu Label-Artists und gänzlich unbekannten Künstlern wie April Showers, Green Pepperwie, nicht zu vergessen der überaus tolle Daniel Dodds (28 monatliche Hörer auf Spotify – eine Schande!).
Auch auf »Viva Marina«, der Jubiläumskompilation, weil einhundertsten Veröffentlichung, sind die meisten der 21 Stücke bisher unveröffentlichte. James Kirk ist zweimal vertreten, mit »Iron Star« und mit »Mississippi Mud«, der ersten Veröffentlichung von Fascinator, dem neuen Projekt von Kirk mit Andy Alston (Del Amitri) und Grahame Skinner (Cowboy Mouth, Jazzateers, Hipsway). Weitere Marina-Regulars sind Malcolm Ross (Orange Juice, Josef K.), Ashby, The Bathers und Brent Cash. David Scott (The Pearlfishers) steuert unter verschiedenen Namen gleich fünf Songs bei, unter anderem eine grandiose Coverversion von Taylor Swifts »The Last Great American Dynasty«, für die allein sich die Anschaffung des Albums schon lohnt. Der Song »Irgendein französischer Film« stammt von Frank Schmiechen, dessen Band Cocomicos Anfang der 1980er neben Saal 2 und Die Zimmermänner fester Bestandteil der Hamburger Szene war, es aber nie bis zu einer Veröffentlichung schaffte.
»Viva Marina« demonstriert souverän, was Marina Records von Beginn an ausgezeichnet hat: Liebe zur Musik, konstruktives Nerdtum und eine absolute Immunität gegen Trends. Gerade in Zeiten, die von einer Entwertung der Musik – oder generell der Kunst – gekennzeichnet sind, geht nicht zuletzt von einer Veröffentlichung wie »Viva Marina« der Ansporn aus, die Hoffnung nicht zu verlieren.
Various Artists: »Viva Marina« (Marina Records)
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