Free Gaza

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    Maschine klar, Navigationsgeräte überprüft

    Von Peter Wolter, Agios Nikolaos
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    Gruppenfoto der »Tahrir«-Passagiere in Agios Nikolaos

    Die »Tahrir« ist zum Auslaufen bereit – nur auf der Brücke und im Maschinenraum werden noch letzte Vorbereitungen getroffen.

    Die beiden GPS-Geräte (Global Positioning System, ein Satellitensystem zur elektronischen Positionsbestimmung) sind überprüft und eingeschaltet, das Radargerät ist betriebsbereit. Das Seefunkgerät ist auf Kanal 16 eingestellt, dies ist der internationale Arbeits- und Notrufkanal.

    Ein roter Schalter an der Vorderseite ist mit einer Plastikkappe gegen unbeabsichtigte Berührungen geschützt: Wenn man ihn drückt, wird automatisch ein SOS-Signal ausgestrahlt, das auch gleich die letzte per GPS gefundene Position durchgibt. Auch der Autopilot, der elektronische Rudergänger, ist überprüft und eingeschaltet.

    Eines der GPS-Geräte ist mit einer elektronischen Seekarte ausgestattet, sicherheitshalber kauft die Besatzung bei einem Marine-Ausstatter noch die neuesten Karten der umliegenden Seegebiete ein.

    Auch ein neuer Zirkel und Kursdreiecke müssen her. Es soll auch noch das neueste Leuchtfeuerverzeichnis aufgetrieben werden.

    Moderne Kommunikationsmittel

    Um den Kontakt zur Außenwelt halten zu können – besonders wichtig für die mitreisenden Journalisten, waren einige Umbauten nötig. Die 24-Volt-Gleichstromanlage wurde durch einen Zerhacker (Umwandlung von Gleich- in Wechselstrom) sowie einen Transformator ergänzt, der den Strom in 220 Volt umwandelt.

    Somit können die zahlreichen Mobiltelefone, Laptops und Digitalkameras aufgeladen werden. Darüber hinaus wurde das Schiff mit einem Internetanschluß ausgestattet, der über Satellit läuft. Für den Notfall gibt es noch einige Satellitentelefone an Bord.

    Die Maschinen- und die Wellenanlage ist überprüft, den beiden jeweils 550 PS starken Caterpillar-Dieselmotoren wurden neue Öl- und Kraftstoffilter spendiert. Sie wurden auch mit frischem Maschinenöl befüllt. Bei zwölf Knoten Fahrt (ein Knoten ist eine Seemeile pro Stunde) haben wir eine Reichweite von 600 Seemeilen (eine Seemeile ist gleich 1,852 Kilometer).

    Auch das Seeventil, über die beiden Dieselmotoren mit Kühlwasser versorgt werden, ist überprüft – nicht nur von innen, sondern auch von außen. Mehrere Taucher hatten unter Wasser den Algenbewuchs abgekratzt. »Wir haben aber die kritischen Stellen wie Propeller, Welle und die Umgebung des Seeventils ausgespart«, sagte einer von ihnen. »Falls sich ein Sabotagekommando von israelischen Kampfschwimmern daran zu schaffen gemacht haben sollte, sehen wir das sofort.«

    Seerechtsexperte eingeschaltet

    Ob die »Tahrir« tatsächlich auslaufen kann, bleibt abzuwarten. Erst gestern ist das spanische Schiff »Gernika«, das westlich von Agios Nikolaos in Hania lag, von der Küstenwache daran gehindert worden. Das US-Schiff »Audacity of Hope« – benannt nach einem Buchtitel von US-Präsident Barak Obama – war bereits am Freitag kurz nach dem Auslaufen aus dem Hafen von Piräus aufgebracht worden. Seitdem liegt es in einem Hafen der Küstenwache, der Kapitän soll heute oder morgen vor Gericht gestellt werden.

    In langen Verhandlungen mit dem Hafenamt von Agios Nikolaos, in die sich auch der Parlamentsabgeordnete des Linksbündnisses SYRIZA, Michalis Kritsotakis einschaltete, hatte die Schiffsführung erreicht, daß die »Tahrir« auslaufen darf – allerdings nur bis zu einer Entfernung von 60 Seemeilen. Damit wäre das Schiff schon in internationalen Gewässern – die griechische Seegrenze beträgt nur zwölf Seemeilen.

    Andererseits hatte die griechische Regierung das Auslaufen aller acht Schiffe der Gaza-Flottille verboten – eine Entscheidung, die sich gerichtlich wohl nicht halten läßt. Das »Steering Committee« der Lenkungsausschuß der Flottille, hat deshalb in Athen Rechtsanwälte eingeschaltet. Parallel dazu hat die Schiffsführung der »Tahrir« in Agios Nikolaos einen lokalen Anwalt in Gang gesetzt, der auf Seerecht spezialisiert ist. Heute morgen liefen noch letzte Verhandlungen.

    Jetzt sind folgende Varianten denkbar: Die erste und wahrscheinlichste ist, daß die Küstenwache die »Tahrir« gar nicht erst auslaufen läßt. Seit gestern hat ein Patrouillenboot der Küstenwache direkt neben dem Schiff festgemacht. Die zweite Möglichkeit ist, daß man die »Tahrir« aus dem Hafen läßt, sie aber nur 60 Seemeilen weit fahren läßt. Dritte Variante: Die Küstenwache gibt sich damit zufrieden, daß die Schiffsführung als Ziel einen türkischen, tunesischen oder ägyptischen Hafen angibt und versichert, nicht nach Palästina zu fahren.

