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Aus: Ausgabe vom 21.05.2022, Seite 13 / Geschichte
Antifaschistischer Widerstand

Berufsrisiko des Henkers

Am 27. Mai 1942 verübten tschechoslowakische Widerstandskämpfer ein Attentat auf Reinhard Heydrich. Der Hauptorganisator der Schoah starb wenige Tage später
Von Janka Kluge
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Reinhard Heydrichs Mercedes nach dem Attentat

In der Silvesternacht 1941 sprangen sieben Fallschirmspringer in der Nähe von Prag ab. Sie waren tschechoslowakische Elitesoldaten, die den Widerstand in Tschechien unterstützen sollten, und hatten unterschiedliche Aufgaben. Die einen sollten eine neue Funkstation für den Kontakt des Widerstands mit der tschechischen Exilregierung in London aufbauen, andere hatten den Befehl, Ziele aus der Rüstungsindustrie mit Leuchtsignalen zu markieren, damit die britische Luftwaffe sie bombardieren konnte. Zwei von ihnen waren ausgesucht worden, um einen Anschlag auf Reinhard Heydrich zu verüben. Jan Kubis und Josef Gabcik, zwei Unteroffiziere der tschechoslowakischen Exilarmee, waren für das Attentat eigens in Schottland ausgebildet worden. Die Planung wurde unter strenger Geheimhaltung vom britischen Special Operation Executive (SOE) und dem tschechoslowakischen militärischen Nachrichtendienst organisiert. »Operation Anthropoid« nannten die beiden Geheimdienste die Attentatsplanung. Unklar ist bis heute, wann genau die Entscheidung zu dem Attentat fiel. Historiker sind sich aber einig, dass es spätestens im Oktober 1941 gewesen sein muss.

Heydrich wurde 1941 mit der Organisation der Schoah beauftragt. Auf seine Einladung hin fand am 20. Januar 1942 die Wannseekonferenz statt. Bei diesem Treffen wurde der systematische Mord an den jüdischen Menschen nicht beschlossen, sondern ausgearbeitet, wie der Mord noch effizienter durchgeführt werden konnte. Heydrich war von 1933 an maßgeblich am Aufbau der Bayerischen Politischen Polizei beteiligt, aus der später die Gestapo entstand. 1938 schickte er Adolf Eichmann nach Wien, um die Zentralstelle für jüdische Auswanderung einzurichten. In der Folge arbeiteten die beiden eng zusammen, um die Vernichtung von Millionen Menschen zu organisieren.

Nach dem Münchner Abkommen von 1938 wurde die Tschechoslowakei zerschlagen, das Sudetenland von Deutschland besetzt. Am 15. März 1939 besetzte die Wehrmacht auch das bis dahin freie Tschechien. Im September 1941 wurde Heydrich zum Stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren ernannt. Er trat das Amt am 28. September an. Das Datum ist für die tschechische Bevölkerung bis heute ein wichtiger Tag. Denn der böhmische Fürst Wenzel war 1.006 Jahre zuvor, am 28. September 935 ermordet worden. Heydrichs Botschaft war deutlich. Das tschechische Volk wird niedergeschlagen und unterworfen wie Wenzel. In einer Ansprache zum Amtsantritt sagte er: »Zur endgültigen Eindeutschung dieses Raumes will ich nicht etwa sagen: Wir wollen nach alter Tradition das Tschechengesindel deutsch machen (…) die Grundlinie muss für all dieses Verhalten unausgesprochen bleiben, dass dieser Raum einmal deutsch werden muss, und dass der Tscheche in diesem Raum letzten Endes nichts mehr verloren hat.«

Das Attentat

Fünf Monate hielten sich Jan Kubis und Josef Gabcik in Prag versteckt. Sie beobachteten Heydrich und seine Gewohnheiten. Er hatte sich angewöhnt, jeden Morgen in einem offenen Auto von einem beschlagnahmten Landsitz nach Prag zu fahren. Weil er sich sicher fühlte und dem tschechischen Widerstand keine großen Aktionen zutraute, verzichtete er auf einen Begleitschutz. Für das Attentat wählten Kubis und Gabcik eine enge Kurve in Prager Vorort Liben aus. Josef Valcik, ein weiteres Mitglied des tschechischen Widerstands, unterstützte die Aktion. Er wartete an der Straße auf das Auto von Heydrich und gab mit einem Spiegel ein Zeichen, dass das Fahrzeug gleich da sein würde.

Was dann geschah, ist vielfach rekonstruiert und erzählt worden. Gabcik zog seine Maschinenpistole und wollte auf Heydrich schießen. Die Pistole hatte aber Ladehemmung, so dass er keinen Schuss abgeben konnte. Heydrich vermutete einen einzelnen Attentäter und befahl seinem Fahrer anzuhalten, um Josef Gabcik mit seiner Dienstpistole zu erschießen. In diesem Augenblick trat Jan Kubis aus dem Schatten einer Hauswand und warf eine Handgranate auf das Auto. Sie verfehlte das Auto knapp, prallte am rechten Hinterrad ab und explodierte neben dem Fahrzeug. Heydrich sackte nach einem kurzen Augenblick zusammen, so dass beide Attentäter entkommen konnten.

