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Aus: Ausgabe vom 24.08.2019, Seite 12 / Thema
Zweiter Weltkrieg

Paris est libre

Vor 75 Jahren befreite die Résistance die französische Hauptstadt. Zur Geschichte der Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besatzung
Von Ulrich Schneider
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Überall in Paris wurden Barrikaden errichtet, um die Manövrierfähigkeit der deutschen Panzer einzuschränken (25.8.1944)

Am 25. August 1944 befreite die Widerstandsbewegung zusammen mit Einheiten der französischen Streitkräfte Paris. Nach schweren Kämpfen war es gelungen, die kampflose Übergabe der Hauptstadt beim deutschen Besatzungskommandanten Dietrich von Choltitz zu erreichen. Als sichtbares Zeichen der Befreiung aus eigener Kraft fand bereits am Folgetag in Anwesenheit von General Charles de Gaulle eine Siegesparade auf den Champs-Élysées statt. Als die ersten US-amerikanischen Panzerverbände zwei Tage später in Paris eintrafen, wurde der Marsch wiederholt. Die Pariser waren immer noch glücklich über das Ende der deutschen Besetzung, aber es war nur ein »Aufguss« der Parade zwei Tage zuvor.

Der Erfolg der Résistance geht auf ihre gesellschaftliche Breite zurück. Sie unterschied sich darin von den Widerstandsbewegungen in anderen europäischen Ländern, denn in ihr kämpften linke und bürgerliche Kräften sowie ehemalige Angehöriger des französischen Militärs gemeinsam. Die Zusammenarbeit wurzelte in den politischen Erfahrungen der Vorkriegszeit.

Auch in Frankreich hatte es Anfang der 1930er Jahre eine faschistische Bewegung gegeben, die »Feuerkreuzler« (»Croix de Feu«), die sich ideologisch am Vorbild des italienischen Faschismus orientierten. Mussolinis »Marsch auf Rom« vor Augen versuchten sie, gemeinsam mit anderen reaktionären Kräften und unter aktiver Unterstützung von Teilen der Polizei und des Militärs, am 6. Februar 1934 mit 30.000 Anhängern einen Sturm auf das Parlament zu organisieren. Die Aktion wurde von der Polizei gestoppt, de facto scheiterte diese »Machtergreifung« jedoch an dem kurze Zeit später ausgerufenen Generalstreik der linken Parteien und Gewerkschaften. Ausgehend von diesen Kampferfahrungen verstärkte sich innerhalb der Arbeiterbewegung die Bereitschaft, die ideologischen Gräben zugunsten einer gemeinsamen Politik zu überwinden. So entstand im März 1936 die erste Volksfrontregierung unter Ministerpräsident Léon Blum von den Sozialisten.

Die Ergebnisse der Volksfront, die bis zum April 1938 bestand, waren widersprüchlich. Zum einen wurden mit den sogenannten Matignon-Verträgen nach Jahren harter betrieblicher Kämpfe Errungenschaften für Arbeiter und Angestellten wie Lohnerhöhungen, Arbeitszeitverkürzung, Urlaubsanspruch und andere Verbesserungen erreicht. Zum anderen nahm die französische Regierung unter Blum eine außenpolitisch verhängnisvolle Haltung gegenüber der Spanischen Republik nach dem Putsch von General Francisco Franco ein. Statt die demokratisch gewählte Regierung zu unterstützen, bezog Paris die Position einer »Nichteinmischung« in die Politik des Nachbarlandes. In der Folge wurden die aus aller Welt nach Spanien strömenden Kämpfer, die sich den Internationalen Brigaden anschließen wollten, an der Einreise nach Spanien gehindert und ein Waffenembargo verhängt. Während der deutsche und italienische Faschismus die Putschisten aktiv unterstützte, verhinderte die Volksfrontregierung so einen effektiven Schutz der Spanischen Republik. In der Logik dieser Haltung steht auch die Behandlung der Interbrigadisten und der spanischen Republikaner Ende 1938, Anfang 1939, als diese nach der militärischen Niederlage über die französische Grenze fliehen mussten. Sie wurden nicht als Freiheitskämpfer empfangen, sondern zu Tausenden in Sammellagern an der Mittelmeerküste und im Landesinneren interniert.

Gleichwohl waren die Erfahrungen des Spanischen Bürgerkrieges und die Niederlage der Republikaner für die Entwicklung der Résistance von großer Bedeutung, lebten doch nun Tausende Antifaschisten, die über politische Überzeugung und militärische Kampferfahrung verfügten, in Frankreich. Die Spanienkämpfer bildeten oftmals den Kern der späteren bewaffneten Widerstandsgruppen gegen die deutsche Besatzung.

