Aus der Überwirklichkeit
Die Band Keshavara wurde mit dem Kölner Holger-Czukay-Preis für Popmusik ausgezeichnet. Ihr neues Album »Moondram Sevi« zeigt, warum
Die Geschichte der Band Keshavara beginnt vor mehr als 20 Jahren. 2002 nämlich, mit der Band Timid Tiger aus Köln. Damals spricht man vom »goldenen Jahrzehnt des Kölner Pop«, in der Stadt am Rhein werden Trends gesetzt. Zwar nicht auf ihren Straßen und in ihren Clubs, sondern in Redaktionen und Büros, aber immerhin. Hier sitzen der Musiksender VIVA, die Fachmesse Popkomm, das Major-Label EMI und natürlich die Magazine Spex und intro, die den Geschmack, die Sprache und den Stil von Generationen von Popjournalisten prägen, die man später im Feuilleton lesen und auf den neuen Oasis-Konzerten sehen kann. Noch ist das Label Kompakt relevant, und man trifft sich in der Kaschemme »Sixpack«, wenn alles andere schon zu hat.
Keshav Purushotham ist gerade volljährig, als er Anfang der 2000er mit Freunden die Band Timid Tiger gründet, die später mit »Miss Murray« einen Underground-Hit haben wird. Heute ist er noch immer am Start, spielt, komponiert und produziert, teils für Cro, Casper oder Klee, teils für eigene Projekte.
Nun ist das vierte Album seiner Band Keshavara erschienen, die Purushotham als Soloprojekt begann und nach seiner Künstlerresidenz in Indien benannte. »Moondram Sevi« heißt das neue Werk, was sich mit »das dritte Ohr« übersetzen lässt. Für Purushotham ein Bild, das die Arbeitsweise der Band gut beschreibt. Sie seien immer auf der Suche nach den Sounds, die man gewöhnlich nicht zu hören bekommt, den Sounds zwischen den Sounds. Das dritte Ohr, analog zum »dritten Auge«, als das Portal zum bewusstseinserweiternden Hören.
Das Album ist in der Tat mehrschichtig. Der wilde stilistische Ritt hat nichts mit gewöhnlichem Indie-Pop gemein, ist aber immer spielerisch und leichtfüßig, die komplexen Kompositionen bleiben zugänglich.
Als Sohn des indischen Percussionisten Ramesh Shotham, der in den 80er Jahren nach Europa kam, »mal Rocker, Jazzer und klassisch-indischer Musiker« war und heute »alles gleichzeitig ist«, wuchs Keshav Purushotham in einer musikalischen Welt auf, die weder Genre- noch Ländergrenzen kennt. Der zuckersüße melodiegetragene Groove Keshavaras speist sich nicht nur aus bekannten Quellen wie HipHop, House, Dub oder Psychedelic Rock auf der einen und traditionellen Diasporasounds auf der anderen Seite. Die Band entlockt auch obskuren Instrumenten und umfunktionierten Gegenständen unbekannte Töne. Dass die Musiker ihrem eigenwilligen Gesang auf tamil, hindi, englisch und deutsch auch noch Worte aus einer eigenen Sprache beimischen, deren Lexikon mit jedem Album anwächst, überrascht nicht.
Denn Keshavara musizieren längst in einer Art Überwirklichkeit. Realität, Wahrheit und das Sein – was ist das? Das Projekt ist längst zu einer Art Gesamtkunstwerk angewachsen, das weit mehr umfasst als nur Musik. Die Kölner meiden die üblichen Global-Pop-Fallen, die platte Anbiederung wie die klebrig-kitschige Exotisierung. »Moondram Sevi« ist von einer Vielschichtigkeit, die so leicht klingt, dass die Platte auch dann Spaß macht, wenn man das eigene dritte Ohr nicht findet.
→ Keshavara: Moondram Sevi (Papercup Records)
→ Nächste Konzerte: 1.11. Hamburg, 2.11. Kopenhagen, 3.11. Hannover, 6.11. Mainz, 7.11. Dresden, 8.11. Potsdam
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