An Demütigung herrscht kein Mangel
Von Michael Sollorz
Am Anfang ist David vierzehn, ein spilleriges Kerlchen, hochsensibel und immerzu auf der Hut, alles richtig zu machen und bloß nicht aufzufallen, obwohl er ständig und überall auffällt in der englischen Provinz der sechziger Jahre. Er könne doch im Radio auftreten, meint eine ältere Schauspielerin, als er darstellerische Ambitionen zeigt. Später hört er sie sagen, er sähe aus »wie eine kleine braune Katze«. Seinen burmesischen Vater hat David nie getroffen, die alleinerziehende Mutter näht für Frauen in der Nachbarschaft, in Summe schlechte Karten für den Aufstieg aus der Unterschicht.
Etwas Hoffnung keimt, als seine Mutter mit einer wohlhabenden Witwe zusammenzieht. Zunächst tun die Frauen so, als ob »sie nur zwei Freundinnen mittleren Alters waren, die zusammenlebten, um Gesellschaft zu haben und Geld zu sparen«. Doch bald erfährt David ihre Wahrheit, die auch eine Wahrheit seines Lebens sein wird; noch ahnt er es nur.
Was für den Jungen zum Sprungbrett wird, ist das Hadlow-Stipendium, mit dessen Hilfe er Bampton besucht, eine Privatschule mit Internat. Hier steht er in der Hackordnung ganz unten. »Meine vier Jahre an der Bishop Alfred’s School mit ihrer unvergifteten Atmosphäre hatten mich nicht auf den Spott, die Späße und die wahllose Gewalt vorbereitet, die in Bampton Tag und Nacht auf mich niederprasselten.« Beim Mobbing vorneweg ist ausgerechnet Giles Hadlow, der Sohn des schwerreichen kunstsinnigen Mäzens, auf den Davids Stipendium zurückgeht und dem er als Erwachsener zeitlebens freundschaftlich verbunden sein wird.
Kapitelweise altert der Ich-Erzähler. Das Studium in Oxford hält er durch, schmeißt aber bei der Abschlussprüfung hin, weil ihn ein ganz anderes Leben ruft. Er findet Anschluss an eine experimentelle Theatergruppe, und von nun an klappt es auch mit den Männern, wobei ihm sein Coming-out wohl als Lebensaufgabe erhalten bleibt, weil »man das nicht ein für allemal erledigen konnte, als würde man eine Anzeige in der Times aufgeben«.
An Demütigung herrscht auch in der Kunstwelt kein Mangel. Verliebt in einen schwarzen Kollegen, stellt David fest, dass dessen berufliche Misere der eigenen entspricht: »Wer würde einen brillanten schwarzen Schauspieler einstellen, wenn er einen halbwegs adäquaten weißen kriegen konnte?«
Der 1954 geborene Alan Hollinghurst ist ein Virtuose feiner Nuancen. Auch frühere seiner Bücher desavouieren die britischen Eliten mit ihrem Geld und ihrer Macht, ihrem Dünkel und dem Schaden, den sie ihrem Land zufügen. Er kennt seine Upper-Class-Pappenheimer und beherrscht ihr sprachliches Instrumentarium, dezente Bosheiten, die offene Unverschämtheit, das Ironische. Wie er die subtile Justierung von Klassengesellschaft literarisch funkeln lässt, bereitet auch diesmal wieder großes Vergnügen. Schon sein Debüt »Die Schwimmbad-Bibliothek« (1988) führte einen sorglosen jungen Partyschwulen in die abgedunkelte Welt eines adeligen alten Kolonialbeamten mit seinen Privilegien und seiner heimlich gelebten Vergangenheit. Später verhandelte »Die Schönheitslinie« gleich zwei Katastrophen, AIDS und die eisige Ära Thatcher; ein großer Gesellschaftsroman, trotz expliziter schwuler Sexszenen 2004 mit dem Booker Prize geehrt und als Fernsehdreiteiler von der BBC verfilmt. Beides erstaunt ebenso wie der kürzliche Ritterschlag durch dasselbe Königshaus, dessen homophobe Heuchelei der Autor immer scharf kritisierte. Hier scheint eine Souveränität zu walten, die im dumpfen Deutschland ihresgleichen vergeblich sucht.
Zunehmend erfolgreich in Film und Theater, trifft David bei öffentlichen Anlässen immer wieder auf den »jugendlichen Sadisten« Giles Hadlow, seinen einstigen Schulquäler, und kann jetzt verstehen, »dass genau dies die Essenz seines Wesens ausmachte: ein verzogener, nägelkauender Bengel, den kein Mensch jemals ernst nehmen konnte«. Doch da irrt er. Der geschmeidige Karrierist Hadlow kommt bei den Konservativen als Euro-Gegner groß raus, wird am Ende die Wahl gewinnen und das Land aus der EU führen. Sein Sieg ist ein Menetekel, düstere Aussichten für die Zukunft – und stecken wir nicht schon mittendrin? Plötzlich tragen die Leute auf der Straße Masken, und es geht ein harter Wind, der einfach nicht mehr aufhört. Erschrocken blicken wir auf »unser neues Wetter, wie herrlich es gelegentlich auch sein mochte. Es war trostlos, sich nach einem Leben voller überwundener Ängste diesen neuen Herausforderungen zu stellen, die nach unserem Tod für andere so unausweichlich sein werden wie der Tod selbst.«
Ungeachtet der verstörenden Schlussseiten entfaltet die Lektüre im nachhinein ihren ganz eigenen Zauber. Das Buch gleicht einem langen, ruhigen Fluss. Sechzig Jahre Leben sind vorübergezogen, so viele Gesichter und Milieus, präzise gezeichnet. Der Leser sollte sich treiben lassen, absichtslos, aber bereit zu Erkenntnis und Genuss. Am Ende fühlt man sich dankbar und auf jene schwer erklärliche Weise bereichert, wie sie die Berührung mit Kunst auszulösen vermag. Die erbarmungslose Schärfe seiner »Schönheitslinie« zu wiederholen lag wohl nicht in Sir Alans Absicht. »Unsere Abende« schlägt sanftere Töne an, folgt der Intention des schönen Titels. Ein Mensch begibt sich auf die Suche nach Erinnerungen – und was von ihnen bleibt.
Alan Hollinghurst: Unsere Abende. Albino-Verlag, Berlin 2025, 624 Seiten, 28 Euro
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