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Aus: Ausgabe vom 20.03.2026, Seite 3 / Ausland
Solidarität mir Kuba

Sind die Hilfsgüter nicht ein Tropfen auf den heißen Stein?

Die Solidaritätsflottille nach Kuba setzt ein deutliches Zeichen gegen die kriminelle US-Blockade, sagt Franco Cavalli
Interview: Nick Brauns
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Ein Mitglied der Gruppe »Nuestra América Convoy to Cuba« dokumentiert die Zahl der gespendeten Boxen mit Hilfsgütern (Havanna, 18.3.2026)

Sie beteiligen sich am »Nuestra América Convoy«, der am Sonnabend in Havanna erwartet wird. Sind die von dieser Solidaritätsflottille transportierten Hilfsgüter nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein angesichts der schweren Versorgungskrise?

Selbstverständlich können sie die dramatische Notlage nur geringfügig lindern. Damit setzen wir aber ein deutliches Zeichen gegen die kriminelle US-Blockade, die jetzt schon genozidale Merkmale aufzuweisen beginnt. Der kubanischen Bevölkerung zeigen wir, dass sie in diesen schwierigen Zeiten nicht allein ist. Ich konnte mich persönlich mehrmals davon überzeugen, dass diese psychologische Unterstützung enorm wichtig ist.

Was macht das kubanische Gesundheitssystem aus?

Zum einen werden auf Kuba drei- bis viermal so viele Ärzte wie bei uns promoviert. Deshalb kann Kuba Ärztebrigaden in viele Länder schicken, ohne dass dadurch lokal ein Mangel entsteht. Jedem Familienarzt werden etwa 1.000 Personen zugewiesen. Meistens hat er seine Praxis inmitten des Bezirks, wo diese wohnen. Diese Personen werden mindestens zweimal pro Jahr untersucht. Kommen sie nicht in die Praxis, muss der Hausarzt sie zu Hause besuchen. Das System ist deshalb viel stärker als bei uns auf Prävention ausgerichtet. Dies erklärt auch, wieso Kuba vor Beginn der aktuellen Krise mit einer Lebenserwartung von über 78 Jahren das Land mit der höchsten Lebenserwartung in Amerika war. Der vom Staat entlohnte Familienarzt weist schwierige Fälle problemlos an eine Poliklinik, ein Spital oder eine spezialisierte Klinik weiter. Die Weltgesundheitsorganisation, WHO, hat das kubanische Gesundheitssystem bereits vor mehr als 30 Jahren als Modell ausgewählt, das für den globalen Süden angewendet werden sollte.

Die Versorgungsengpässe haben aber sicherlich auch Auswirkungen auf dieses Gesundheitswesen?

Trump setzte Kuba bereits in seiner ersten Amtszeit auf die Liste der »Terrorunterstützer«. Dadurch wurden finanzielle Transaktionen praktisch unmöglich. Der Ausfall des Tourismus als eine der Haupteinnahmequellen während der Coronazeit verstärkte die Krise zusätzlich. Heute fehlen dem kubanischen Staat die finanziellen Mittel, um Medikamente, Instrumente und alles, was Spitäler benötigen, zu beschaffen. Durch das Ölembargo und den Ausfall von Transportmöglichkeiten musste das System notfallmäßig umgekrempelt werden: Ärzte und das Pflegepersonal werden jetzt in wohnortnahen Einrichtungen eingesetzt oder bleiben mehrere Tage über Nacht im Spital oder Gesundheitszentrum.

Wie verhindert die US-Blockade das Beschaffen von neuen Instrumenten?

Wenn wir beispielsweise als Medicuba ein Mikroskop, ein anderes Instrument oder gar Medikamente einkaufen wollen, dann weigern sich die meisten Produzenten, uns etwas zu verkaufen, wenn sie erfahren, dass die Ware für Kuba bestimmt ist. Denn der Helms-Burton-Act bestraft jede Firma mit sehr hohen Bußgeldern, wenn sie mit Kuba Handel treibt. Kuba selbst hat dieselben Schwierigkeiten. Wenn es dem Staat gelingt, etwas einzukaufen, muss er in der Regel einen viel höheren Preis als marktüblich dafür zahlen, da sich die Lieferanten gegen mögliche Bußen schützen wollen.

Medicuba gründete sich zuerst 1992 in der Schweiz als Zusammenschluss von Ärzten sowie Aktiven aus der Kuba-Solidarität, später entstand Medicuba-Europa in inzwischen 15 Ländern. Was leistet diese Hilfsvereinigung?

Wir arbeiten sehr eng mit dem kubanischen Gesundheitsministerium zusammen und versuchen, ihm das zu liefern, was es selbst nicht einkaufen kann. Wir organisieren auch die Ausbildung kubanischer Ärzte oder Wissenschaftler in Europa. Zur Zeit unterstützen wir die Produktion essentieller Medikamente, liefern Herzschrittmacher und ermöglichen die Installation von Sonnenkollektoren auf den Dächern von Spitälern, damit diese nicht unter Stromausfällen zu leiden haben. Abgesehen von den Beiträgen weniger Regierungen finanziert sich Medicuba weitgehend durch kleine und größere Spenden von Tausenden Personen, die mit Kuba solidarisch sind.

Der Arzt Franco Cavalli ist Vizevorsitzender der Solidaritätsorganisation Medicuba und lebt in der Schweiz. Er wird am 11. April auf der Kuba-Solidaritätskonferenz im Berliner Kino Babylon anlässlich der Verleihung des Rosa-Luxemburg-Preises an Aleida Guevara sprechen

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