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Der Westen zerbröselt

Foto: Christoph Soeder/dpa
Der Iran-Krieg hat eine beispiellose Energiekrise ausgelöst, dennoch hält die Bundesregierung an der Verbrennertechnik fest (Symbolbild)

Die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Krieges sind noch unabsehbar, da diskutieren einige deutschsprachige Zeitungen bereits die politischen Konsequenzen. Eine Untergang-des-Abendlandes-Stimmung ist wieder einmal vorherrschend, obwohl es »nur« um Gegensätze innerhalb der westlichen Wertegemeinschaft geht.

So dramatisiert der Tagesspiegel, die USA hätten sich unter Trump auch von einer »vernunftbasierten Kommunikation« verabschiedet. Wozu sich sagen lässt: Immerhin kommuniziert Trump mit Moskau, der Rest der NATO nicht. Vernunft? Die Zeitung klagt, Macht und Gewalt hätten »Argument und Rationalität verdrängt«, das unterscheide diese Krise von allen vorherigen und mache sie »zur tiefsten, die der Westen bislang durchlitten hat«. Auch im heftigsten Streit – von der NATO-»Nachrüstung« bis zum Irak-Krieg 2003 – seien »die transatlantischen Fundamente intakt geblieben«. Nun aber: »Jenes Gebilde, das aufgrund gemeinsamer Werte einst ›der Westen‹ genannt wurde, zerbröselt.« Keine Sorge, bietet sich ein billiger Krieg an, sind alle wieder dabei.

Etwas nüchterner heißt es in der FAZ nach der Reaktion Trumps auf die israelische Bombardierung des größten Gasvorkommens der Welt im Iran: »Die Europäer sind raus, Trumps Wähler ungeduldig, Amerikas Verbündete am Golf immer wieder schutzlos – das iranische Regime hat noch nicht verloren.« Die Zeitung hatte schon am 12. März gemeint: »Im Iran zerschießt Trump auch den Westen.«

Die Neue Zürcher Zeitung sieht die EU auseinanderdriften: »Die steigenden Energiepreise schüren Konflikte zwischen reichen und ärmeren Mitgliedsländern.« Es sei kein Wunder, dass sich einige EU-Mitgliedsländer auf das Emissionshandelssystem eingeschossen hätten, unter ihnen Polen, Italien, Tschechien, die Slowakei oder Belgien. Sie wollten für die heimische Industrie Erleichterungen herausholen. Die Zeitung zitiert den tschechischen Ministerpräsidenten Andrej Babiš vom Brüsseler EU-Gipfel: »Ich bin hier, um für die europäische Industrie zu kämpfen.« Der Luxemburger Premier Luc Frieden habe geantwortet: Niedrige Energiepreise seien nicht Aufgabe der EU, Entlastungen »eine nationale Aufgabe«. Die NZZ: »Mit ihren Argumenten machen es sich die verhältnismäßig wohlhabenden Länder teilweise einfach. Das reiche Luxemburg kann sich niedrige Entgelte und Steuern auf Energie leisten.« Dort bezahle der Staat die Netzkosten, nicht der Endverbraucher. Krieg und Krise treiben auch die vergleichsweise reiche EU auseinander. Es gilt aber: Neue Beute, neue Geschlossenheit. (as)

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Erschienen in der Ausgabe vom 21.03.2026, Seite 2, Ansichten

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→Leserbriefe
  • Istvan Hidy aus Stuttgart 22. März 2026 um 19:06 Uhr
    Inzwischen erkennen selbst Leitmedien, dass der Westen zu bröckeln beginnt. Der Artikel zeigt klar: Steigende Energiepreise, geopolitische Konflikte und nationale Interessen treiben die EU immer weiter auseinander. Doch in Brüssel wirkt man davon erstaunlich unbeeindruckt – als ließe sich diese Entwicklung aussitzen. Gerade darin liegt das Problem: Demokratien sollten in der Lage sein, Fehlentwicklungen zu korrigieren und auf Krisen zu reagieren. Wenn aber offensichtliche Spannungen innerhalb der EU und des Westens keine grundlegenden Kursanpassungen auslösen, gerät dieses Prinzip ins Wanken. Eine Demokratie, die sich nicht mehr sichtbar selbst korrigiert, stellt letztlich ihre eigene Glaubwürdigkeit infrage.
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