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Aus: Ausgabe vom 22.08.2020, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Coronakrise

»Richtige Balance zwischen Schutz und Lockerung finden«

Über die Gesundheitssysteme in El Salvador, Kuba und der BRD, Interessen der Pharmakonzerne sowie Medikamente gegen Covid-19. Ein Gespräch mit Medardo Ernesto Gomez Centeno
Interview: Flo Osrainik
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»Die medizinische Ausbildung in Kuba ist sehr praxisorientiert, und die Dozenten verhalten sich nicht wie die sogenannten Götter in Weiß«: Medizinstudenten in Havanna

Herr Gomez Centeno, Sie stammen aus El Salvador, haben in Kuba studiert und wurden später in Deutschland zum Facharzt für Innere Medizin und Notfallmedizin ausgebildet. Sie leben und arbeiten als Arzt in Deutschland und sind Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Cuba Sí. Was unterscheidet das kubanische Gesundheitswesen, angefangen bei der medizinischen Ausbildung bis hin zur allgemeinen Versorgung der Menschen, von anderen Gesundheitssystemen?

Nach den Daten der Weltgesundheitsorganisation, der WHO, ist Kuba mit der höchsten Anzahl an Ärzten im Verhältnis zur Bevölkerung ausgestattet. Das ist ein starker Indikator für die Qualität der gesundheitlichen Versorgung in einem Land. Die gesamte Bevölkerung genießt dadurch eine sehr gute medizinische Primärversorgung.

In Deutschland funktioniert – wie auch in Kuba – das Modell des Hausarztes gut. Das ist die beste Voraussetzung, Gesundheitsprobleme unter Kontrolle zu halten, da sich die Menschen mit Symptomen an eine Vertrauensperson, eben den Hausarzt, wenden können. Dieser Effekt ist in Kuba noch ausgeprägter, da die Ärzte des Viertels »ihre« Familien kennen und aktiv aufsuchen. Durch die Besuche des medizinischen Personals in regelmäßigen Abständen sind die Menschen medizinisch aufgeklärt, Probleme werden schnell entdeckt und können rechtzeitig behandelt werden.

Die medizinische Ausbildung in Kuba ist sehr praxisorientiert, und die Dozenten verhalten sich nicht wie die sogenannten Götter in Weiß. Durch intensiven persönlichen Austausch und Kontakt bis hin zu Nachhilfestunden in kleinen Gruppen setzt sich das Lehrpersonal persönlich dafür ein, dass die Studierenden gute Ärzte werden. Zudem wird gelehrt, wie ein ausführliches Anamnese­gespräch sein soll und wie Prävention gemeinsam mit den Patienten funktioniert. Grundsätzlich ist die Ausbildung auch weniger technisch ausgerichtet, was daran liegt, dass Mediziner für die Krisenregionen der Welt ausgebildet werden und dort kaum entsprechendes Gerät zur Verfügung steht.

Nun gibt es in Zusammenhang mit Covid-19 in Kuba bisher 88 Tote bei mehr als 11,2 Millionen Einwohnern. In einem Interview mit dem »Netzwerk Cuba« vom 25. Mai 2020 sagten Sie, dass man zu Beginn der Coronapandemie in Kuba Empfehlungen aussprach, aber keine restriktiven Maßnahmen wie in Deutschland verordnet wurden. Wie ist man in Kuba, aber auch in El Salvador, dort sind es 640 Tote bei etwas über 7,3 Millionen Einwohnern, mit der Eindämmung der Virusausbreitung bisher umgegangen?

Wenn man auf die Länder in Zentralamerika schaut, sieht man, dass es die Lebensbedingungen den Menschen dort fast unmöglich machen, Abstand zu halten. Wenn es eine Ausgangssperre gibt, sind die Folgen noch dramatischer als die Folgen einer reinen Pandemie selbst. In El Salvador sind und waren die Maßnahmen sehr restriktiv. Es ist dort zu beobachten, dass viele der Ärmsten, die ihrer Erwerbstätigkeit nun nicht mehr nachgehen dürfen, bereits keine Lebensmittel mehr zur Verfügung haben und an Hunger leiden. Das ist fatal, zumal die Fallzahlen vergleichsweise gering sind und zusätzlich durch einen Tropensturm weite Teile des Landes überflutet wurden. Derzeit herrscht eine humanitäre Katastrophe, und die Gemengelage wird immer unübersichtlicher.

