Lebenszeichen
Von Bernhard Spring
Die Leipziger Buchmesse ist wie Rügen im Hochsommer: Es macht ja schon Spaß, aber es ist leider auch so verdammt anstrengend. Mehr als 2.000 Aussteller aus mehr als 40 Ländern, es stehen über 300.000 Besucher zu erwarten – das wäre ein neuer Rekord. Schon am Donnerstag waren keine Tageskarten mehr für den Sonnabend zu erhalten. Die Veranstalter wollten so ein »angenehmes und sicheres Messeerlebnis« gewährleisten. Da haben sie aber die Rechnung ohne die Deutsche Bahn gemacht, deren Züge zwischen Halle und Leipzig wegen Bauarbeiten und Störungen der Oberleitung teils stundenlange Verspätung haben.
Auf der Messe selbst gibt es wie gewohnt Mangamädchen (auch männliche) und klassische Musik, sehr ernsthafte Belletristik und Herzschmerz für New Adult und Young Adult, die Altersgrenze dazwischen definiert mehr das Marketing als die Biologie. Politisch wird es beim Buchpreis, dessen schöngeistige Ausgabe an eine emigrierte Russin geht (Katerina Poladjan, »Goldstrand«), deren Buch in Bulgarien spielt, während die Sachbuchversion einem Buch gilt, das den Zweiten Weltkrieg auf dem Balkan beleuchtet (Marie-Janine Calic, »Balkan-Odyssee«). Der Fokus liegt also im Osten. Warum, ist unklar. »Gastland« ist übrigens die ganze Donauregion. Allzu fokussiert geht es somit nicht zu.
Wieder wird mitgenommen und auch geklaut, was nur geht. Ein Verleger erklärt müde, dass wirklich alles vom Stand mitgenommen werden kann, außer die Stühle. Ein Großvater steht mitten im Trubel der Getriebenen wie ein Fels in der Brandung, das weinende Baby auf der Schulter. Die To-go-Becher sehen besonders nachhaltig aus, ganz ohne Deckel. Die Vertreter aus Osteuropa tragen weit geschnittene Sakkos wie Lagerfeld in den 90ern.
Die großen Verlage sind groß dabei, die kleinen besetzen Schaukästen, an denen der Besucherstrom vorübergeht. Es gibt Spiele, Kunstdrucke, Postkarten, Kühlschrankmagnete und sogar Mützen von Sebastian Fitzek zu kaufen. Er hat einen großen Stand, weil er 20jähriges Jubiläum hat, seit 2006 schreibt er seine Psychothriller. Der Mitteldeutsche Verlag feiert demütiger sein 80jähriges Bestehen. Statt auf Merchandise setzt man auf ein Buch über Zimmermänner auf der Walz. Authentische Fotos von echten Leuten. In den Restaurants schlängeln sich die Leute. Es gibt nur zwei Währungen auf der Messe: Sauerstoff und Essen. Deshalb legen sie alle für eine Portion Currywurst ihre ganze Barschaft hin.
Gedränge an der Garderobe und vor den letzten Toiletten am Ausgang. Jetzt aber schnell zu den Gleisen! Es entsteht Tumult, weil irgend jemand angefangen hat, zu rennen. Andere Menschen können so nervig sein – und Bücher so schwer. »Ich weiß gar nicht, wann ich die alle lesen soll«, sagt eine Frau und fängt trotzdem damit an. Warum nicht? Der Zug hat sich ja noch nicht entschieden, wann er kommen will.
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