Die ersten Kämpfer gegen den Faschismus
Ein Comicroman über den tschechischen Spanienfreiwilligen Jaroslav Klecan: »Der Idealist« von Marek Toman und Stanislav Setinský
Der von Marek Toman verfasste und von Stanislav Setinský illustrierte Comicroman »Der Idealist« folgt der Biographie des tschechischen Spanienfreiwilligen Jaroslav Klecan und ist allein schon wegen der Themenwahl bemerkenswert. Weil Autor und Zeichner den Mut aufbrachten, in einem widrigen gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld einen kommunistischen Widerstandskämpfer zum Helden einer Geschichte zu machen. »Denn die Erinnerung an tschechoslowakische Interbrigadisten«, schreibt Toman, »wird entweder von ihrer Rolle als Protagonisten des kommunistischen Regimes überschattet oder verschwindet hinter einem Schleier aus Vergessen und Desinteresse.«
Zweitens verdient das Buch wegen Klecans ungewöhnlicher Liebesgeschichte Beachtung, die mich an ein ähnliches Schicksal erinnert, das des Österreichers Karl Sequens, der wie sein tschechischer Genosse während des Spanienkriegs eine junge Frau aus Valencia geheiratet hatte, später ebenfalls in den französischen Lagern Gurs und Le Vernet interniert war und noch später in Nazideutschland ums Leben kam. Klecan wurde am 8. September 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet, Sequens starb Anfang 1945 in Dora Mittelbau, einem Nebenlager des Konzentrationslagers Buchenwald, nachdem er Dachau, Majdanek und Auschwitz überlebt hatte.
Francisca García Tarazona, Klecans spanische Frau, heiratete 1942 ein zweites Mal, diesmal einen Landsmann von ihr, und brachte sieben Kinder zur Welt. Erst als Witwe, Ende der 90er Jahre, wollte sie herausfinden, ob ihre erste große Liebe trotz anderslautender Informationen nicht doch noch am Leben wäre, und wandte sich an die Botschaft der Tschechischen Republik in Madrid. Ihr Schreiben fiel, wieder Jahre später, Marek Toman in die Hände, der dank der Adresse am Briefumschlag Verbindung zu den Kindern der inzwischen verstorbenen Frau aufnehmen konnte. Von ihnen erhielt er ein dickes Bündel Briefe, die Klecan in Le Vernat an Francisca geschrieben hatte. Deren Lektüre gab dem Comic Richtung und Gehalt: »Die Spuren einer Liebe, die sogar den Tod überdauert hat. Die Finger- und Lippenabdrücke in den Briefen, die Schatten der Worte.« Es spricht für Setinský, dass er diese Schatten als Gestaltungsprinzip für seine in fahlem Grün und Braun gehaltenen Illustrationen übernommen hat und kaum je in die in Comics verbreiteten Stereotypen verfallen ist.
Bedeutsam ist »Der Idealist« aus einem weiteren Grund: Wie Sequens und die meisten anderen nichtjüdischen Interbrigadisten hatte sich auch Jaroslav Klecan in Le Vernet zum Arbeitseinsatz in Deutschland gemeldet. Während die Österreicher aber entgegen den Versprechen der Kundt-Kommission, die das Lager inspizierten, an der Demarkationslinie verhaftet wurden, kam Klecan tatsächlich in einer Fabrik im sächsischen Espenhain zum Einsatz. Von dort schlug er sich nach einigen Monaten in seinen südböhmischen Geburtsort Zadní Zborovice und weiter nach Prag durch, wo er Kontakt zu dem kommunistischen Journalisten Julius Fučík aufnahm und ein weitgespanntes Widerstandsnetz aufbaute, ehe er im April 1942 bei einem illegalen Treffen mit Fučík verhaftet wurde. Der Rest der Geschichte, schreibt Toman, sei nur durch dessen berühmt gewordene, in den Jahren nach der Befreiung in hohen Auflagen verbreitete und in 90 Sprachen übersetzte »Reportage unter dem Strang geschrieben« auf uns gekommen. Fučík schrieb sie im Frühjahr 1943, ein halbes Jahr vor seiner und Klecans Hinrichtung, im Gefängnis Pankrác auf Klopapier, das zwei Wärter aus der Zelle schmuggelten und bis Kriegsende versteckten. In ihr erscheint Jaroslav Klecan unter seinem Decknamen Mirek als derjenige, der viele Genossen und Genossinnen an die Gestapo verraten habe: »Siehe, da war ein Mensch mit einem Rückgrat, der den Kugeln nicht auswich, als er an der spanischen Front kämpfte, und der sich nicht beugte, als er durch die grausamen Erfahrungen des Konzentrationslagers in Frankreich ging. Jetzt erbleicht er vor dem Rohrstock in der Hand des Gestapomannes und verrät, um seine Zähne zu schützen. Wie oberflächlich war seine Beständigkeit, wenn einige Schläge sie wegwischen konnten? So oberflächlich wie seine Überzeugung. Er war stark in der Masse, umgeben von gleichdenkenden Kameraden. Er war stark, weil er an sie dachte. Jetzt, isoliert, allein, umgeben von dem angreifenden Feind, hat er seine Kraft völlig verloren, weil er begonnen hat, an sich zu denken. Um seine Haut zu retten, hat er die Kameraden geopfert. Er ist der Feigheit verfallen und aus Feigheit hat er Verrat geübt.«