Kuba war und ist weniger restriktiv als Deutschland, was an der großen Solidarität und Disziplin der Bevölkerung im Umgang miteinander wurzelt. Schon im Februar empfahl die kubanische Regierung, einen Mund-Nasen-Schutz zu benutzen, um andere vor einer Ansteckung zu schützen, und übertrug damit die Verantwortung solidarischen Handelns auf die kubanische Bevölkerung, was dort ausgezeichnet funktioniert. Die große Herausforderung weltweit ist es, die richtige Balance zwischen Schutzmaßnahmen und Lockerung der Einschränkungen zu finden.

Ich glaube, entscheidend ist es, große Menschenansammlungen zu verhindern. Einschränkungen muss es dabei leider geben, besonders, um Infektionsketten zu unterbrechen. Das Gesundheitssystem in Kuba arbeitet wie ein hochauflösendes Radar gegen diese Infektionsketten und sorgt für eine ganzheitliche Versorgung der Menschen.

Bleiben wir bei diesen Beispielen. Drei Gesundheitssysteme kennen Sie gut, die in El Salvador, Kuba und Deutschland. Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach der Zustand der medizinischen Versorgung, aber auch der Gesundheitszustand der Bevölkerung sowie weitere Faktoren in der Coronapandemie?

Die Pandemie hat gezeigt, wie gut oder schlecht die medizinische Primärversorgung in den verschiedenen Ländern arbeitet. In El Salvador wurden von der ehemaligen Regierung die ECOS (Gemeindegesundheitsteams, jW) gegründet, letztlich aber leider durch die aktuelle Regierung während der Pandemie nicht eingesetzt. Die Angst vor dem ­Virus grassiert dort auch unter den Ärzten, Pflegern und anderen im Gesundheitswesen arbeitenden Kräften, die eigentlich behandeln und aufklären sollten, so dass große Infektionsketten erst gar nicht entstehen können. Die Politik der Regierung in El Salvador besteht derzeit vorwiegend aus Social-Media-Propaganda durch einen despotischen Präsidenten. Der verbreitet Hochglanzfotos im Netz, auf denen Carepakete durch Regierungsbedienstete an die arme Bevölkerung verteilt werden oder auf denen er in einem neu gebauten Krankenhaus posiert, das bisher jedoch nicht von Pressevertretern besichtigt werden durfte und von dem nur durch die Regierung selbst Fotos zur Verfügung gestellt wurden. Was davon Fake ist und was nicht, ist aus der Ferne schwer zu beurteilen. Ich mache mir aufgrund der Aussagen meiner Familienangehörigen und aus Gesprächen mit Freunden, die Aktivisten in sozialen Bewegungen sind, große Sorgen, dass die Situation eine ganz andere ist, als sie mit den Hochglanzbildern dargestellt wird. Mir wird von immer mehr Verzweiflung, Armut, Hunger und Gewalt berichtet, da viele Menschen durch den Verlust ihrer Arbeitsstelle aufgrund des Lockdowns und durch die Zerstörung ihrer Wohnhäuser aufgrund der Überschwemmung keinerlei Perspektive mehr haben.

Auf Kuba bedeutet Gesundheitsversorgung insbesondere auch Prävention, zum Beispiel durch Sport, so dass die Bevölkerung dort recht gesund und auch weniger anfällig für schwere Verläufe ist.

In Deutschland behandelte ich fast ausnahmslos Covidpatienten mit teils schwersten Vorerkrankungen auf der Intensivstation. Ich bin überzeugt, dass nicht nur die Kapazität der Intensivbetten eine bedeutende Rolle während einer Pandemie spielt, sondern ein präventiver und integraler Ansatz der Schlüssel ist. Wenn eine Gesellschaft ein Problem mit den sogenannten Wohlstandskrankheiten hat, die eben oftmals gerade nicht die mit Wohlstand Gesegneten in den kapitalistischen Systemen betreffen, sondern diejenigen, die aufgrund der sozialen Schieflage schlechteren Zugang zu Gesundheitsvorsorge und Bildung haben, dann sind natürlich viele Intensivbetten notwendig, um eine Pandemie in Schach zu halten. Besser sind jedoch Gesundheitssysteme, die es gar nicht erst so weit kommen lassen, dass Menschen einen ungesunden Lebensstil pflegen und somit die gesundheitlichen Risikofaktoren akkumulieren.

