Die Linke verabschiedet Habermas. Eine Lektüreempfehlung
Von Peter Merg
Stellt man die alte Frage »Cui bono?«, ist sonnenklar: Wolfram Weimer hat Habermas auf dem Gewissen. Jetzt sind die Zeitungen nicht mehr voll von den fortwährenden Fehlleistungen des Kulturstaatsministers. Für Ablenkung ist gesorgt. Der König des Geisteslebens der alten Bundesrepublik paddelt schließlich nicht alle Tage übern Styx.
Ob in Leipzig oder andernorts, die Buchhandlungen werden nun alles aus den Kellern kramen, was sie von Habermas auf Halde haben. Und da er nicht nur ein deutscher Dickdenker war, gibt es manches zu heben. Wenn nicht Schätze, dann zumindest Anregungen. Obwohl, das sei warnend vorausgeschickt, manche angelsächsische Gelehrte nicht ohne Grund den Eindruck hatten, Habermas zu lesen sei, wie Glas zu kauen.
Nun, wir Deutschen hatten Kant und Hegel, das schreckt uns nicht. Gehässige Gemüter mögen sich an dem Gedanken freuen, dass der Erbe des rettungslosen Idealismus (Ach, Kommunikation. Ach, Demokratie. Ach, Europa!) auf seine alten Tage noch das Scheitern all seiner politischen Ideen erleben musste. Womit man freilich Gefahr läuft, das »unvollendete Projekt der Aufklärung« über Bord zu werfen, dem sich Habermas verpflichtet sah, was Marxisten schlecht anstünde. Trotzdem: Vergessen wir die verstreuten Aufsätze und »kleinen politischen Schriften«, in denen man sich an seinen vielen Irrtümern ergötzen kann, und lassen auch die große »Theorie des kommunikativen Handelns« links liegen. Blicken wir statt dessen einmal in den frühen Habermas. Nicht den ganz frühen, der mit Heidegger rang, sondern den, der Marx durchgeackert hatte und von Abendroth lernte. Wer, klagend oder empathisch, vom bürgerlichen politischen Diskurs und seinen Korridoren spricht, sollte dessen Vorgeschichte kennen, die Habermas im »Strukturwandel der Öffentlichkeit« (1962) beschreibt. Wer das prekäre Neben- und Durcheinander von permanenter Krise und (autoritärer) Festigung der bürgerlichen Gesellschaft verstehen will, sollte sich mit »Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus« (1973) befassen. Und wer der Überzeugung ist, dass Erkenntnistheorie nicht unabhängig von Gesellschaftstheorie zu denken ist, darf in »Erkenntnis und Interesse« (1968) mehr als nur hineinschnuppern.
Auch die heftigen Händel, die Habermas mit manch anderen Großintellektuellen seiner Zeit ausfocht, zeigen, wie verkürzt etwa das Lästern eines Hans Heinz Holz war, Habermas habe immer bloß »das Ohr am Boden« gehabt, also reinen Opportunismus betrieben. Es mag stimmen, dass sich Habermas zur besten Zeit der deutschen Sozialdemokratie eng an diese hielt. Doch er tat es auch in deren schlechten, was nicht zuletzt in seinen letzten Jahren durchaus progressive Aspekte haben konnte. Die Sammelbände zum »Positivismusstreit« (1969) mit Karl Popper und Co., zur Auseinandersetzung mit Niklas Luhmanns Systemtheorie (1971), zum »Historikerstreit« (1987) mit Ernst Nolte und nicht zuletzt die fulminanten Vorlesungen wider Lyotard, Derrida und Foucault (bzw. Heidegger und Nietzsche) »Der philosophische Diskurs der Moderne« (1985) zeigen: Es war ihm ernst mit der Aufklärung, deren Sachwalter er in gediegener Sozialdemokratie erkannte. Überraschenderweise gelang ihm diesbezüglich selbst im Alter noch mit »Auch eine Geschichte der Philosophie« (2019) eine instruktive geistesgeschichtliche Selbstvergewisserung.
Habermas war sicherlich kein Freund der revolutionären Linken. Was nicht heißt, dass sie nichts von ihm lernen kann.