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    Entschlossen, bis zum Schluß dabei zu bleiben

    Von Peter Wolter, Agios Nikolaos
    Morgenbesprechung auf dem kanadischen Teilnehmerschiff
    Morgenbesprechung auf dem kanadischen Teilnehmerschiff

    Urprünglich sollten die Schiffe der »Free Gaza«-Flottille schon am vergangenen Montag auf internationalen Gewässern zusammentreffen, sitzen aber mehrheitlich in Griechenland fest. Trotz des am Freitag verhängten Auslaufverbots halten die »Tahrir«-Passagiere durch.

    Unter Deck liegen Kabel herum, Schlafsäcke, Reisetaschen, Kameras, Sonnenhüte und Krimskrams jeder Art. Die Tische sind voller Notebooks, auf denen die mitreisenden Journalisten ihre Berichte tippen oder Aktivisten aus Kanada und Australien ihre Blogs aktualisieren. 

    Wenige Meter entfernt wird in der Kombüse gebrutzelt, es gibt irgendetwas Vegetarisches mit vielen Kichererbsen. Es riecht nach Essig, Olivenöl und Knoblauch. Küchenchef ist Miles aus Kanada, ihm zur Hand gehen Gunnar aus Dänemark und die australische Grünen-Politikerin Sylvia.

    Ich selbst sitze am Journalistentisch, eingeklemmt zwischen Kanada und Dänemark – das Notebook auf den Knien. Gewusel überall, obwohl alle Türen zum Oberdeck und sämtliche Fenster offen stehen, ist es unter Deck drückend heiß, der Schweiß tropft mir in die Tastatur, die Brille ist ständig beschlagen.

    Laufend piepst irgendwo ein Handy, hinter mir wird auf hebräisch telefoniert, um mich herum höre ich diverse englische Dialekte, Französisch, Arabisch, Türkisch oder Flämisch.

    Die »Tahrir« liegt immer noch im Hafen von Agios Nikolaos auf Kreta. Vor dem Schiff steht ein Polizeiauto, alle paar Minuten fährt auf der Wasserseite ein Patrouillenboot der griechischen Küstenwache vorbei.

    Wir dürfen den Hafen nicht verlassen, auch wenn wir gestern der Hafenmeisterin den Kompromiß abgenötigt haben, daß wir ablegen dürfen – aber nicht mit dem Ziel Palästina. Die griechische Regierung hat auf Druck der israelischen Regierung kurzerhand angeordnet, daß keines der Flottillen-Schiffe auslaufen darf.

    Diplomatie und Demonstrationen

    Das »Steering Committee« der Flottille, die Hilfsgüter zu den Palästinensern im Gazastreifen bringen will, hat nun Anwälte aufgefahren, um eine einstweilige Verfügung zu erwirken, die Griechenlands Regierung zwingt, das Auslaufverbot aufzuheben. Auch Kontakte zu griechischen Politikern wurden aufgenommen. Erwartet wird ein Europaabgeordneter der Partei Synaspismos, die sich Friedenspolitik, Ökologie und Feminismus auf die Fahnen geschrieben hat. Das Committee ist auch mit den Gewerkschaften im Gespräch. Ein Auslaufen sei frühestens am Montag möglich, schätzt unsere Schiffsführung.

    Die Aktivisten an Bord wollen sich aber nicht auf Verhandlungen und einstweilige Verfügungen verlassen. Daß sie sich auch durch Behördenschikanen und ein massives Polizeiaufgebot nicht einschüchtern lassen wollen, haben sie gestern unter Beweis gestellt: Ein Polizist, der wichtige Schiffspapiere mitnehmen wollte, wurde so lange an Bord festgehalten, bis er sie wieder herausrückte. Es folgte eine spontane Demonstration durch die Hafenstadt – mit kanadischen, australischen, dänischen und belgischen Flaggen sowie Transparenten. »Hat jemand ein Foto davon, wie ich demonstriere?«, ruft der türkische Geschäftsmann Demir heute morgen in die Runde. »Das war die erste Demonstration in meinem Leben!«

    Auch Touristen wünschen Glück

    Anderthalb Wochen lang hatten wir uns im Konferenzraum eines Hotels auf die Fahrt vorbereitet. Auf das enge Zusammenleben an Bord, auf die zu erwartende Enterung durch die israelische Marine, auf Verhöre und Haft. Seit gestern tritt die »Tahrir«-Gruppe offen auf: Das Schiff ist mit Solidaritätstransparenten behängt, viele Teilnehmer tragen entsprechende T-Shirts. Neugierige Touristen betrachten das Schiff, so mancher von ihnen schüttelt den Aktivisten die Hände und wünscht uns Glück. Vor unserem »Outing« durfte aus Sicherheitsgründen noch nicht einmal die Ortsmarke »Agios Nikolaos« in den Artikeln genannt werden.


    Unterwasser-Security

    Viele von uns haben in der vergangenen Nacht schon an Bord geschlafen, auf Bänken oder auf dem stählernen Schiffsdeck. Ein großer Katamaran, der bis heute morgen neben der »Tahrir« lag, hatte Unterwasserscheinwerfer eingeschaltet, um Sabotageakte zu erschweren. Zusätzlich wurde unser Schiff unter Wasser von griechischen Tauchern bewacht.

    Wie es weiter geht, wissen wir noch nicht. Vielleicht laufen wir tatsächlich nicht in Richtung Gaza aus, sondern erst einmal zu einem türkischen oder libanesischen Hafen. Das wird die Expedition in die Länge ziehen – wie eine Abstimmung in der Morgenbesprechung ergab, ist die übergroße Mehrheit der Teilnehmer fest entschlossen, bis zum Schluß dabei zu bleiben.

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    Aber nicht nach Palästina!