Die Anfänge

Auf den deutschen Überfall am 10. Mai 1940 reagierten die verschiedenen politischen Parteien mit Appellen zur Verteidigung des Landes, so auch die seit Sommer 1939 in die Illegalität gedrängte Kommunistische Partei. Aber als am 14. Juni Paris fiel, trat die Regierung zurück, und das Parlament ernannte in der in Zentralfrankreich gelegenen Kleinstadt Vichy den Marschall des Ersten Weltkrieges Philippe Pétain zum neuen Staatschef. Dieser unternahm keine Anstrengungen zur weiteren militärischen Verteidigung des Landes, sondern setzte in Abstimmung mit der Armeeführung auf Kapitulation und Kollaboration. Am 22. Juni wurde der Waffenstillstand von Compiègne geschlossen, der die Besetzung von 60 Prozent des französischen Territoriums vorsah. In dieser Situation erschien am 18. Juni 1940 der Appell eines bis dato relativ unbekannten Generals namens Charles de Gaulle, der sich im britischen Exil befand. Er rief seine Landsleute zum entschiedenen Widerstand gegen die Nazis auf: »Frankreich hat eine Schlacht verloren! Aber Frankreich hat nicht den Krieg verloren!« Verbreitet wurde der Appell zunächst über den britischen Rundfunk. Später kursierte der Text in Abschriften und illegalen Flugblättern in weiten Teilen Frankreichs. Anders als die politischen Parteien und Organisationen der Arbeiterbewegung stützte sich de Gaulle auf keine Struktur, noch nicht einmal auf die Armeeführung im Ausland. Dennoch wurde sein Aufruf zur Initialzündung des bewaffneten Widerstands.

Die Formen des Widerstandes in Frankreich waren vergleichbar mit denen in anderen europäischen Staaten. Zunächst einmal versuchte man, die durch die Besatzungsmacht verbotenen Organisationen wiederzubeleben. Klandestine Gruppenstrukturen der linken Parteien und Gewerkschaften bildeten sich. Antifaschistische Flugschriften und Zeitungen, in französischen Druckereien konspirativ hergestellt, wurden verbreitet. So erschien vom ersten Tag der Besatzung an die Zeitung der Kommunistischen Partei L’Humanité als illegale Publikation.

Das erste weithin sichtbare Zeichen des Widerstandes erfolgte 1940 in Paris. Am 11. November, einem noch heute begangenen Feiertag, der an das Ende des Ersten Weltkriegs erinnert, versammelten sich trotz Verbots mehrere tausend Schüler, Studenten und Professoren am Grabmal des unbekannten Soldaten am Arc de Triom phe. Nachdem die französische Polizei nicht Herr der Lage wurde, griffen deutsche Soldaten mit Schusswaffen ein. 150 Schüler wurden verhaftet, und es gab zahlreiche Verletzte, darunter mehrere Schwerverletzte. Die symbolische Aktion war der Auftakt des gesellschaftlichen Widerstandes gegen die deutsche Besatzung.

Zu den herausragendsten Aktionen der Résistance zählt der Bergarbeiterstreik in Lothringen und Belgien im Sommer 1941. Vorgeblich ging es um Entlohnung und Arbeitsbedingungen, faktisch verhinderte der Arbeitskampf den Abtransport von 500.000 Tonnen Kohle ins Deutsche Reich und sabotierte damit die Rüstungsproduktion kurz vor dem Überfall auf die Sowjetunion. Die Reaktion der Besatzungsmacht war brutal. Einige Streikführer wurden getötet, andere wurden in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt; es waren die ersten Franzosen, die dorthin deportiert wurden.

Ab Ende 1940 entstanden an verschiedenen Orten auch bewaffnete Organisationen, die gegen die Besatzungsmacht und die Kollaborateure des Vichy-Regimes vorgingen. Eine besondere Bedeutung kam den »Bataillonen der Jugend« zu. Die zu den von der Kommunistischen Partei initiierten »Francs-tireurs et partisans« (Freischärler und Partisanen, FTP) gehörenden Kommandogruppen verübten spektakuläre Angriffe mitten in Paris und verdeutlichten damit, dass es für die Besatzungsmacht kein »ruhiges Hinterland« gebe.