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Leserbrief von Gerhard Schäfer (Sozialwissenschaftler aus der »Marburger Schule«) (20. März 2026 um 11:23 Uhr)Die Bedeutung von Jürgen Habermas als public intellectual internationalen Ranges lässt sich nur ermessen, wenn man die Rolle von Wolfgang Abendroth als entscheidendem Förderer seiner späteren Karriere hervorhebt. In fast allen Nachrufen wird diese Verbindung unterschlagen. Das hat Gründe. Der junge Habermas hatte sich in Frankfurt am Main als Assistent Adornos wie viele seiner Altersgenossen aus bürgerlichem Hause mit Karl Marx beschäftigt und dessen historisch-materialistische Grundposition wohlwollend und differenziert beschrieben. Max Horkheimer als graue Eminenz der »Frankfurter Schule« behagte weder der Rückgriff auf die eigenen materialistischen Anfänge als Institutsdirektor des alten »Instituts für Sozialforschung« noch die »antiantikommunistische« Einstellung und die friedenspolitische Aktivität des Adorno-Assistenten, der am 20. Mai 1958 vor 1.000 Zuhörern auf dem Frankfurter Römerberg seine Rede »Unruhe erste Bürgerpflicht« hielt. Diese Rede reiht sich in studentische Protestaktionen gegen die atomare Aufrüstung der BRD ein, die an 16 Universitäten stattfanden. Die Intellektuellen begannen, kritische Nachfragen in der Adenauer-Ära zu stellen. Bei aller berechtigten Kritik an seiner fragwürdigen Unterstützung des Jugoslawien-Krieges gehört der ältere Habermas zu den besonnenen intellektuellen Stimmen in der Frage des Ukraine-Krieges, der in der sonst ziemlich auf »Kriegstüchtigkeit« orientierten Süddeutschen Zeitung am 15. Februar 2023 den »bellizistischen Tenor einer geballten veröffentlichten Meinung« geißelte. Auf Druck Horkheimers entließ Adorno Habermas und vermachte ihm ein DFG-Stipendium, der nach langem Suchen bei den Soziologen A. Bergstraesser, H. Plessner, W. E. Mühlmann und H. Schelsky nur beim einzigen Marxisten der Republik, Wolfgang Abendroth, Unterstützung für seine Habilitation fand. Habermas selbst hat diese Dankbarkeit in zwei herausragenden Artikeln 1966 (»Der Partisanenprofessor im Lande der Mitläufer«) und 2006 (»Der Hermann Heller der Bundesrepublik«) bezeugt. Ohne die außerordentliche Klugheit des wissenschaftlichen Politikers Abendroth (auch in Fakultätsfragen) wäre Jürgen Habermas nicht habilitiert worden, hätte möglicherweise die Karriere als Philosoph und Soziologe mit Weltruf nie einschlagen können, sondern wäre Journalist oder Publizist geworden (er schrieb ja für die FAZ, das Handelsblatt und den Merkur in den 1950ern). Was Abendroth im damals äußerst konservativen Marburg – mit einer Dominanz der Korporationen und der Juristischen Fakultät (z. B. Erich Schwinges Rolle für die faschistische Militärjustiz) – zustande brachte, wäre um ein Haar gescheitert: Die Habilitationsschrift »Der Strukturwandel der Öffentlichkeit« wurde 1962 veröffentlicht, mit den Paragraphen 13 und 14, die den Philosophen K. Reich und J. Ebbinghaus (Lisa, Abendroths Frau, hatte bei ihm studiert) ein Dorn im Auge waren, weshalb sie im Habil.verfahren nicht vorgelegt werden durften (Vorwort, S.8). Abendroth hat später in Vorlesungen (Hörsaal 7) die Überwindung der Schwierigkeiten beim Auszählen der Stimmen für J. Habermas erläutert. Inhaltlich war die Habilitationsschrift von Abendroths Sozialstaatsinterpretation stark beeinflusst (§ 23) und zwar unter dem Gesichtspunkt der sozialstaatlichen Transformation des bürgerlich-liberalen Rechtsstaates, bei Abendroth in Richtung auf einen legalen Weg zur sozialistischen Demokratie. Dazu diente die Kontroverse Abendroths mit Ernst Forsthoff, dem Schüler Carl Schmitts. Im Kampf ums Recht standen sich die Positionen von Lohnarbeit und Kapital in dieser Kontroverse direkt gegenüber. Dass Habermas sich dann auf einen anderen Weg – die Theorie des kommunikativen Handelns (1981) – begeben hat, der für bestimmte Bereiche innovativ ist (Familie, Schule, Erziehung, Therapien etc.), aber die Politische Ökonomie des Kapitalismus in der Marxschen Traditionslinie ausgeblendet hat, steht auf einem anderen Blatt. Das hatte sich mit der Einführung der später verworfenen Kategorien »Arbeit und Interaktion« (1968) gezeigt, aber mit der Entkoppelung von »System und Lebenswelt« reproduziert. Der gegenwärtige Kapitalismus zeigt auf erschreckende Weise, dass seine systemischen Fehlbildungen die »Kolonialisierung der Lebenswelt« nahezu total im Griff hat: Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen und den Imperialismus des 21. Jahrhunderts ausmachende Kriege, die uns aktuell an den Rand des Weltenbrandes bringen. Diese offenkundigen Defizite im Werk von Jürgen Habermas schmälern nicht seine vielen Verdienste als öffentlicher Intellektueller: Im Positivismusstreit der 1960er Jahre und der Systemtheorie-Debatte mit N. Luhmann (in der er den marxistischen Systemtheoretiker Karl Hermann Tjaden völlig außer Acht ließ), in den Debatten um die »Legitimitationsprobleme des Spätkapitalismus« (1973), im Historikerstreit der 1980er Jahre (die Historiker kamen erst später hinzu in der Auseinandersetzung mit Ernst Nolte), die Kontroversen um die Vereinigung der beiden deutschen Staaten (»DM-Nationalismus«) bis zum Ukraine-Krieg (mit all den Begrenzungen in der Argumenttion): die Unterschíede zu einem der schlimmsten intellektuellen Bellizisten unserer Tage, Herfried Münkler (HU Berlin), einem ehemaligen Schüler des Frankfurter Kollegen Iring Fetscher, sind offenkundig. Unter anderem deshalb wird den meisten von uns seine Stimme fehlen.
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