    Von Peter Wolter
    »Tahrir« mit friedlicher Kampfbeflaggung
    »Tahrir« mit friedlicher Kampfbeflaggung

    Jeder Grieche weiß seit längerem, daß sein Land seine Souveränität an die Deutsche Bank abgegeben hat. Daß aber mittlerweile nicht in Athen, sondern in Tel Aviv entschieden wird, welche Schiffe aus griechischen Häfen auslaufen dürfen, das dürfte den meisten noch unbekannt sein. Im kretischen Hafen Agios Nikolaos jedoch weiß es jetzt fast jeder:

    In einer lauten und farbenfrohen Demonstration zog am Freitagabend die 50-köpfige Besatzung der »Tahrir« durch die Stadt zum Hafenmeisterbüro – begleitet von Rundfunk- und Fernsehteams und vielen Reportern. Sie protestierten dagegen, daß die griechische Regierung auf Ersuchen Israels das Auslaufen der Schiffe verboten hatte, die Hilfsgüter in den von Israel seit Jahren blockierten Gazastreifen bringen sollen.

    Seit Tagen hatten die griechischen Behörden versucht, die »Tahrir« festzuhalten, auf der Aktivisten vor allem aus Kanada, Australien, Belgien und Dänemark mitreisen. Jeden Tag wurde das Schiff aufs Neue inspiziert, angeblicher Anlaß waren anonyme Anrufe, es sei nicht seetüchtig. Immer neue Bescheinigungen wurden angefordert. Alle Überprüfungen verliefen aber im Sande – das Schiff war seetüchtig. Am Freitag schließlich ließen sich die Bürokraten einen neuen Trick einfallen: Sie wollten die Genehmigungsurkunde für das neue Seefunkgerät mitnehmen – ohne dieses Zertifikat kann aber kein Schiff auslaufen.

    Der Polizist hatte sich das Dokument schon in die Tasche gesteckt, aber nicht mit den entschlossenen Gaza-Aktivisten gerechnet. Blitzschnell waren alle Ausgänge blockiert – er war   gefangen. Alles verlief friedlich – ihm wurde immer wieder auf die Schulter geklopft und versichert, daß man persönlich gar nichts gegen ihn habe. Sogar eisgekühltes Mineralwasser wurde ihm angeboten. Mittlerweile war mit Maschinenpistolen bewaffnete Bereitschaftspolizei auf der Pier aufgefahren, die Hafenausfahrt wurde von einem Rettungskreuzer blockiert und ein Schlauchboot mit bewaffneten Soldaten fuhr vor.

    Schließlich wurde ein Kompromiß gefunden: Der Polizist rückte das Papier wieder heraus und Sandra Rush, die formale Eignerin des Schiffes, versprach, persönlich mit dem Dokument im Büro der Hafenmeisterin vorzusprechen. Das geschah dann auch – als Demonstration kanadischer, australischer, dänischer und belgischer Aktivisten durch die engen Straßen von Agios Nikolaos. »Free Gaza – free the flotilla« wurde skandiert, oder »Greece is ruled by Tel Aviv«. Die Passanten und Touristen schauten zunächst verdutzt, an mehreren Tischen von Cafés wurde Beifall geklatscht. Der Applaus wurde noch lauter, als die Aktivisten auf Englisch und Griechisch riefen: »Schande über Papandreou!«

    Die Hafenmeisterin hatte sich vorsichtshalber einige finster blickende Polizisten als Leibwache bestellt. Mit allerlei Ausflüchten versuchte sie, ihr Auslaufverbot zu begründen – die Unterhändler der »Tahrir« ließen aber nicht locker. Schließlich wurde ein Ausweg gefunden: Das Schiff darf auslaufen, aber nicht in Richtung Palästina. Die Schiffsführung zeigte sich sehr kooperativ, sie bot an, daß ein griechisches Polizeiboot die »Tahrir« begleiten kann. Selbst Soldaten an Bord seien willkommen – bis zur Grenze der griechischen Hoheitsgewässer. Danach haben griechische Soldaten nichts mehr an Bord zu suchen, das Schiff kann laut Völkerrecht fahren, wohin es will.

    Natürlich nicht nach Palästina.

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    Warten auf das Startsignal

    Von Peter Wolter

    Die »Tahrir« hat Kraftstoff übernommen, die Trinkwassertanks sind gefüllt, der Proviant für mehrere Tage ist verstaut. Jeder der 50 Aktivisten und Journalisten, die mit der jetzt aus zwölf Schiffen bestehenden Gaza-Flottille die israelische Blockade durchbrechen wollen, hat seine Sachen gepackt. Es kann also losgehen. Tut es aber noch nicht.

    Wir warten nämlich auf das Startsignal, das vom »Steering Committee«, dem  Lenkungsausschuß der Flottille gegeben wird. Das »Committee« besteht aus Vertretern der multinationalen »Free Gaza«-Bewegung, jedes einzelne Schiff ist darin vertreten. Sobald der entscheidende Anruf bei uns ankommt, werden alle unsere Leute per Telefonkette verständigt, so daß wir binnen zwei Stunden ablegen können.

    Fast eine Woche lang haben wir im Konferenzraum eines griechischen Hotels alle Facetten der Aktion durchgesprochen. In Rollenspielen haben wir den passiven Widerstand geübt, Verhöre durchgespielt, uns mit den zu erwartenden Haftbedingungen vertraut gemacht. Ein wichtiges Thema war die Angst vor dem Zugriff der Israelis, die dabei sehr wahrscheinlich Blendgranaten, Pfefferspray, Taser, Gummigeschosse und Tränengas einsetzen. Beim Entern der ersten Flottille im vorigen Jahr hatte die Marine sogar scharfe Hunde dabei. Angst, das haben unsere kanadischen Kommunikationstrainerinnen betont, läßt sich am besten in der Gruppe ertragen.