Trotz einer intensiven Überwachung durch die Gestapo und den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) sowie die Vichy-Behörden entstanden bis Ende 1941 in allen Teilen Frankreichs, sowohl in den besetzten Gebieten als auch im unbesetzten Teil, bewaffnete Partisanengruppen, häufig als Maquis oder Maquisards bezeichnet (in Anlehnung an »le maquis«, den dichten, unzugänglichen Wald, aus dem heraus man unentdeckt agieren kann). Die einflussreichsten Gruppen waren die kommunistischen Einheiten der FTP und die sozialistischen Verbände der »Libération Nord« und der »Libération Sud« sowie die Gruppe »Combat«. Zudem entstanden überall im Land militärische Einheiten, in denen sich ehemalige Soldaten organisierten, die sich an General de Gaulle und dem von ihm propagierten »France libre« orientierten. Diese Gruppen hatten den Vorteil, dass sie auf Unterstützung aus Großbritannien bauen konnten.

Nationaler Widerstandsrat

Charles de Gaulles hatte den Anspruch, von den Alliierten offiziell als Exilregierung anerkannt und in deren Kreis aufgenommen zu werden. Dafür war es von besonderer Bedeutung, dass es ihm Anfang 1943 gelang, die verschiedenen Gruppen der Résistance unter einem gemeinsamen Dach zusammenzufassen. Dabei half ihm ein bürgerlicher Politiker, der ehemalige Präfekt des Département Aveyron Jean Moulin, der Ende 1940 aus seinem Amt entlassen worden war, weil er sich geweigert hatte, linke Bürgermeister zu entlassen. Moulin schloss sich daraufhin der Résistance an. Im Auftrag von de Gaulle nahm er 1943 Kontakt zu den verschiedenen Widerstandsgruppen auf, um eine Zusammenarbeit zwischen den regional und politisch unterschiedlichen Kräften zu erreichen. Ein überzeugendes Argument, sich seinem Anliegen nicht zu verschließen, war der Nachschub an Waffen und anderen Gütern für die Widerstandsgruppen aus England. Um aber auch die linken Gruppen zu integrieren, bedurfte es einer gemeinsamen politischen Programmatik, die deren gesellschaftspolitische Forderungen zumindest im Ansatz berücksichtigte. Am 27. Mai 1943 wurde in der Folge in Paris der Aufbau des »Conseil National de la Résistance« (Nationaler Widerstandsrat, CNR) beschlossen, dem fortan zentralen Organ der Résistance, dem nicht nur die bewaffneten Gruppen, sondern auch Parteien und Gewerkschaften angehörten. Die Mitglieder des CNR verständigten sich auf das Ziel, Frankreich selbst zu befreien und nicht auf eine Befreiung von außen zu warten, sowie das Schicksal des Landes nach der Befreiung selbst in die Hand zu nehmen. Zudem einigten sie sich programmatisch auf einen antifaschistischen Neubeginn sowie die Wiederherstellung der Regelungen der Matignon-Verträge. Die Kommunisten konnten darüber hinaus Maßnahmen wie die Verstaatlichung der Energieversorgung sowie von großen Versicherungen und Banken durchsetzen. Mit der Gründung des CNR wuchs das politische Gewicht der Exilregierung unter de Gaulle.

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Jubel in den Straßen von Paris. Mehr als drei Jahre war die französische Hauptstadt von den Nazis besetzt (25.8.1944)

Das erste sichtbare Zeichen der militärischen Zusammenarbeit der verschiedenen Widerstandsgruppen war die Befreiung Korsikas im Oktober 1943. Nach der alliierten Landung auf Sizilien, die von französischen Soldaten aus den nordafrikanischen Kolonien, die sich de Gaulles »Forces françaises libres« (Freie französische Streitkräfte) unterstellt hatten, unterstützt wurde, sowie dem Sturz Mussolinis und der Bildung einer neuen italienischen Regierung unter König Emanuel, die sich auf die Seite der Alliierten stellte, verstärkte sich der Widerstandskampf auf Korsika. Obwohl zusätzliche schwerbewaffnete deutsche Einheiten auf der Insel stationiert wurden, gelang es nicht, den von britischen Truppen unterstützten Widerstand niederzuschlagen. Am 12. September musste Hitler die Evakuierung der Insel anordnen. Die Deutschen waren nicht einmal in der Lage, schweres Gerät auf das weiterhin von ihnen kontrollierte norditalienische Festland zu retten.