Wie bewerten Sie denn die Rolle der Pharmaindustrie und diverser Lobbyorganisationen in der Corona­pandemie?

Auffällig ist, dass gerade kleinere Firmen die Entwicklung von Impfstoffen gegen Covid-19 vorantreiben. Große Pharmafirmen sind hier grundsätzlich weniger aktiv. Das ist kein neues Phänomen. Was zum Beispiel Malaria anbelangt, gibt es keine nennenswerten Aktivitäten der Pharmariesen, in die Entwicklung von Medikamenten gegen diese Krankheit zu investieren. Die großen Firmen investieren deutlich mehr in die Erforschung von Medikamenten gegen Krebs und Immunschwächekrankheiten oder kardiovaskuläre Krankheiten, da dort deutlich mehr Gewinne erzielt werden können.

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Medardo Ernesto Gomez Centeno

Da jedoch auch die Industrieländer betroffen sind, wird zur Bekämpfung von Covid-19 deutlich mehr geforscht als etwa zu Malaria oder Denguefieber. Vorreiter sind hier kleinere Firmen, die teils mit Hilfe staatlicher Subventionen arbeiten. Ich gehe davon aus, dass aufgrund der wirtschaftlichen Kollateralschäden ein solcher Aufwand betrieben wird. Dies wäre natürlich nicht der Fall, wenn die Krankheit nur in den Ländern des globalen Südens grassieren würde. Inzwischen sind sogar größere Pharmakonzerne involviert, die von einigen Industriestaaten unmoralische Angebote erhalten und diese auch nutzen werden, damit sich diese Staaten Erstzugangsrechte zu Impfstoffen sichern können.

Aber zurück zu den Medikamenten gegen Covid-19: Das auch in ­Kuba produzierte Interferon »alpha 2b«, das auch in China zum Einsatz kam, macht Hoffnung. Auch ein Interferon »alpha 2a« wurde hier bei uns empfohlen. Wir konnten nach entsprechender Aufklärung dieses Medikament bei einigen Patienten anwenden und eine Verbesserung der Lungensymptomatik beobachten, wobei aufgrund der wenigen Fälle erst eine Zusammenschau mit den europäischen Vergleichsstudien ein evidenzbasiertes Bild liefern wird.

Im Kampf gegen Covid-19 wird auch Hydroxychloroquin getestet, obwohl das Medikament in diesem Fall umstritten ist, womöglich sogar gefährlich sein kann. Auf Initiativen des US-Präsidenten Donald Trump oder des salvadorianischen Präsidenten Nayib Bukele soll es sogar massenhaft eingekauft werden. Was können Sie über Hydroxychloroquin, über Chancen und Risiken des Medikaments bei der Anwendung im Zusammenhang mit Covid-19 sagen, und weshalb empfehlen es diese Regierungen?

Was Medikamente gegen Covid-19 anbelangt, ist es so, dass mehrere Alternativen aktuell geprüft werden. Für die Wirksamkeit von Hydroxychloroquin gibt es dabei keine Evidenz. Dass Trump und Bukele durch ihre Regierungen so viel davon kaufen ließen, kann man als Akt der Korruption bezeichnen, da der Kauf höchstwahrscheinlich nur den »Amigos« der Präsidenten zugute kam, die das Medikament angeboten haben. Typischerweise werden solche Medikamente, wenn sie dann abgelaufen sind, auf den afrikanischen Kontinent verschifft, um sie gegen Malaria einzusetzen. In El Salvador hatte ich bei humanitären Einsätzen diese Erfahrung mit anderen gespendeten Medikamenten aus den USA, die auch abgelaufen waren, gemacht. Eine Weitergabe an meine Patienten kann ich als Arzt nicht verantworten. Diese »Spenden« helfen höchstens dem Spender, aufgrund ihrer steuerlichen Absetzbarkeit kann er Geld sparen.

Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrer beruflichen Praxis im Umgang mit Covid-19-Patienten bisher gemacht, welche Gruppen sind betroffen? Und wie ist Ihre Einschätzung bezüglich eines Corona­impfstoffs?

Die immungeschwächten und älteren Personen mit chronischen Vorerkrankungen machen den Großteil unter meinen Patienten aus. Kardiovaskuläre Vorerkrankungen sind dabei besonders zu nennen, wobei wir wieder bei den sogenannten Wohlstandskrankheiten wären, die ja hauptsächlich die weniger privilegierten Menschen in den Indus­triestaaten betreffen.