    Zusammenleben auf engstem Raum

    Wir sind darauf eingestellt, erst einmal drei Tage lang auf engstem Raum zusammenleben zu müssen. Waschen müssen wir uns mit Seewasser. Trinkwasser ist – wie der Name schon andeutet - nur zum Trinken da. Schlafen können wir nur auf den wenigen Sitzbänken in der Kabine oder auf dem stählernen Schiffsboden, unter dem Tag und Nacht die beiden Dieselmotoren wummern. Die meisten von uns werden wahrscheinlich seekrank sein, hoffentlich lernt jeder noch rechtzeitig, Luv und Lee zu unterscheiden – also die dem Wind zugewandte Seite des Schiffs von der anderen – es könnte an Deck sonst rutschig werden. Wenn die Israelis angreifen, werden wir fix und fertig sein, vor Angst bibbern und riechen wie die Iltisse. Hoffentlich legen uns die Soldaten das nicht als Angriff mit Chemiewaffen aus, über die bereits israelische Zeitungen fabulierten, die von den Streitkräften mit solchen Gruselgeschichten gefüttert werden. Bei uns an Bord gilt jedenfalls als oberste Regel: Wir sind friedlich. Jeder von uns hat eine Liste von Verhaltensmaßregeln unterschrieben, die uns sogar jedes böse Wort gegenüber den Soldaten verbieten.


    Strenge Sicherheitsregeln

    Die gefährlichsten Gegenstände an Bord sind Schraubenzieher, Schraubenschlüssel und Küchenmesser, die einzige Chemie findet sich in den sündhaft teuren Medikamenten, die wir in den Gazastreifen bringen wollen. Es darf kein Alkohol und keine Droge mitgenommen werden. Und damit nicht heimlich etwas an Bord geschmuggelt wird, wird jeder Teilnehmer vor dem Betreten des Schiffes mit Metalldetektoren durchsucht, sein Gepäck wird kontrolliert. Wir sind uns dessen bewußt, daß alles, was die Soldaten als Provokation mißverstehen könnten, in einem Massaker enden kann. Wie am 31. Mai 2010 auf der »Mavi Marmara«. Damals wurden neun Menschen erschossen, 50 weitere erlitten zum Teil schwerste Verletzungen.

    Auch auf diesen hoffentlich nie eintretenden Fall sind wir eingestellt. Unser »Medical Team« besteht aus zwei Ärzten aus Belgien und Kanada sowie einer belgischen Krankenschwester. Sie haben sich mit dem nötigen Material eingedeckt, um im Notfall auch Schußwunden versorgen zu können. Und einige Psychologinnen würden sich um die Traumatisierten kümmern. Einige von uns haben schon einen Teil ihres Gepäcks entsorgt oder den meist bettelarmen Zimmermädchen des Hotels übergeben – außer einigen T-Shirts, etwas Unterwäsche, einer Decke oder eines Schlafsacks können wir nichts mitnehmen. Eine erst später zu uns gestoßene Journalistin war mit mehreren Koffern angereist – sie wurde ein wenig bleich, als sie erfuhr, daß sie Abendgarderobe und Pumps entsorgen muß. Am Mittwoch wurden noch große Umschläge verteilt, in denen wir Kredikarten, persönliche Dokumente, Fotos und ähnliches nach Hause schicken. Den meisten Teilnehmern der Flottille des vergangenen Jahres blieb nämlich bei der Abschiebung aus Israel nur das, was sie auf dem Leib trugen – nur wenige bekamen einen Teil ihres Gepäcks zurück. Vielen wurde sogar die Brille von der Nase gerissen.


    Multinational und multireligiös

    Mittlerweile sind wir eine multinationale Gesellschaft geworden – gleich viel Männer und Frauen. Die Mehrheit kommt aus Kanada, wo auch der größte Teil der Spenden gesammelt wurde, mit denen das Schiff und die Medikamente gekauft wurden. Es gibt viele Australier sowie je ein halbes Dutzend Belgier und Dänen. Dann haben wir noch einen BRD-Bürger, eine russische Journalistin, einen iranischen TV-Reporter sowie zwei Türken.

    Buntscheckig wie die nationale Zusammensetzung sind auch die Berufe: Universitätsprofessoren, Ärzte, Sekretärinnen, Krankenschwestern, IT-Spezialisten, eine Anwältin. Viele gehören christlichen Friedensgruppen an, einige sind Muslime, andere jüdischer Abstammung. Atheisten wie ich sind in der Minderheit. Wir kommen bestens miteinander aus, der Umgang ist herzlich. »Wir fahren nach Palästina, weil wir dazu beitragen wollen, daß die Israelis die unmenschliche Blockade des Gazastreifens aufheben müssen«, faßte ein Kanadier zusammen. »Wir sind nicht hier, um darüber zu streiten, was die Sowjetunion falsch gemacht hat oder ob es einen Gott gibt.«

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    Eine geballte publizistische Macht

    Von Peter Wolter, jW-Korrespondent auf der »Tahrir«

    Das Schiff ist mit Hilfsgütern für die Palästinenser im Gazastreifen beladen, die rund 50 Aktivisten haben ihre fünftägigen Vorbereitungen beendet – es könnte jetzt eigentlich losgehen.