Von großer Bedeutung für die Entwicklung des bewaffneten Kampfes waren einige Ausländer in den Reihen der Résistance. Sie waren durch die deutsche Besatzung und die Politik des Vichy-Regimes in mehrfacher Hinsicht gefährdet. Obwohl sie zum Teil als politische Exilanten seit vielen Jahren im Land lebten und arbeiteten, wurden sie mit der Besatzung erneut unter Fremdenrecht gestellt. Wenn sie als politische Flüchtlinge oder aus Gründen rassistischer Verfolgung in Frankreich Asyl gesucht hatten, liefen sie nun Gefahr, den Faschisten in die Hände zu fallen. Nur die Strukturen der Résistance waren in der Lage, ihnen durch gefälschte Papiere und die Unterbringung in Verstecken das Überleben zu sichern. Verbindungen zu einigen ausländischen Gruppen hatten die Arbeiterparteien und Gewerkschaften schon in den 1930er Jahren geknüpft. Daraus entstand die Main d’œuvre immigrée als Teil der FTP. Deren wohl bekannteste Einheit war die Groupe Manouchian, benannt nach ihrem Anführer Missak Manouchian. Die Kampfeinheit, in der fast ein Dutzend Nationalitäten vertreten waren, führte Sabotageaktionen an Bahnstrecken und Überfälle auf Polizeistationen und Lebensmitteldepots durch. Mit Hilfe von Spitzeln gelang es der französischen Polizei und der Gestapo im Laufe des Jahres 1943 die Gruppe zu zerschlagen. Die Nazis veranstalteten daraufhin im Februar 1944 einen Schauprozess der der französischen Bevölkerung vor Augen führen sollte, dass die deutschen Truppen sie vor solchen »ausländischen Banditen und Terroristen« beschützen müsse. Zu Zwecken der Propaganda wurde in großer Auflage eigens ein Plakat mit Porträts der Verurteilten und Fotos ihrer Sabotageaktionen gedruckt und verbreitet. Die Bevölkerung reagierte jedoch anders als von den Besatzern erwartet: Oftmals lagen unter den Plakaten Blumen zur Würdigung der Kämpfer. Auch Aufschriften wie »Patrioten« und »Sie starben für Frankreich« waren zu lesen.

Die Befreiung

Anfang 1944 gab es nicht eine Region in Frankreich, in der keine aktive Widerstandsorganisation den Besatzern und ihren Kollaborateuren das Leben schwer machte. Durch die Aktionen der Résistance-Kämpfer wurden mehrere Divisionen der Wehrmacht gebunden, die die Faschisten angesichts der Kriegsentwicklung an anderen Frontabschnitten – vor allem im Osten, wo die Rote Armee rasch vorrückte –, dringend gebraucht hätten. Wie effektiv der bewaffnete Widerstand war, zeigte sich auch bei der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie. In den Tagen vor, während und nach der Landeoperation »Overlord« verstärkten die Widerstandsgruppen im ganzen Land ihre Aktivitäten, so dass Wehrmachtseinheiten nicht zum Einsatz in die Normandie verlegt werden konnten. Die Résistance schränkte mit ihren Aktionen im rückwärtigen Raum das Handeln der deutschen Truppen effektiv ein. Bald gelang es ihr auch ganze Gebiete in Südfrankreich und im Zentralmassiv zu befreien.

Die Besatzungsmacht antwortete mit Vergeltungsaktionen, denen Tausende Zivilisten zum Opfer fielen. So beging eine Kampfgruppe der 2. SS-Panzerdivision »Das Reich« unter Brigadeführer Heinz Lammerding am 9. und 10. Juni 1944 in der Stadt Tulle sowie dem Ort Oradour-sur-Glane Massaker an der Zivilbevölkerung. In Oradour-sur-Glane wurden fast alle Einwohner umgebracht, das Dorf wurde niedergebrannt. Insgesamt töteten die deutschen Soldaten 642 Männer, Frauen, Greise und Kinder. Ein weniger bekanntes Massaker richteten deutsche Einheiten unter der Zivilbevölkerung am 25. August 1944 im Ort Maillé an, wo sie 124 der 500 Dorfbewohner erschossen.

Die sogenannten Vergeltungsaktionen verstärkten die Bereitschaft der Kämpfer der Résistance, denen von der Exilregierung mittlerweile der Status von »Französischen Streitkräften des Inneren« (»Forces françaises de l’intérieur«, FFI) verliehen worden war, entschiedene Schritte zur Befreiung Frankreichs zu unternehmen. Mitte August erhöhten die Partisanen gemeinsam mit den heranrückenden Einheiten der Westalliierten den militärischen Druck auf Paris. Nun zeigte sich, welche Kraft der Widerstand tatsächlich hatte.