Den Wahrheitsgehalt dieser Anschuldigungen hatten neben Klecans Geschwistern und seinen Gefährten in Spanien auch Überlebende der von ihm koordinierten Widerstandsgruppe angezweifelt, aber kein Gehör gefunden oder es erst gar nicht gewagt, die Autorität der zum Nationalepos erhobenen Aufzeichnungen Fučíks in Frage zu stellen. Erst 1995 ergab eine kriminaltechnische Untersuchung seines Manuskripts, neben der oft angezweifelten Echtheit, dass in der Buchausgabe die letzten Blätter fehlten, auf denen Fučík eingeräumt hatte, bei den »verschärften Einvernahmen« Namen genannt zu haben: von Genossen, die er in Sicherheit wusste oder die der Gestapo ohnehin schon bekannt waren. Das traf, Archivfunden zufolge, auch auf Jaroslav Klecan zu. Warum er trotzdem von Fučík angeschwärzt worden war, lässt sich nach Meinung Tomans nur mit Neid und Eifersucht erklären.
Was nun das Ansehen der Spanienkämpfer betrifft, gibt es kaum ein anderes Land, in dem es so lange beschädigt war wie in der Tschechoslowakei. Einige Interbrigadisten nahmen nach dem Februarumsturz 1948 hohe Posten in Partei und Regierung ein, wurden aber im Zuge des Slánský-Prozesses vier Jahre später als angebliche Trotzkisten, Zionisten und Agenten imperialistischer Geheimdienste verfolgt und verurteilt. Unter den elf Hingerichteten waren zwei Spanienkämpfer, Bedřich Reicin und Josef Frank, ein dritter, André Simone alias Otto Katz, hatte in Paris die Agence d’Espagne, Presseagentur der Spanischen Republik, geleitet. »So wurde die Vorhut im Kampf gegen den Faschismus plötzlich zu Verrätern«, schreibt Toman. »Die Erinnerung an ihren Einsatz in Spanien wurde unterdrückt, bis sie im Grunde aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden war.« Anders als in der DDR oder in Jugoslawien hätten in der Tschechoslowakei keine Straßennamen an sie erinnert. Das änderte sich erst während der politischen Reformbewegung der 60er Jahre, in der mit Josef Pavel ein Interbrigadist Innenminister wurde und mit František Kriegel, der sich im August 1968 als einziges Mitglied der tschechoslowakischen Parteidelegation weigern sollte, das von der KPdSU diktierte Moskauer Protokoll zu unterzeichnen, ein anderer Spanienfreiwilliger Angeordneter der Nationalversammlung.
Nach der Niederschlagung des »Prager Frühlings« wurden die Spanienkämpfer erneut unter Generalverdacht gestellt. Marek Toman: »Als der Regisseur Jaroslav Hovorka im Jahr 1986, 50 Jahre nach der Gründung der Interbrigaden, eine Fernsehdokumentation über sie drehen wollte, endete er deshalb beinahe vor Gericht. Allein die Tatsache, dass jemand ehemalige Interbrigadisten interviewen wollte, führte in der Armee- und Parteiführung zu einem Aufschrei.« Auch nach dem politischen Umbruch 1989 habe sich an der Stellung der Interbrigadisten nichts geändert. »Früher wurden sie als Trotzkisten verdächtigt, nun als Kommunisten geächtet. Die noch am Leben waren, stellten verbittert fest, dass auch das neue System sie nicht als das erkannte, als was sie sich vor allen Dingen sahen: als die ersten Kämpfer gegen den Faschismus, als praktisch die einzigen tschechoslowakischen Soldaten, die gekämpft hatten, als die Tschechoslowakei zugrunde ging.«
Um so erfreulicher ist es, dass Tomans und Setinskýs Comicroman über einen »Idealisten« (bei dem es sich eher um einen historischen Materialisten gehandelt haben dürfte) auf tschechisch in Prag erschienen ist – und natürlich in deutscher Übersetzung.
Marek Toman (Text)/Stanislav Setinský (Zeichnungen): Der Idealist. Aus dem Tschechischen von Katharina Hinderer. Bahoe Books, Wien 2026, 128 Seiten, 28 Euro
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