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Aus: Ausgabe vom 11.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Popkultur

Aufruhr im Werbeblock

Dekoration ist Geschmackssache: Der Kulturkampf rund um die Halbzeitshow beim LX. Super Bowl
Von Maximilian Schäffer
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Lasst ihn schweben: Bad Bunny (Santa Clara, 8.2.2026)

Das Levi’s Stadium in Santa Clara, Kalifornien, steht nicht nur dieser Tage im Orkanloch eines Kulturkampfes. Das den Ecken aufgeschnittene Halboval erhebt sich als Multifunktionsarena und Heimatarena der San Francisco 49ers mitten im Silicon Valley. Apples megalomanisches Hauptquartier ist gerade einmal zehn Kilometer entfernt, Teslas zwanzig, Googles vierzehn, Nvidias knappe fünf und Intels gerade einmal zweieinhalb. Eine Freizeitattraktion für die Elite der US-Ökonomie, die Mondpreise für Dauerkarten als Werbungskosten abrechnet. Man lädt sich gegenseitig ein und demonstriert Verbundenheit mit Jahresgehältern ab 800.000 US-Dollar. Schon vor zehn Jahren kostete das Halbzeitbuffet im Bauch des Stadions, zu dem sich Multimillionäre in Jogginghosen langweilen dürfen, mit Austern und Königskrabbe großzügige 500 Dollar.

Der Super Bowl vom vergangenen Sonntag war die 60. Vereinsmeisterschaft einer Sportart, die wie keine andere zur Leistungsmentalität der Techindustrie passt. American Football steht für »work hard, play hard«. Eine Materialschlacht reiner Fachidioten, die jeweils hochspezialisiert für einen winzigen Aufgabenbereich die längste Zeit der Partie unter Heizdecken auf der Bank hocken und von jedem echten Rugbyspieler als Nachtisch aufgeraucht würden. Baseball war seit jeher das Spiel der Arbeiter; eine dröge Wochenendbeschäftigung mit geringem Verletzungspotential und viel Holzkohlegrill. Niemand mit beschränkter Krankenversicherung kann sich wöchentliche Gehirnerschütterungen leisten. American Football ist ein Spiel für kreatingespritzte Collegekids und in seiner handelsüblichen Form nicht freizeitfähig. Aber es passt gut auch zur Vorstellung von Antirassismus durch Gladiatorenruhm in einer Aufsteigergesellschaft, geprägt von unabhängigen »Communities«, die oft nicht einmal dieselbe Sprache vereint.

In der Halbzeitshow, also dem vierzehnten Werbeblock dieser faktischen Weltmeisterschaft einer möchtegernimperialen Sportart, sang ein Aufsteiger aus den Kolonien von seiner Identität. Benito Antonio Martínez Ocasio alias Bad Bunny ist Puertoricaner. Er ist der vielleicht größte Star des Reggaeton, dazu Modeinfluencer, ab und zu Wrestler und vor allem von Anfang an innovativer Selbstvermarkter auf allen Kanälen. In das Levi’s Stadium also pflanzte die Requisite des Werbeblocks so etwas wie eine Zuckerrohrplantage, und die Choreographie ließ Tänzerinnen in stilisierten Arbeiterklamotten dazu mit dem Hintern wackeln. Bunt ging es zu wie bei den »Three Caballeros«, einem recht rassistischen Lebensfreudezeichentrickfilm (Donald Duck auf Lateinamerikareise) von Walt Disney aus dem Jahre 1944. Rap konsequent auf Spanisch, dazu Symbole der medialen Linken, wie sie in den USA (recht limitiert) verstanden werden. Das hieß Kniefall gegen Rassismus, dabei Stolz auf die eigene Herkunft, Flaggengewedel nicht nur der USA, Betonung der Existenz anderer Staaten (inklusive Kuba und Venezuela). Dazu eine Frau (Lady Gaga) und ein Schwuler (Ricky Martin). Anorganischer Superheldendung der Musikmilliardäre für die kargen Zuckerrohrfelder des Sozialstaats. Resteessen der spanischsprechenden Dienstboten einer siechen Supermacht.

Wie sich andere – unter anderem Präsident Donald Trump, der sich künstlich auf »Truth Social« echauffierte – die Halbzeitparade vorstellten, konnte man anhand des Beispiels der »alternativen« Veranstaltung von »Turning Point USA« (der von Charlie Kirk gegründeten, rechtskonservativen NGO) nachvollziehen. Reinweiße Gitarrenmusik wurde hier geboten, dazu kraftvoll guttural geträllert, rein auf Englisch, mit ganz viel Sternen und Streifen und dem lieben Gott dazu. Hauptattraktion war hier der mittlerweile zur Kulturikone der US-amerikanischen Rechten gewordene Kid Rock.

Schaufensterdekorateur ist ein Ausbildungsberuf, die Dekoration selbst aber genauso Geschmacksfrage wie die nächste US-Wahl. Dem Autor persönlich gefallen wackelnde Ärsche besser als Ärsche, die wackeln. 41,7 Millionen Essensmarkenempfänger konnten sich den zur Übertragung notwendigen Streaming-Premiumzugang oder Kabelfernsehanschluss nicht leisten und wackelten erst am nächsten Tag mit dem Arsch.

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