    Aber nur eigentlich. Für die Fahrt der nur 25 Meter langen »Tahrir« nach Palästina ist es zu stürmisch, die See ist zu rauh. Erst muß sich der Starkwind legen, vor Donnerstag oder gar Freitag wird es wohl nichts.
    Viele der rund 50 Mitreisenden nehmen sich erstmals seit Mitte vergangener Woche Zeit, an den Strand zu gehen. Andere belagern die wenigen Internet-Rechner in der Hotellobby, um Grüße an Angehörige zu schreiben, wiederum andere pinseln eifrig an Transparenten. Einkäufe kann man kaum noch machen – die meisten Läden und Banken sind wegen des Generalstreiks geschlossen. Böse darüber ist keiner der Aktivisten – der Vorschlag, sich mit Solitransparenten an der Gewerkschaftsdemonstration zu beteiligen, wurde nur aus Sicherheitsgründen verworfen.

    Nicht von der Hand zu weisen ist die Befürchtung, daß Israels Geheimdienst versucht, mit Sabotageakten das Auslaufen der Schiffe zu verhindern. Bereits bei der ersten Flottille dieser Art im vergangenen Jahr waren Schiffe auf geheimnisvolle Weise seeuntüchtig gemacht worden. Befürchtet wird auch, daß Griechenland dem diplomatischen Druck Israels und der USA nachgibt und das Auslaufen untersagt.

    Gewaltfreie »vierte Gewalt«

    Mittlerweile hat sich eine beachtliche Zahl von Journalisten angesammelt, die auf der »Tahrir« mitreisen. CBC, der größte kanadische TV-Sender, ist mit einem Kamerateam dabei, ferner die russische Komsomolskaja Prawda, die linke israelische Tageszeitung Haaretz, der Toronto Star – eine der größten Tageszeitungen Kanadas. Außerdem ein iranischer TV-Sender, die türkische Nachrichtenagentur Anadolu und diverse Nahostkorrespondenten, die als »Freelancer« alle möglichen Medien im englisch- und französischsprachigen Raum bedienen. Auch auf den anderen neun Schiffen oder Booten, die in griechischen Häfen auf das Signal zum Auslaufen warten, reisen viele Journalisten mit.

    Eine geballte publizistische Macht also – und genau das ist es, was die israelische Regierung am meisten fürchtet. Nur so sind ihre Beschimpfungen der teilnehmenden Journalisten zu verstehen, denen zunächst ein zehnjähriges Einreiseverbot nach Israel angedroht wurde. Das allerdings hatte nicht nur bei internationalen Journalistenorganisationen Protest ausgelöst, sondern war auch einigen westlichen Regierunge sauer aufgestoßen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nahm die Drohung am Montag wieder zurück.

    Es wäre so einfach

    Nichtsdestoweniger versucht die israelische Regierung alles, um ein PR-Desaster wie nach dem Massaker auf der »Mavi Marmara« im vergangenen Jahr zu verhindern. Sie will sich das Informationsmonopol sichern, um die Weltöffentlichkeit erst einmal mit ihrer eigenen Version der zu erwartenden Kaperung der Flotte zu bedienen. Sie wird wie im vergangenen Jahr wenige Stunden vor dem Zugriff mit Störsendern den Funkverkehr von Bord der Schiffe stören und die gefangen genommenen Journalisten mehrere Tage lang festhalten und nicht nur ihre Aufzeichnungen und Datenträger beschlagnahmen, sonder gleich die gesamte Ausrüstung.

    Taktisch gesehen ist das vielleicht nachvollziehbar, strategisch jedoch eine weitere PR-Dummheit. Die gefangenen Journalisten müssen wahrscheinlich nach wenigen Tagen freigelassen werden. Und dann werden sie nicht nur die Wahrheit über die Kaperung der Flotte berichten, sondern auch, wie sie vom Militär, der Polizei und dem Gefängnispersonal behandelt wurden. Wie mitreisende Nahostkorrespondenten herausgefunden haben, sollen bei den angreifenden Marineverbänden auch erstmals »embedded journalists« mitfahren. Bleibt abzuwarten, ob und wie der zu erwartende Piratenakt von ihnen zum Heldenepos umgeschrieben wird.

    Und dabei wäre es doch so einfach: Die israelische Regierung brauchte nur die Flotte passieren zu lassen – als ersten Schritt zur Aufhebung der Blockade.


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    Als Gruppe auftreten

    Von Peter Wolter
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    Dänische Mitreisende der Free-Gaza-Flottille in Griechenland

    Mal was Persönliches: So allmählich komme ich an die Grenze meiner Konzentrationsfähigkeit. Die Gruppe von etwa 45 Personen, die auf dem kanadischen Schiff »Tahrir« an der internationalen Hilfsflotte nach Gaza teilnehmen wird, besteht aus Kanadiern, Belgiern, Dänen und Australiern – ich bin der einzige Deutsche. Umgangssprache ist Englisch – was für mich eigentlich kein Problem sein sollte, da ich in einem früheren Leben acht Jahre lang für eine britische Nachrichtenagentur gearbeitet habe.

    Ist aber doch ein Problem. Erstens habe ich seit vielen Jahren kaum Englisch gesprochen. Das britische Englisch, meine ich – nicht das amerikanische, nicht das kanadische, nicht das australische. Letzteres verstehen oft sogar die Kanadier nicht- für die wird es dann ins Französische übersetzt. Das hilft dann auch den Belgiern weiter, die sich untereinander auch mal gerne auf Flämisch verständigen. Nach acht Stunden Schulung, Rollenspielen und Diskussionen habe ich buchstäblich Muskelkater im Gehirn.