Es dauerte etwas, bis Passanten Heydrich fanden und ihn in ein Krankenhaus brachten. Himmler schickte seinen Hausarzt Karl Gebhardt nach Prag, um Heydrich zu operieren. Gebhardt war ein führender Arzt in der SS und in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Auschwitz verantwortlich für Versuche mit Sulfonamid an Häftlingen. Beim Nürnberger Ärzteprozess wurde er zum Tod verurteilt und am 2. Juni 1948 hingerichtet.

Heydrich starb am 4. Juni 1942 an einer Blutvergiftung. In einer Radiosendung der tschechoslowakischen Exilregierung wurde sein Tod um 18 Uhr bekanntgegeben, in der Meldung hieß es: »Heydrich trug mehr als irgendein anderer die persönliche Verantwortung für die Schreckensherrschaft im unterdrückten Europa. Nun hat ihn die gerechte Strafe für seine bestialische Grausamkeit ereilt.« Thomas Mann ging in einer Radioansprache an die »Deutschen Hörer« auf das Attentat auf Reinhard Heydrich ein und bezeichnete es als »Berufsrisiko« eines Henkers.

Vergeltung

Unmittelbar nach dem Attentat führten die Nazis im ganzen Protektorat das Standrecht ein. Fast 6.000 Menschen wurden direkt danach verhaftet, Hunderte sofort hingerichtet, andere in Konzentrationslager nach Deutschland verschleppt. Die beiden kleinen Orte Lidice und Lezaky wurden am 10. Juni beziehungsweise am 24. Juni 1942 dem Erdboden gleichgemacht. In Lidice sollten sich die Fallschirmspringer versteckt haben, in Lezaky war die Funkanlage des tschechischen Widerstands in einer Mühle gefunden worden. In Lezaky wurde die Bevölkerung sofort erschossen, in Lidice die meisten Männer. Die Frauen von Lidice kamen nach Ravensbrück, die Kinder in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz), von wo aus sie in das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno) deportiert und anschließend ermordet wurden.

Jan Kubis und Josef Gabcik gelang es unterzutauchen. Zuerst wurden sie von zwei Familien versteckt, später mit Unterstützung des Bischofs Gorazd in einer Kirche. Das Versteck wurde verraten. Am 18. Juni wurde die Kirche großflächig abgeriegelt. Nach einem Schusswechsel erschossen sich die eingeschlossenen Widerstandskämpfer selbst, um nicht in die Hände der Gestapo zu fallen.

»Natürlicher Tod eines Bluthundes«

»Die Ortschaft, die aus 95 Häusern besteht, wurde vollständig niedergebrannt, 199 männliche Einwohner über 15 Jahren wurden an Ort und Stelle erschossen. 184 Frauen in das Konzentrationslager Ravensbrück, sieben Frauen in das Polizeigefängnis Theresienstadt, vier schwangere Frauen in das Krankenhaus Prag, 88 Kinder nach Litzmannstadt überführt, während sieben Kinder unter einem Jahr in ein Heim nach Prag gebracht wurden. Drei Kinder wurden zur Eindeutschung in das Altreichsgebiet gebracht.«

Aus der Meldung der Gestapostelle Prag vom 24. Juni 1942 über die Ermordung der Einwohner und die Zerstörung von Lidice am 10. Juni 1942, zit. n. Ulrike-Hörster Philipps: Großkapital und Faschismus 1918–1945, Bonn 1981, S. 306

»Seit dem gewaltsamen Tod des Heydrichs, dem natürlichsten Tod also, den ein Bluthund wie er sterben kann, wütet überall der Terror krankhafter, hemmungsloser als je. Es ist absurd und lässt wieder einmal den Ekel hochsteigen vor der Mischung aus Brutalität und kreischender Wehleidigkeit, die von jeher für das Nazitum kennzeichnend war. (…) Aber hat je ein Mensch von der Art dieses Heydrichs anders geendet? Ist nicht ein Tod, wie er ihn fand, das selbstverständlichste Ding von der Welt, ein einfaches Berufsrisiko und eine trockene Wahrscheinlichkeit, deren Erfüllung kein mit menschlicher Logik begabtes Wesen überraschen, geschweige denn außer sich bringen kann? Wohin dieser Mordknecht kam, floss das Blut in Strömen. Überall, auch in Deutschland, hieß er schlecht und recht: der Henker.

Thomas Mann: Nachruf auf einen Henker, zit. n. dems: Deutschland und die Deutschen. Essays 1938–1945, Frankfurt/M. 1996, S. 183

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