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05.05.2026
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Japans Jugend im Aufbruch
Rechtsregierung in Tokio macht Stimmung gegen Migration und rüstet trotz Friedensgebots auf. Doch der Widerstand wächst
Im vergangenen Sommer sind in Japan mehrere tausend Menschen gegen Migration auf die Straße gegangen. In einem Land, in dem der Anteil ausländischer Bewohner bei nur 3,2 Prozent liegt, wirken Forderungen nach einem vollständigen Stopp der Zuwanderung bemerkenswert ironisch. Mit dieser weitverbreiteten Stimmung konnte im Oktober 2025 die neue Premierministerin Takaichi Sanae dennoch die Wahl gewinnen. Die Regierung verfolgt seither eine noch restriktivere Migrationspolitik als zuvor und gründete eigens ein Ministerium für eine »gut geordnete und harmonische Koexistenz mit ausländischen Bürgern«. Hinter der wohlmeinenden Bezeichnung steht eine fremdenfeindliche Linie.
Parallel dazu wächst der Widerstand gegen die zunehmende Aufrüstung. Die Entscheidung der Regierung, Langstreckenraketen zu stationieren, löste landesweite Proteste aus, die auch am Wochenende fortgeführt wurden. Kritiker sehen in dem Beschluss einen Bruch mit Artikel 9 der Verfassung, der militärisches Handeln auf Selbstverteidigung beschränkt. Die Möglichkeit, Ziele im Ausland anzugreifen, untergrabe dieses Prinzip. Dabei sind es vor allem junge Menschen, die Aktionen organisieren. Sie führen damit die traditionelle Antikriegsbewegung fort, die in Japan lange als geschwächt galt. Neue Dynamik erhielt sie auch durch internationale Entwicklungen. Nach dem »7. Oktober« und den jüngsten Kriegen der USA und Israels, die auch für Japan wirtschaftliche Folgen nach sich zogen, gingen erneut Tausende junge Leute auf die Straße. Doch die Bewegung bleibt widersprüchlich: Sie richtet sich gegen Inflation und Kriege, eine grundlegende Kritik an den Machtverhältnissen fehlt allerdings.
Einige Initiativen versuchen, diese Lücke zu schließen. Im »Café Sawa Sawa« in Tokio finden seit Juli regelmäßig Filmvorführungen und Debatten zu Themen wie Antikolonialismus statt. Die Initiatoren wollen damit insbesondere junge Menschen ansprechen. Bei einer Solidaritätsveranstaltung für den Sudan beschrieb eine Teilnehmerin, dass eine breit verankerte, antikapitalistische Bewegung kaum existiere. Gründe dafür sieht sie etwa im Geschichtsrevisionismus der politischen Führung sowie im staatlichen Druck auf Aktivisten. So wurde eine führende Aktivistin nach einer Demonstration ohne Angabe von Gründen 23 Tage in Gewahrsam genommen. Trotz solch abschreckender Maßnahmen entstehen neue Räume für Politisierung. Auch im queeren autonomen Zentrum Tokios, »Namnam Space«, finden regelmäßig Veranstaltungen zu Antikriegsthematiken statt. Das Publikum beschränkt sich allerdings vor allem auf englischsprachige Zugezogene.
Eine andere Form des Protests verkörpert Yusuke Furusawa. Seit mehr als zwei Jahren protestiert der 49jährige täglich eine Stunde lang allein mit einer Palästina-Flagge und einem Schild mit der Aufschrift »Stop Gaza Genocide« vor einer der belebtesten Bahnstationen Tokios. Die Reaktionen reichen von Zustimmung bis zu körperlichen Angriffen. Furusawa kritisiert vor allem die Gleichgültigkeit vieler Japaner gegenüber internationalen Konflikten. Hoffnung schöpft er aus Entwicklungen im Ausland, besonders aus den Protesten junger Menschen.
Zwischen wachsender Militarisierung und restriktiver Migrationspolitik sucht Japans junge Generation nach politischen Ausdrucksformen. Noch ist die Bewegung spontanistisch. Damit eine breitere gesellschaftliche Kraft entsteht, muss aus vereinzeltem Widerstand eine organisierte Bewegung für eine andere Gesellschaft hervorgehen. Eine Antikriegsjugend, die nicht nur reagiert, sondern aktiv gestaltet, ist genau das, was nicht nur Japan dringend gebrauchen könnte.
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