    Heute abend haben wir drei Tage intensiver Vorbereitung in einer griechischen Hafenstadt hinter uns. Hauptsächlich ging es darum, wie wir uns bei der zu erwartenden Kaperung durch die israelische Marine verhalten. Wie wir jede Provokation vermeiden. Wir haben Verhörsituationen durchgespielt, den Umgang mit Mossad-Beamten, Polizisten und Gefängniswärtern. Es ging zunächst zwar immer um das Verhalten jedes Einzelnen, letztlich aber darum, daß wir als Gruppe auftreten. Und darum, wie die Gruppe jedes seiner Mitglieder schützen und psychologisch unterstützen kann. Dank an Lee und Lynn, die beiden Kommunikationstrainerinnen aus Kanada.

    Zudem wurde auch diskutiert, welche Rolle die fünf Journalisten spielen, die an der Expedition zum Gaza-Streifen (wahrscheinlicher aber in ein israelisches Gefängnis) teilnehmen. Sind wir nur die distanzierten Beobachter oder Teil der Gruppe? Wir einigten uns schließlich auf die Formulierung »embedded journalists«. Wir haben das Privileg, ein wenig mehr Gepäck mit an Bord nehmen zu dürfen – nämlich Kameras, Satellitentelefone, Notebooks. Was wir damit auf See anfangen können, werden wir sehen – jedenfalls kann man mit Sicherheit davon ausgehen, daß alles nach dem Zugriff der Israelis futsch ist. Ansonsten brauchen wir nicht viel: eine warme Jacke, zwei T-Shirts, Zahnbürste. Für viele Schlafsäcke ist kein Platz an Bord – wir werden nur einige mitnehmen und schichtweise darin schlafen.

    In den vier Tagen, die wir bisher gemeinsam verbracht haben, sind wir von einem Haufen Individuen zu einer Gruppe zusammengewachsen – geschickt arrangiert und gefördert von Lynn und Lee. Wir kennen uns mittlerweile alle bei Namen und von vielen ein Stück Biographie. Heute abend gibt es in einem konspirativ ausgewählten Strandrestaurant ein gemeinsames Abendessen.

    Mittlerweile wurden bergeweise Verbandsmaterial und Medikamente für die Erste Hilfe herangeschafft. Unser »medical team« besteht aus einem belgischen und einem kanadischen Arzt sowie einer belgischen Krankenschwester. Hoffentlich brauchen wir ihre Hilfe nicht. Die fünf Journalisten wollen zusammenbleiben und sich auch deutlich als Pressevertreter zu erkennen geben.

    Heute nachmittag ist das zweite französische Schiff mit Hilfsgütern Richtung Gaza ausgelaufen. Die Nachricht kam per E-Mail und wurde sogleich unter großem Beifall verlesen. Die kanadischen Genossen verteilten T-Shirts mit »Free-Gaza«-Aufdruck, die Däninnen bemalten ein mehrere Bettlaken großes Transparent, das am Schiff befestigt werden soll.

    Morgen gibt es letzte Instruktionen und Absprachen. Wer ist resistent gegen Seekrankheit und kann somit den Küchendienst übernehmen? Wer kümmert sich um die Toiletten? Wer kann der Crew des Schiffes zur Hand gehen? Wie wird das schichtweise Schlafen organisiert?

    Und dann sind wir fertig zum Auslaufen. Das kann schon am Montag sein, aber auch am Dienstag oder am Mittwoch. Etwa drei Tage nach dem Ablegen wird es heikel. Jeder hat im Hinterkopf, daß bei der Kaperung der Flottille des vergangenen Jahres neun Menschen von israelischen Soldaten umgebracht wurden.

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    Alle denkbaren Szenarien

    Von Peter Wolter

    Die Ankündigung Israels, daß die Marine den Hilfskonvoi für den blockierten Gazastreifen nicht passieren lassen wird, hat sicher nicht zur inneren Entspannung bei den Teilnehmern der Free-Gaza-Flottille beigetragen. So ziemlich jeder geht davon aus, daß die Kaperung der zehn Schiffe ähnlich brutal verlaufen wird wie im vergangenen Jahr – und jeder hofft, daß es nicht wieder neun Tote und zahlreiche Verletzte geben wird.

    In diversen griechischen Häfen bereiten sich die Aktivisten zur Zeit darauf vor, was sie zu erwarten haben. Was zum Beispiel zu tun ist, wenn die Soldaten die Schiffe vor dem Entern erst einmal mit Tränengas beschießen. Ist es besser, den Zugriff drinnen im Schiff oder draußen an Deck zu erwarten? Teilnehmer der Flottille des vergangenen Jahres raten dringend zu letzterem – das Tränengas wird dort schneller vom Seewind oder auch vom Luftwirbel israelischer Hubschrauber verweht.

    Die Mitreisenden der »Tahrir« bereiten sich seit Donnerstag im Konferenzraum eines Hotels auf alle denkbaren Szenarien vor. Die Ausgangslage ist klar: Der Hilfskonvoi wird wahrscheinlich wie im vergangenen Jahr in internationalen Gewässern angegriffen. Das widerspricht ohne Zweifel dem Völkerrecht – was den Israelis aber erfahrungsgemäß egal ist.

    Den Teilnehmern steht einiges bevor. Zunächst die Seefahrt: Viele haben bestenfalls Ausflugsdampfer kennengelernt – mit einem 25 Meter langen Schiff durch das zur Zeit recht rauhe Mittelmeer zu schaukeln, dürfte manchen Magen überfordern. Das »medical team« der Aktivisten will vorsichtshalber Scopolamin-Pflaster besorgen, die sich als wirkungsvoll gegen die Seekrankheit erwiesen haben. Es wird auch schwierig sein, Schlaf zu finden – unter Deck gibt es zwar einige Tische und Bänke, aber keine Kojen. Die Teilnehmer werden dort schichtweise schlafen oder sich gleich an Oberdeck auf die harten Stahlplatten legen müssen. Mit der Toilette sieht es auch schlecht aus – es gibt nämlich nur eine für etwa 45 Passagiere.