Am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, demonstrierten 35.000 Franzosen öffentlich in Paris. Kommunistische Gruppen organisierten in wichtigen Betrieben und Versorgungseinrichtungen Streiks, die innerhalb von Tagen eine solche Dynamik gewannen, dass am 19. August ein »Comité Parisien de Libération« (Pariser Befreiungskomitee) zum Generalstreik aufrief, der tatsächlich die gesamte Versorgung der Hauptstadt – und damit natürlich auch der deutschen Einrichtungen und Institutionen – lahmlegte.

Anfang August hatte der Stadtkommandant von Groß-Paris Dietrich von Choltitz von Hitler persönlich den Befehl erhalten, Paris um jeden Preis zu halten. Um den alliierten Vormarsch zu stoppen, sollten Brücken und andere strategische Einrichtungen zerstört werden. Auch hatte General Gerd von Rundstedt, Oberkommandierender an der Westfront, den Befehl erteilt, alle Partisanen, die in die Hände der Wehrmacht fallen, sofort zu erschießen. So wurden am 17. August 35 Résistance-Kämpfer am Wasserfall des Bois de Boulogne getötet, sieben andere vor dem Sitz der Gestapo in der Rue Leroux, 26 in der Festung von Vincennes. Aber trotz der Befehlslage war die Bereitschaft, in Paris einen Häuserkampf zu riskieren, in der deutschen Armeeführung nur eingeschränkt vorhanden.

Am 20. August befahl der Pariser Kommandeur der FFI, Oberst Henri Rol-Tanguy, Kommunist und ehemaliger Offizier der Internationalen Brigaden in Spanien, von seinem Hauptquartier in den Katakomben der Hauptstadt aus den Angriff auf die Besatzer. Gleichzeitig riefen die Widerstandskämpfer die Einwohner auf, an allen Hauptstraßen Barrikaden zu errichten, um die Bewegungsfähigkeit der deutschen Panzer einzuschränken. An zentralen Punkten der Stadt positionierten sich bewaffnete Gruppen, um diese Barrikaden gegen mögliche Angriffe zu verteidigen.

Zunächst kam es zu einzelnen Kampfaktionen mit den insgesamt 20.000 deutschen Soldaten in der Stadt. Als die Widerstandskämpfer in Paris aber Unterstützung durch die französischen Panzerverbände unter dem Befehl von General Jacques-Philippe Leclerc erhielten, kapitulierte von Choltitz am 25. August in seinem Hauptquartier im Hotel Meurice. Er wurde zunächst zur Polizeipräfektur, dann zum Bahnhof Montparnasse gebracht, wo er die Kapitulationsurkunde unterzeichnete, die die Unterschriften von General Leclerc und des Kommandeurs der FFI, Oberst Rol-Tanguy, trug.

Deutsche Antifaschisten

An der Befreiung von Paris waren auch deutsche Antifaschisten beteiligt. Otto Niebergall stand in direktem Kontakt zur militärischen Führung des Aufstandes und leitete den Einsatz der deutschen Kämpfer. Hans Heisel und Peter Menden kämpften mit der Waffe in der Hand und halfen hinter den Barrikaden, faschistische Angriffe abzuwehren. Peter Gingold versuchte zusammen mit Harald Hauser, Aufrufe an deutsche Soldaten zur Kapitulation über den Pariser Rundfunksender zu verbreiten. Andere gingen mit weißen Fahnen zu den deutschen Truppenverbänden und forderten sie zur Kapitulation auf. Ihr Hauptanliegen war es, die Besatzungstruppen von Zerstörungen in der Stadt abzuhalten.

Mit der Befreiung der französischen Hauptstadt war der Krieg in Frankreich noch nicht beendet. Das Elsass wurde erst im Februar 1945 befreit, und die letzten deutschen Bastionen an der Atlantikküste kapitulierten erst am 8. Mai 1945. Aber der Pariser Sieg war von großer moralischer Bedeutung für das französische Selbstverständnis. Das Land hatte sich selbst befreit. Dass sich die politischen Erwartungen großer Teile der Bevölkerung an den politischen Neubeginn nach der Befreiung nur teilweise erfüllten, steht dabei auf einem anderen Blatt.

Ulrich Schneider ist Historiker und Sprecher der VVN-BdA in Deutschland sowie Generalsekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer – Bund der Antifaschisten. Von ihm erschien zuletzt im Kölner Papyrossa-Verlag in der Reihe »Basiswissen« der Band »Die Résistance« (2019).

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