Newroz im Raketenhagel
Von Ina Sembdner
Das persische neue Jahr beginnt, wie es aufgehört hat: mit Bomben und Raketen. Mindestens 1.394 Zivilisten sind seit dem 28. Februar bei US-amerikanisch-israelischen Angriffen auf Ziele im Iran getötet worden – darunter 210 Kinder. Wie die in den USA beheimatete Menschenrechtsorganisation HRANA am Donnerstag (Ortszeit) weiter mitteilte, habe es auf seiten des Militärs 1.153 Verluste gegeben, bei weiteren 639 Getöteten war die Zuordnung unklar. Allein am Donnerstag sind demnach bei mindestens 70 Angriffen in zwölf iranischen Provinzen 25 Zivilisten getötet worden. Erstmals seien auch Gebiete am Kaspischen Meer getroffen worden, neben umfassenden Schlägen gegen Öl- und Gaseinrichtungen in der Provinz Buschehr am Golf. Laut einer Bilanz von HRANA zielten die meisten Angriffe seit Kriegsbeginn auf die Hauptstadtprovinz Teheran (36 Prozent), gefolgt von den Provinzen Fars (13), Aserbaidschan und Hormosgan (jeweils zehn Prozent).
Die Angaben der Organisation, die sich unter anderem auf lokale Kontakte und Quellen im Gesundheitssektor sowie auf online frei verfügbare Open-Source-Daten stützt, zeigen ferner, dass immer wieder zivile Ziele getroffen werden. So am Donnerstag etwa das Teheraner Wohnviertel Madschidijeh, die Zollverwaltung in Bandar Anzali sowie der dortige Freizeitkomplex Bandarass. Insgesamt hätten die Angriffe »Schäden an mehr als 70.000 zivilen Einheiten verursacht«, bei denen mehr als 18.000 Zivilisten verletzt wurden, teilte der Präsident des Iranischen Roten Halbmonds, Pir Hossein Kolivand, mit.
Und während sich die Menschen in der Islamischen Republik auf das persische Neujahrsfest Newroz an diesem Sonnabend vorbereiten – soweit es ihnen möglich ist – setzen Israel und die USA ihren Angriffskrieg unvermindert fort. So zielten Angriffe am Freitag morgen auf Hafenstädte in der Provinz Hormosgan. »Mindestens 16 Frachtschiffe, die Bürgern der Städte Bandar Lengeh und Bandar Kong gehörten, wurden bei dem Brand vollständig zerstört«, erklärte ein Anwohner gegenüber der Agentur Tasnim. Vom israelischen Militär hieß es, man habe damit begonnen, »Ziele des iranischen Terrorregimes im Gebiet von Nur, östlich von Teheran« anzugreifen.
Israels ultrarechter Premier Benjamin Netanjahu hatte zuvor in einer Pressekonferenz am Donnerstag behauptet, dass sich die Kommando- und Kontrollstruktur des Iran »in völligem Chaos« befinde und er nicht sicher sei, »wer derzeit das Sagen hat«. Über den Nachfolger und Sohn des am 28. Februar getöteten faktischen Staatsoberhauptes Ali Khamenei erklärte er süffisant: »Modschtaba, der neue Ajatollah, hat sich noch nicht blicken lassen. Habt ihr ihn gesehen? Wir haben ihn nicht gesehen und können nicht sagen, was dort genau vor sich geht.« Iranische Medien verbreiteten allerdings am Freitag eine Nachricht des »Obersten Führers« an Präsident Massud Peseschkian, in der Khamenei forderte, dass die Tötung des Geheimdienstministers Esmail Khatib diese Woche von der iranischen Führung mit »doppelter Anstrengung« kompensiert werden müsse. Der Ajatollah, dessen Frau bei dem Anschlag auf seinen Vater ebenfalls getötet worden war, forderte zudem, den Feinden »innerhalb wie außerhalb« des Landes jegliche Sicherheit zu entziehen.
Die Vergeltungsschläge der iranischen Seite halten unterdessen an: So startete das Korps der Iranischen Revolutionsgarden (IRGC) am Freitag die 67. Angriffswelle der »Operation Wahres Versprechen 4« auf US-Einrichtungen in der Region sowie Ziele in Israel. Tags zuvor hatte eine Rakete eine Ölraffinerie in der israelischen Hafenstadt Haifa getroffen und in Teilen des Landes einen kurzen Stromausfall verursacht. Es habe jedoch keine nennenswerten Schäden gegeben, erklärte das Energieministerium. Am Freitag hieß es zudem vom IRGC-Sprecher Ali Mohammad Naini: »Unsere Raketenindustrie verdient die Bestnote (…) und in dieser Hinsicht gibt es keinen Grund zur Sorge, denn selbst unter Kriegsbedingungen setzen wir die Raketenproduktion fort.« Kurz darauf folgte die Meldung der IRGC, dass Naini bei einem Raketenangriff getötet wurde.
Auch an anderer Stelle funktioniert das System weiter: Am Donnerstag wurden erstmals Personen im Zusammenhang mit den gewaltsamen Protesten Anfang des Jahres hingerichtet. Sie wurden wegen Mordes an Polizeibeamten und der Durchführung von Operationen zugunsten der Vereinigten Staaten und Israels während der Unruhen verurteilt, meldete die Times of Israel unter Berufung auf die iranische Justiz. Das Blatt erinnerte daran, dass Irans Außenminister Abbas Araghtschi Mitte Januar angesichts des Drucks aus Washington erklärt hatte, dass es keine Pläne für Hinrichtungen gebe. Bei den teils bewaffneten Demonstrationen waren nach offiziellen Angaben mehr als 3.000 Menschen getötet worden.
Aber es gibt auch Positives zu vermelden: Der linke Präsident Sri Lankas, Anura Kumara Dissanayake, teilte dem Parlament in Colombo am Freitag mit, dass er den USA Anfang März verweigert habe, zwei mit Schiffsabwehrraketen bewaffnete Kampfjets auf einem Flughafen im Süden der Inselrepublik zu stationieren. »Wir haben ›nein‹ gesagt«, so Dissanayake.
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