    Die nächste Phase wäre der Zugriff. Die israelische Marine wird die Schiffe per Seefunk auf Kanal 16 anfunken und sie zunächst recht höflich bitten, entweder umzukehren oder einen israelischen Hafen anzulaufen.  Das aber wird keines der Schiffe tun, worauf sich die israelischen Enterkommandos mit schnellen Schlauchbooten und Hubschraubern auf den Weg machen. Teilnehmer der letztjährigen Flottille berichten, daß die  Soldaten maskiert sind und am Gürtel Tränengaspatronen und Taser-Pistolen tragen – Geräte, die auf kurze Distanz einen elektrischen Kontakt verschießen, der Menschen für einige Zeit am ganzen Körper lähmt. In der Hand halten sie ein M-15 Gewehr mit einem Aufsatz, der Paintballs verschießt. Diese Bälle sind mit einer fluoreszierenden Flüssigkeit gefüllt, so daß der Getroffene auch bei Dunkelheit sichtbar ist.

    Per Rollenspiel versuchen sich die Teilnehmer damit vertraut zu machen, was sie erwartet, wenn die israelischen Soldaten an Bord kommen. Ist es besser, gleich die Hände hochzuheben? Oder ist es vorzuziehen, untergehakt am Boden sitzen zu bleiben? Wie verhält man sich, wenn die Soldaten  einem den Gewehrkolben ins Gesicht rammen oder mit ihren Stiefeln in die Mägen treten? Oder versuchen, einem die Finger zu brechen, wie es laut des Berichts einer UN-Kommission im vergangenen Jahr geschah?

    Gegenwehr wäre sicherlich das Falscheste, was man in einem solchen Moment tun kann. Und wie reagiert man, wenn einem die Hände mit Kabelbindern auf dem Rücken gefesselt werden? Protestieren ist eher nicht angebracht – erfahrungsgemäß ziehen die Soldaten dann die Plastikfesseln noch stärker an. Im vergangenen Jahr führte das in Dutzenden Fällen dazu, daß die Hände monatelang gelähmt blieben. Und wie kann man versuchen, seine Fassung und seine Menschenwürde zu bewahren, wenn einem die Soldaten Plastiktüten über den Kopf ziehen?

    Die nächste Phase, auf die sich die Teilnehmer innerlich vorbereiten, ist die Ankunft in Israel. Im vergangenen Jahr wurden die gefangenen Aktivisten wie im Triumphzug durch ein Spalier aufgehetzter Israelis geführt, die sie beschimpften und mit Dreck bewarfen. Selbst Schulklassen wurden zu diesen Zweck herbei gekarrt, das Ganze wurde im Fernsehen übertragen. Wie geht man mit einer solchen Situation um, in der man gezielt erniedrigt wird?

    Darüber hinaus müssen sich die Aktivisten auf die Verhöre einstellen. Soll man auf einen Dolmetscher bestehen oder sich auf das gebrochene Englisch inferiorer Polizeibeamter einlassen? Soll man etwas unterschreiben? Gar Papiere, die in Hebräisch verfaßt sind? Wie stark soll man darauf insistieren, mit dem Vertreter der Botschaft seines Landes zu sprechen?

    Bis zur Abschiebung werden die Teilnehmer wohl erst einige Zeit in einem israelischen Gefängnis verbringen müssen. Frühere Teilnehmer berichten, daß sie dort im Vergleich zu vorher korrekt behandelt wurden.

    Den 45 Mitreisenden der »Tahrir« sieht man die Spannung an, auch wenn jeder versucht, so cool wie möglich zu bleiben. »I got butterflies in my stomach«, bekannte ein Australier.

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    Auf alles gefaßt

    Peter Wolter

    In griechischen Häfen bereiten sich Aktivisten aus 40 Ländern darauf vor, die israelische Seeblockade zu durchbrechen


    Ein wenig mulmig ist wohl allen, die am Montag mit zehn Schiffen versuchen wollen, die israelische Blockade des Gaza­streifens zu durchbrechen, um die dort lebenden Palästinenser mit dringend benötigten Hilfsgütern wie Medikamenten, Krankenhausausstattung und Baumaterial zu versorgen. In diversen griechischen Mittelmeerhäfen bereiten sich zur Zeit Aktivisten aus schätzungsweise 40 Ländern auf die Reise vor, die mit Sicherheit zu einer Konfrontation mit der Marine Israels führen wird. Es ist erst gut ein Jahr her, daß die erste Gaza-Flottille mit einem Massaker endete: Israelische Soldaten erschossen auf der »Mavi Marmara« neun Männer und verwundeten etwa 50 weitere. Mindestens sechs der Toten waren nach Erkenntnissen einer Untersuchungskommission der UNO kaltblütig ermordet worden.

    Kein Teilnehmer dieser neuen Solidaritätsfahrt zweifelt daran, daß Israel auch dieses Mal nicht davor zurückschreckt, die Schiffe in internationalen Gewässern zu überfallen. Piraterie nennt sich das – die Besatzungen der angegriffenen Schiffe wären völkerrechtlich durchaus legitimiert, sich mit allen Mitteln zu wehren. »Alle Mittel« scheiden aber aus, wenn man eine Eskalation wie 2010 verhindern will.

