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Aus: Ausgabe vom 19.03.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Sie wollen Spaß

Spirituelle Digitalisierung: Georgi M. Unkovskis Spielfilm »DJ Ahmet«
Von Ronald Kohl
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Trecker und Techno: DJ Ahmet (Arif Jakup) und sein kleiner Bruder Naim (Agush Agushev)

Der Film »DJ Ahmet« entstand aus zwei Überlegungen heraus. Die erste war: Was geschieht, wenn im Jahr 2025 ganz normale Jugendliche (Smartphone, Tik-Tok usw.) in Konflikt mit einer Generation geraten, die noch ohne elektrischen Strom aufgewachsen ist? Die zweite inspirierende Frage, die sich Regisseur und Drehbuchautor Georgi Unkovski und sein Bruder und Produzent Ivan schon wesentlich länger stellten, lautete: Was geht ab, wenn eine Herde Schafe einen Rave stürmt?

Eine der wenigen Regionen in Europa, die alle drei für die Umsetzung erforderlichen Kriterien erfüllt, also: Hammel, Techno und relativ späte Elektrifizierung, ist Nordmazedonien, wie der EU-Beitrittskandidat seit 2019 heißt. (Seit März 2020 ist die kleine Balkanrepublik in der NATO. Die Abstimmung darüber erbrachte 91 Prozent Jastimmen, wurde jedoch wegen der zu geringen Beteiligung von nur 36 Prozent der Stimmberechtigten für ungültig erklärt; das Quorum war auf 50 Prozent festgelegt worden.)

Der Film spielt in einer ländlichen Region. Es wird ausschließlich türkisch gesprochen (etwa 100.000 Türken leben in Nordmazedonien). In der Dorfmitte befindet sich eine Moschee. Der Muezzin ist schon etwas in die Jahre gekommen, versucht aber, mit der Zeit zu gehen. Sein Ziel ist die spirituelle Digitalisierung: vollautomatische Gebetsrufe und ähnlicher Schnickschnack. Bevorzugter Ansprechpartner bei allen technischen Problemen ist der 15jährige Ahmet (Arif Jakup), der immer froh ist, wenn er zur Abwechslung mal seine Rübe anstrengen darf. Der verwitwete Vater hat ihn gegen seinen Willen von der Schule genommen. Ahmet muss die Schafe hüten, wenn der Alte mit seinem klapprigen Kleinbus zum Wunderheiler in die Stadt fährt, denn Ahmets jüngerer Bruder Naim (Agush Agushev) spricht seit dem Tod der Mutter nicht mehr. Der Kleine fürchtet die Fahrten in die Stadt, deren einziges Resultat darin besteht, dass nun fast gar kein Geld mehr im Haus ist.

Es gibt wiederkehrend harte, demütigende Szenen, doch man hat nie das Gefühl, dass Ahmet seinen Vater hassen würde; das kann er vermutlich gar nicht. Nur seinen Spaß will eben auch er haben, wenigstens nachts. Dann schleicht er sich davon.

Es ist Sommer, und in dem nur wenige Kilometer entfernten Wald finden auf einer Lichtung Technopartys statt, die bis in die Morgenstunden gehen. Irgendwann interessiert sich auch die kleine Schafherde für die Musik. Das finden alle lustig, bis auf Ahmet: »Wartet nur, bald ist Opferfest!«

Die großen Erfolge, die der Film bereits auf mehreren Festivals verbuchen konnte, führten regelmäßig zu der Frage nach dem Casting. Regisseur Unkovski spricht von 2.000 Kids, die sich in der Vorauswahl befanden. Dafür, dass die Zusammenarbeit mit den dreien, die schließlich die Rollen bekamen, so reibungslos verlief, hält er eine überraschend simple Erklärung parat: »Weil sie keine Stadtkinder sind. Sie sind Dorfkinder, die schon sehr früh gelernt haben, mit hoher Disziplin zu arbeiten.«

Aya (Dora Zlatanova) stammt aus einer der reicheren Familien des Dorfes. Sie muss keine Schafe hüten, hat jedoch das Problem, dass ihr Vater die Meinung vertritt: Geld gehört zu Geld. Nur um verheiratet zu werden, wurde sie aus Deutschland in die Heimat geholt. Ahmet ist taktvoll genug, sie nicht danach zu fragen, was sie davon hält. Außerdem interessiert ihn auch etwas völlig anderes: »Gibt es eine Diskothek in Deutschland?«

Was Aya an Ahmet besonders gefällt, ist, dass er nicht lügen kann. Für ihren Vater kommt er trotzdem nicht als Schwiegersohn in Frage. Sie müssen sich heimlich treffen, um ihrer gemeinsamen Leidenschaft nachgehen zu können, Tanz und Musik. Nicht nur in dieser Hinsicht passen sie perfekt zusammen, auch Aya hält mit der Wahrheit nicht gern hinter dem Berg: »Wusstest du schon, dass du, um DJ zu sein, mehr als nur ein Lied spielen musst?«

Wusste er schon. Doch um ihre Hochzeit im Fiasko enden zu lassen, reichen ein Song und flotte Sprüche. Und der Schlüssel zur Moschee.

Als Ayas Vater daraufhin in Richtung des Gotteshauses stürmt, hat man schnell das Gefühl, dass jetzt auch kein Gebet mehr helfen wird.

»DJ Ahmet«, Regie: Georgi M. ­Unkovski, Mazedonien/Tschechien/Serbien/Kroatien 2025, 99 Min., ­Kinostart: heute

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