Mit einem Impfstoff sollte folgendermaßen vorgegangen werden: Zunächst muss die gute Verträglichkeit der Impfung überprüft werden, und später ist es sinnvoll, zunächst die Risikogruppen und diejenigen mit einem berufsbedingten Risiko zu impfen. Dann alle anderen, die sich impfen lassen möchten.

Sie machen darauf aufmerksam, dass man die Coronapandemie mit Blick auf immungeschwächte und ältere Personen zwar sehr ernst nehmen müsse, auf andere Erkrankungen wie Malaria mit rund 500.000 Opfern pro Jahr aber nicht im gleichen Maße reagiert wird. Im Umgang mit älteren und immunschwachen Menschen fordern Sie ein solidarisches Miteinander. Das sollte selbstverständlich sein, aber warum erst jetzt? Und führen massive Restriktionen nicht zu weiteren sozialen Verwerfungen?

Die große Herausforderung weltweit ist es, die richtige Balance zwischen Schutzmaßnahmen und Lockerung der Einschränkungen zu finden. Das muss immer wiederholt werden, denn Gesundheit ist nicht die Abwesenheit der Krankheit oder in diesem Fall einer ganz bestimmten Krankheit, sondern das »vollständige körperliche, geistige und soziale Wohlbefinden« und gleichzeitig ein »menschliches Grundrecht«, so sagt es die WHO.

Zum Beispiel der Suizidfälle: Ich glaube, es wird die Zeit kommen, wo wir eine Bilanz machen müssen, wie viele Menschen Opfer der Restriktionen und nicht der Pandemie geworden sind. Aus diesem Grund ist es grundsätzlich notwendig, ein kapitalistisches »Schneller, Höher, Weiter« und das gegeneinander Handeln in Frage zu stellen. Wir sollten uns ein Beispiel an den Staaten nehmen, die solidarisch handeln und die Gesellschaft damit nicht in Arme und Reiche spalten, sondern allen Teilen der Gesellschaft, so gut es geht, die Grundrechte zukommen lassen.

Kuba hat in der Coronakrise auf Selbstbestimmung und Solidarität der Bürger gesetzt und zögerte – trotz der seit Jahrzehnten bestehenden US-Blockade – nicht, Ärzte nach Italien zu schicken, nachdem das Gesundheitssystem dort nahezu zusammengebrochen war. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern exportiert Havanna keine Gewalt, wird aber sanktioniert. Zeigt Kuba der Welt trotzdem, dass eine vernünftige Mischung aus Solidarität und Selbstbestimmung in der Coronapandemie, aber auch im Grundsatz, der bessere Weg ist?

Die Coronakrise ist ein Brandbeschleuniger, der schonungslos alle bestehenden Feuer zum riesigen Flächenbrand in unserer kapitalistischen Gesellschaft werden lässt und zeigt, dass wir mit diesem Wirtschaftssystem am Ende sind, weil unzählige Menschen dabei im wahrsten Sinne des Wortes draufgehen. Sei es durch die sogenannten Wohlstandskrankheiten, die zahlreiche Risikofaktoren, an einer Infektion zu sterben, befördern. Sei es durch krasse humanitäre Katastrophen, die in Ländern wie El Salvador aufgrund jahrhundertelanger extremer Ausbeutung und Unterdrückung der Menschen und insbesondere im Zusammenspiel mit einer Pandemie quasi programmiert sind. Oder sei es durch die Suizide aufgrund restriktiver Maßnahmen, die Menschen in wirtschaftliche oder psychische Extremsituationen bringen, die gesellschaftlich nicht aufgefangen werden.

In allen Fällen wäre ein solidarischer Weg, der Menschen als selbstbestimmte und gleichwertige Individuen sieht, der Weg zur Besserung. Kuba zeigt der Welt gerade ganz deutlich, dass ein solcher Weg möglich ist, indem es intern mit seinen bescheidenen finanziellen Mitteln, die dennoch ein hervorragendes präventives Gesundheitssystem erlauben, die Pandemie in Schach hält und extern internationale Solidarität durch die Ärztebrigaden praktiziert.

Medardo Ernesto Gomez Centeno ist Facharzt für Innere Medizin und Notfallmedizin. Er stammt aus El Salvador und hat in Kuba studiert. Heute lebt und arbeitet er in Deutschland. Er verweist darauf, dass der kubanische Weg in der Coronakrise trotz widriger Umstände erfolgreich ist.

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