Seit mehreren Wochen befinden sich unsere Armee und Marine in einem
hohen Alarmzustand, um tapfer eine tödliche Bedrohung unserer
bloßen Existenz zu verhindern: Zehn kleine Boote versuchen,
Gaza zu erreichen. In den Booten sitzt eine gefährliche Bande
bösartiger Terroristen, in Person älterer Veteranen aus
Friedenskampagnen bestehend.
Benjamin Netanjahu hat unsere unerschütterliche
Entschlossenheit, unser Land zu verteidigen, bestätigt: Wir
werden niemanden die Blockade brechen lassen, um Raketen zu den
Terroristen in Gaza zu schmuggeln, die sie dann abfeuern, um unsere
unschuldigen Kinder zu töten.
Dies ist sogar für Netanjahu eine Art Rekordleistung: Kein
einziges Wort ist wahr. Die Flottille transportiert keine Waffen
– die Vertreter respektierter internationaler Medien in den
Booten versichern uns dies. Ich denke, wir können uns auch auf
den Mossad verlassen, der wenigstens in jedes Boot einen Agenten
setzt (Wofür zahl ich schließlich meine Steuern?). Die
Hamas hat seit langem keine Raketen abgeschossen – sie hat
sehr gute eigene Gründe, sich an das inoffizielle
»Tahdijeh« (»Ruhe«)-Abkommen zu
halten.
Wenn der Flottille erlaubt worden wäre, Gaza zu erreichen,
hätte es für ein paar Stunden Nachrichten gegeben –
und das wäre es dann gewesen. Israels totale Mobilisierung,
das Training der Marinekommandos, um die Boote abzufangen, die
Sabotageakte, die in griechischen Häfen ausgeführt
wurden, der immense politische Druck, den Israel und die USA auf
das arme, bankrotte Griechenland ausgeübt haben – all
dies hat diese kleine Initiative wochenlang in den Nachrichten
gehalten und so die Aufmerksamkeit auf die Blockade des
Gazastreifens gezogen.
Wofür ist diese Blockade gut? Es gibt bis jetzt keinen
feststellbaren Grund, falls es je einen gegeben hat. Um die
Bevölkerung zu terrorisieren, damit sie die Hamas-Regierung
stürzt, die Siegerin von demokratischen Wahlen? Nun, das hat
ja nichts geholfen? Die Hamas zu zwingen, ihre Bedingungen für
einen Gefangenenaustausch zu verändern, der Gilad Schalit
freikommen ließe? Auch das kam nicht zustande. Den
Waffenschmuggel in den Gazastreifen verhindern? Die Waffen kommen
ungestört durch einen der hundert Tunnel aus Ägypten,
falls wir glauben, was uns unsere Armee erzählt. Also welchem
Zweck dient die Blockade? Keiner scheint es zu wissen. Aber es ist
der Fels unserer Existenz. Das ist klar. (...)
Dasselbe gilt auch für die Aktionen von Freitag: der Ankunft
von internationalen Friedensaktivisten am Ben-Gurion-Flughafen.
Alles, was sie wollten, ist, nach Bethlehem und nach Gaza gehen,
das nur dadurch erreicht werden kann, daß man israelisches
Gebiet überquert. Fast tausend Polizeioffiziere wurden
mobilisiert, um der Bedrohung zu begegnen. Am Ende wurden sie schon
in den ausländischen Flughäfen auf Befehl Israels
aufgehalten. Kaum einer kam am Ben-Gurion-Flughafen an. All dies
sind automatische Reflexreaktionen. Wir müssen stark sein.
Überall lauern tödliche Gefahren. Israel muß sich
selbst verteidigen. Sonst gibt es einen zweiten Holocaust.
Sozialer Druck
Dies ist ein interessantes Phänomen: Die Leute sehen auf ihren
Bildschirmen unschuldig aussehende ältere
Menschenrechtsaktivisten und glauben, sie sähen
gefährliche Provokateure, weil die Regierung und die meisten
Medien ihnen das so sagen. (...) Wie können Leute ihren
eigenen Augen nicht trauen, sondern den Augen anderer?
In dieser Woche bekam ich eine E-Mail von einem Mann, der sich an
etwas aus der Zeit erinnerte, als er ein Schüler meiner
verstorbenen Frau Rachel in der ersten Klasse war. Rachel bat ihn,
er solle seine rechte Hand heben. Als der Junge dies tat, sagte
Rachel: »Nein, nein, das ist deine linke Hand!« Sie
wandte sich an die anderen Kinder und fragte sie, welche Hand ist
das. Ihrer Lehrerin folgend, riefen sie wie mit einer Stimme:
»Die Linke, die Linke!« Als der Junge dies sah, wurde
er unsicher. Schließlich gab er zu: »Ja, es ist die
Linke.« »Nein, du hattest zuerst recht!«
versicherte Rachel ihm. »Laßt euch allen dies eine
Lehre sein: wenn ihr meint, recht zu haben, besteht darauf.