    Friedlich soll die Aktion verlaufen – Widerstand ja, aber gewaltlos. Und das wird erst einmal zwei Tage lang geübt. Die 45 Aktivisten, die auf der »Tahrir« fahren, bereiten sich im Konferenzraum eines Hotels vor – benannt ist das nur 25 Meter lange Schiff nach dem zentralen Platz in Kairo, auf dem die Demonstrationen stattfanden, die schließlich im Februar den Staatspräsidenten Hosni Mubarak zu Fall brachten. Die Teilnehmer kommen aus Australien, Belgien, Kanada und Dänemark – nur einer, der Autor dieses Beitrags, ist aus der BRD. Zwei der Aktivisten waren schon auf der »Mavi Marmara« dabei, einer trug eine Schußwunde davon. Die Berufe sind sehr unterschiedlich: Unter den Mitreisenden sind etwa Ärzte, Ingenieure, Rentner, Sekretärinnen, Lehrer und Hausfrauen.

    Von Antisemitismus, wie es die israelische Propaganda und ihre »antideutschen« Papageien darstellen, ist keine Spur zu finden, niemand stellt das Existenzrecht Israels in Frage. Auch Sympathien für die im Gazastreifen herrschende Hamas sind nicht zu entdecken. Es ist die humanitäre Zivilgesellschaft, die sich in wenigen Tagen auf den Weg nach Palästina macht. »Wir sind nicht solidarisch mit der Hamas, sondern vor allem mit den Frauen und Kindern im Gazastreifen. Zivilisten helfen Zivilisten«, umschrieb es eine Kanadierin.

    Auch die Finanzierung der Aktion ist durchsichtig – anders als es Linken-Fraktionschef Gregor Gysi zur Begründung seines Maulkorb-Erlasses vom 7. Juni anführte. Die »Tahrir« z. B. wurde vorwiegend mit Spenden kanadischer Privatleute erworben. Die Deutsch-Palästinensische Gesellschaft, die ebenfalls eher Distanz zur Hamas hält, gab 10000 Euro hinzu – das damit erworbene Anrecht auf einen Platz trat sie an die junge Welt ab.

    Wie am Freitag bekannt wurde, wird sich auf einem anderen Schiff Elfi Padovan, Gründungsmitglied des Bundesarbeitskreises Gerechter Frieden in Nahost der Partei Die Linke, an der Freedom-Flottilla II beteiligen. »Als deutsche Antifaschistin habe ich aus dem Holocoust gelernt, daß sich jeder mitschuldig macht, der Unrecht tatenlos zusieht«, erklärte die frühere Kunsterzieherin, die auch dem Vorstand der bayerischen Landesarbeitsgemeinschaft Frieden und internationale Politik angehört


  • · Tagebuch

    Üben in Griechenland

    Bild 1

    In Griechenland treffen sich zur Stunde die ersten Teilnehmer der Freedom-Flottilla II, die in der kommenden Woche versuchen will, auf dem Seeweg Hilfsgüter nach Gaza zu bringen und die Aufhebung der israelischen Blockade zu erreichen. Aus Sicherheitsgründen werden die Häfen, aus denen die rund zehn Schiffe auslaufen, noch nicht bekannt gegeben. Ab Freitag stehen Aktionstrainings für eine gewaltfreie Bewältigung kritischer Situationen auf dem Programm.

    junge Welt-Redakteur Peter Wolter begleitet die Free-Gaza-Flottille auf der »Tahrir« und berichtet nicht nur in der Printausgabe, sondern auch im Online Spezial. Die Stimmung unter den bisher Angereisten ist gut. Sie haben allesamt Erfahrung in professioneller NGO-Arbeit und waren bereits in Krisengebieten. (jW)

  • · Tagebuch

    Online-Spezial: jW begleitet die Flottille

    Ship

    Der israelischen Regierung wäre es am liebsten, wenn die Weltöffentlichkeit keine Notiz von der Solidaritäts-flottille nähme, die in wenigen Tagen Richtung Gaza in See stechen wird. Da sich das nicht ganz verhindern läßt, wird sie wie im vergangenen Jahr die Nebelwerfer der Propaganda munitionieren und den Teilnehmern der Hilfsaktion alle nur denkbaren antisemitischen, islamistischen oder gar terrroristischen Motive unterstellen. Dankbare Abnehmer für diese Desinformationen findet sie nicht nur bei »Antideutschen«, sondern auch in den größten deutschen Medien.

    junge Welt will berichten, was tatsächlich abläuft: Einer ihrer Redakteure wird sich auf der »Tahrir« einschiffen – nach bisherigen Informationen als einziger deutscher Teilnehmer. Er wird versuchen, so lange und so ausführlich wie möglich exklusiv für die junge Welt über die Fahrt der Flotte zu berichten. Von Berlin aus werden wir ab Donnerstag auf unserer Internetseite einen »Newsticker« beschicken, der alle verfügbaren Informationen zusammenfaßt: Berichte von Bord, Meldungen von Nachrichtenagenturen, Pressemeldungen, Medienschau, Originaltöne und Standpunkte aus dem In- und Ausland sowie möglicherweise auch Korrespondentenberichte aus Israel. Ein Mitarbeiter wird arabischsprachige Internetseiten im Blick behalten. Unsere Meldungen werden auch über den Kurznachrichtendienst Twitter und unsere Facebook-Seite verbreitet– Näheres dazu auf unserer Home­page.

    Auch beim UZ-Pressefest am kommenden Wochenende wird die Palästina-Flottille eine Rolle spielen. Für Sonntag, 13.00 Uhr, ist im jW-Zelt eine Veranstaltung zur »Antisemitismus«-Diskussion in der Linkspartei angesetzt. Auf dem Podium werden der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko sowie das Mitglied des NRW-Landesvorstandes, Jürgen Aust, Rede und Antwort stehen. Und wenn es technisch klappt, werden wir auch eine Liveschaltung zur »Tahrir« herstellen.

    (pw)