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Überfluss

Von Helmut Höge
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Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat die Deutschen aufgefordert, mehr und länger zu arbeiten. Ebenso Bundeskanzler Friedrich Merz. Und der kürzlich zurückgetretene Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Stefan Wolf, forderte, das Renteneintrittsalter auf 70 anzuheben und zugleich die Wochenarbeitszeit zu verlängern. Außerdem plädiert er für den Bau neuer Atomkraftwerke. Ohne AKW und längere Lebensarbeitszeiten sei »das System mittelfristig nicht mehr finanzierbar«.

Diese asoziale Wende begann gleich nach Auflösung der Sowjetunion. Für die BRD war die DDR immer eine Bremse gegen derlei Übergriffigkeiten auf gewerkschaftlich erkämpfte Verbesserungen. Neuer Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall ist seit dem 1. Januar Udo Dinglreiter, Mitinhaber und Geschäftsführer des niederbayerischen Maschinenbauers R. Scheuchl. Er ist der erste Präsident, der aus einem Unternehmen ohne Tarifbindung stammt. Das sei »ein Novum« teilte Gesamtmetall mit – und auch ein Signal?

Es sieht so aus, dass all diese Forderungen nach längeren Lebens- und Wochenarbeitszeiten die Industriearbeiterschaft der AfD geneigt machen. Dabei zeigte es sich schon bei der Bundestagswahl 2025, dass die Rechten einen »historischen Stimmenzuwachs« (Deutsche Wirtschaftsnachrichten) bei den Belegschaften erzielten, die im Südwesten u.a. bei Bosch, Porsche und ZF (einem Unternehmen für Antriebs- und Fahrwerktechnik) arbeiten. Dort verschwinden laut Handelsblatt »Industriearbeitsplätze im Rekordtempo«, was die Zeitung ein »Konjunkturprogramm für die AfD« nennt.

Den von der Krise betroffenen Unternehmen mangelt es nicht an längeren Arbeitszeiten, sondern an Absatzmärkten und Aufträgen. Sie haben einen hohen Umsatzanteil im Ausland und der sinkt. »Ich sage nur Kina, Kina, Kina!« So schon der einstige CDU-Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger. Die heutige Bundesregierung ist dagegen machtlos. Anscheinend kann sie nur einen sanften Übergang zur nächsten AfD-Regierung bilden. Zumal die in mehreren Anläufen entstandene »Alternative für Deutschland« ja bereits aus der Helmut Kohlschen »Allianz für Deutschland« (die AfD in den DDR-Märzwahlen 1990) hervorgegangen ist.

Ich las kürzlich »Die ursprüngliche Wohlfahrtsgesellschaft« (2024, erstes Kapitel von »Stone Age Economics«, 1974) des Anthropologen Marshall Sahlins. Der meint zu dem Gemeinplatz, dass sich alles im Laufe des Fortschritts verbessert habe, nicht zuletzt auch in bezug auf die Arbeitszeiten, das Gegenteil sei der Fall. Die technologische Entwicklung habe nicht dazu geführt, dass die heutigen Menschen weniger arbeiten, sondern eher, dass sie mehr arbeiten. Viele Jäger, Sammler und Gartenbauer arbeiteten nur zwei bis vier Stunden am Tag. Dabei seien die frühzeitlichen Menschen nicht ärmer gewesen als jetzige Konsumenten. Wahrscheinlich hätten sie sogar überwiegend in großem Überfluss gelebt. Wobei »Überfluss« nicht als absoluter Begriff zu verstehen ist. »Überfluss bezeichnete vielmehr eine Situation, in der man auf alles leichten Zugriff hatte, was man für ein glückliches und bequemes Leben zu brauchen glaubte«, schreiben die Ethnologen David Graeber und David Wengrow in ihrem Buch »Anfänge« (2022). David Graeber war ein Schüler von Sahlins und Mitglied der Gewerkschaft »Industrial Workers of the World«.

Der »Kampf ums Dasein« und das »Überleben der Tüchtigsten« – diese darwinistischen Phrasen spuken dessenungeachtet immer noch in den Köpfen der bundesdeutschen Unternehmer und neokonservativen Politiker. Bei den Biologen haben sie zwar auch noch nicht völlig abgedankt, aber einige bemühen sich doch, sie neu und realistischer zu fassen. Der österreichische Evolutionsforscher Franz Wuketits spricht vom »Überleben des Ängstlichsten« und veröffentlichte »Ein Lob der Feigheit« (2008). Der Physiker Dirk Brockmann schrieb ein Buch mit dem Titel »Survival of the Nettest« (2025) und die Psychologin Nancy Etcoff eines mit dem Titel »Survival of the Prettiest« (1999).

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  • Leserbrief von Hans-Jürgen Thiele aus Chemnitz (6. Januar 2026 um 11:26 Uhr)
    Zu Kiesingers Zeiten war China noch zu »unbedeutend«. Mit solch schlechtem Deutsch (Lernstand A1) wurde vor diesem Land erst später gewarnt. Von einem Mitglied der Asylantengruppe der Bayern, dem unnachahmlichen Edmund Stotter-Stoiber in seiner Paraderolle des Asylanten-Deutschlehrers. Das vielfach nachgeäffte »Kina, Kina, Kina!« zog ja teils Lachstürme nach sich. Vielleicht war er aber nur der verkappte Russe. Die sagen ja heute noch Kitai statt China als ehemals tributpflichtige Kolonie von denen.
    Aber warum Lernstand A1? Bei bayerisch erstmal verständlich. Noch verständlicher bei der ursprünglich alttschechischen Aussage des Begriffs Bayern: Männer aus Böhmen!Übrigens: Das große »Berggeschrey« im Erzgebirge früherer Jahrhunderte führte dort zu ähnlicher Sprachsuppe und zum Verschwinden der Obersorben. Deren Rest lebt heute noch südlich davon: als Tschechen.

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