Ändert nie eure Ansicht, weil Leute das Gegenteil
behaupten.«
Foto: AP
Demonstration am Kontrollpunkt Kalandia zwischen Ramallah und Jerusalem
Ganz zufällig sah ich, kurz nachdem ich diese Aussage gelesen
hatte, im Fernsehen die Ergebnisse einer wissenschaftlichen
Untersuchung von israelischen Forschern über
»eingeflößtes Gedächtnis«. Ihre
Experimente zeigen, daß Leute, die etwas mit eigenen Augen
gesehen haben, denen aber von anderen gesagt wird, sie hätten
etwas anderes gesehen, damit beginnen, ihr eigenes Gedächtnis
zu unterdrücken und »sich an das erinnern«, was
andere angeblich gesehen haben. Neurologische Forschung zeigte
dann, daß dies tatsächlich im Gehirn geschieht und
gesehen werden kann: Die eingebildete Erinnerung ersetzt die
wirkliche. Sozialer Druck hat dies bewirkt: Die eingebildete
Erinnerung ist wirkliche Erinnerung geworden.
Ich bin davon überzeugt, daß dies sogar noch mehr
für eine ganze Nation gültig ist, die natürlich aus
Individuen zusammengesetzt ist. Ich habe dies viele Male
beobachtet. Zum Beispiel: Elf Monate vor dem ersten Libanon-Krieg
(1982 – d. Red.) war kein einziger Schuß aus dem
Libanon nach Israel abgefeuert worden. Gegen alle Erwartung war es
Jassir Arafat gelungen, eine totale Feuerpause sogar bei seinen
palästinensischen Gegnern zu erreichen. Doch nachdem Ariel
Scharon den Krieg begonnen hatte, »erinnerten« sich
praktisch alle Israelis deutlich, daß die Palästinenser
jeden einzelnen Tag über die Grenze geschossen und so das
Leben in Israel zur Hölle gemacht hätten. Ich nenne dies
»umgedrehten Parkinson« – während Patienten
mit fortgeschrittenem Parkinson sich nicht an Dinge erinnern, die
geschehen sind, erinnern sich diese Patienten an Dinge, die nie
geschehen sind.
Es gibt eine psychische Krankheit, die man »Paranoia
vera« nennt. Patienten nehmen eine verrückte Vermutung
an – z.B. »Jeder haßt mich« – und
dann bauen sie eine komplizierte Struktur rund herum. Jede kleinste
Information, die dies zu unterstützen scheint, wird eifrig
aufgenommen; alles, was dem widerspricht, wird unterdrückt.
Alles wird so interpretiert, daß es die erste Vermutung
bestärkt. Das Muster ist streng logisch – je
vollständiger und je logischer die Struktur ist, um so ernster
ist die Krankheit. Zu den begleitenden Symptomen gehören
streitlustiges Verhalten, wiederkehrende Verdächtigungen,
Trennung von der realen Welt, Verschwörungstheorien und
Narzißmus. Es scheint, daß ganze Nationen Opfer dieser
Krankheit werden. Die unsrige hat sie sicher.
Wirkliche Feinde
Die ganze Welt ist gegen uns. Jeder ist darauf aus, uns zu
zerstören. Jeder Schritt ist für unsere bloße
Existenz eine Bedrohung. Jeder, der die israelische Politik
kritisiert, ist ein Antisemit oder ein selbsthassender Jude. Selbst
wenn wir etwas Gutes tun, wendet es sich gegen uns.
Bestätigung: »Wir verließen den Gazastreifen und
lösten dort sogar unsere Siedlungen auf, und was bekamen wir
dafür? Kassam-Raketen!« (Egal, ob Scharon sich weigerte,
den Gazastreifen einer palästinensischen Körperschaft zu
übergeben – und eine Leere hinterließ. Er schnitt
ihn von der Welt ab und machte ihn zu einem großen
Gefängnislager.) Bestätigung: »Nach Oslo
bewaffneten wir Arafats Sicherheitskräfte, und sie wandten
ihre Waffen gegen uns!« (Egal, daß wir unseren
Verpflichtungen nach den Oslo-Abkommen nie erfüllt haben,
daß die Besatzung immer schlimmer wurde und daß die
Siedlungen auf palästinensischem Land sprunghaft gewachsen
sind. Die palästinensischen Sicherheitskräfte haben nie
gegen Israel gehandelt.) Bestätigung: »Wir zogen uns aus
dem Südlibanon zurück, und was bekamen wir dafür?
Die Hisbollah und den zweiten Libanon-Krieg!« (Egal,
daß die Hisbollah als Reaktion auf eine 18 Jahre lange
Besatzung entstand, und daß wir selbst den zweiten
Libanon-Krieg (2006 – d. Red.) nach einem kleinen
Grenzzwischenfall angefangen haben.)
Es ist gesagt worden, daß Paranoiker auch wirkliche Feinde
haben. Das Problem ist, daß Paranoide durch ihr offensives
und mißtrauisches Verhalten sich mehr und mehr wirkliche
Feinde schaffen.
Der Slogan »Alle Welt ist gegen uns« mag leicht als
eine sich selbst erfüllende Prophetie funktionieren. Israel
ist nicht das einzige Land, das an dieser Krankheit leidet. In
einer bestimmten Zeit litten die Deutschen auch an dieser
Krankheit. Auch die Serben. Und bis zu einem bestimmten Grad auch
die USA und viele andere. Leider ist der Preis der Paranoia sehr
hoch. Darum laßt uns anfangen, uns wie gesunde Menschen zu
verhalten. Laßt die kleinen Boote nach Gaza segeln.
Laßt die am Ben-Gurion-Flughafen ankommenden Aktivisten nach
Palästina fahren und Oliven pflücken, wenn es das ist,
was sie wollen. Selbst wenn wir uns wie eine normale Nation
verhalten, wird Israel weiter existieren. Dies verspreche
ich!
Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs; vom Verfasser autorisiert.
Der Text wurde redaktionell gekürzt.