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Ungarn

Die verunglückte Kurskorrektur

Der ungarische Aufstand vom Oktober 1956 hatte zig Protagonisten. Sein Charakter war in der Parteiführung umstritten. Regierungschef Imre Nagy, der später als Märtyrer galt, traf schließlich die falsche Entscheidung

Foto: Wikimedia Commons
Zerstörter sowjetischer T-34-Panzer auf dem Móricz Zsigmond körtér, einem der zentralen Plätze in Budapest

Für die kommunistische Bewegung ebenso wie für die europäische Zeitgeschichte gilt das Jahr 1956 als ein Jahr des Umbruchs. Zeitliche Grenzmarken sind einerseits Nikita Chrustschows Geheimrede beim XX. Parteitag der KPdSU im Februar, andererseits die ungarischen Aufstandsereignisse im Herbst. In mehreren Ländern des sowjetischen Einflussbereichs wurde ein Bruch zwischen der linken, parteinahen Intelligenz und der herrschenden Parteilinie offenkundig – vor allem in der polnischen Gesellschaft und sehr deutlich in Ungarn. Hier konsolidierte sich Ende 1956 eine neue Parteiführung mit alten Kadern: Die »Ära Kádár« begann. Zum hervorstechenden Datum für Ungarn wurde der 23. Oktober 1956 (heute dort ein Feiertag).

An diesem Tag traf morgens auf dem Budapester Ostbahnhof ein Sonderzug aus Belgrad ein. Die ungarische Partei- und Regierungsspitze kehrte zurück von einer Art Bußgang zum Präsidenten Josip Broz Tito, dem noch vor nicht allzu langer Zeit als »Kettenhund des Imperialismus« geschmähten Genossen. Statt sich von den achttägigen Verhandlungen zu erholen, fuhr man nach kurzer Pause zur Krisensitzung direkt in die Parteizentrale in der Akademiestraße. Denn die innenpolitische Lage war ernster als erwartet, und für den Rest des Tages war nicht an Ruhe zu denken. Zur selben Zeit kehrte auch der seit Jahresfrist arbeitslose Exministerpräsident Imre Nagy in die Hauptstadt zurück.

Kurz vor 13 Uhr wurde bei Kossuth Rádió die beliebte Volksliedersendung für eine Sondermeldung unterbrochen: »Um die öffentliche Ordnung zu gewährleisten, verbietet der Innenminister bis auf weiteres alle öffentlichen Versammlungen und Kundgebungen. László Piros, Innenminister.«¹ Während der Folgesendung »Dorfchronik« wurde die Meldung noch einmal wiederholt, bis dann eine Stunde später die Budapester Hörer das Gegenteil vernahmen: Der Innenminister »hat das Verbot öffentlicher Versammlungen (…) aufgehoben«. Eine zweite Neuigkeit kam hinzu. Der Erste Sekretär der Partei der Ungarischen Werktätigen (MDP)², Genosse Ernő Gerő, werde am Abend um 20 Uhr über alle Radiosender eine Ansprache halten. In der Zeitspanne bis dahin ließ sich die Obrigkeit nicht mehr öffentlich vernehmen, während in der Hauptstadt Erstaunliches vor sich ging.

Am frühen Nachmittag begann die vom Schriftstellerverband, von Studenten und vom sogenannten Petőfi-Kreis beantragte Schweigedemonstration. Es wurde eine keineswegs schweigsame Sympathiekundgebung für Polen. Dort galt das sowjetische Modell nicht mehr als höchstes Gesetz. Der neue Parteichef Władysław Gomułka, früher verrufen als Nationalkommunist, hatte Veränderungen eingeleitet und der sowjetischen Seite erklärt: »Wir sind hier die Hausherren und lassen keine weitere Einmischung mehr zu.«³ Inspiriert vom Beispiel der polnischen Kommunisten, marschierten also nachmittags mehrere Demonstrationszüge zum Denkmal des polnisch-ungarischen Freiheitshelden Józef Bem am Donauufer. Die Losungen waren maßvoll: »Jugend fordert: Partei muss den Weg weisen«, »Für ungarisch-polnische Freundschaft«, »Wir haben Rákosi satt«, »Weg mit Willkür, es lebe das Gesetz«, »Imre Nagy in die Führung«.

Nach der Kundgebung zogen die Demonstranten – ihre Zahl wuchs kontinuierlich von gut 10.000 auf 100.000 und mehr – zu verschiedenen Zielen: Ein Teil zog zum Parlament, um das Auftreten des Hoffnungsträgers Imre Nagy zu fordern; der hielt schließlich eine ziemlich schwache Rede, woraufhin sich die Menge zerstreute. Einen anderen Teil zog es zum Stadtpark mit der riesenhaften Stalin-Statue, welche gegen 20.30 Uhr gestürzt und triumphierend ins Zentrum geschleift wurde. Ein dritter Teil marschierte zum Haus des Rundfunks, um über den Äther ein oppositionelles Thesenpapier verbreiten zu lassen. Ausgestrahlt wurde aber nur die angekündigte Rede des Ersten Sekretärs. Sie bestand aus einer Aneinanderreihung reiner Parteiphrasen, nichtssagender noch als die von Nagy. »Die Arbeiterklasse und das Volk stehen fest hinter unserer Partei …« und so fort.

Vorgeschichte. Die Ära Rákosi

Bei den Belagerern der Radiostation und Tausenden Akteuren dieses Tages zeigte sich eine angestaute Wut, deren Grund in der Vorgeschichte der Volksrepublik zu finden ist. Seit 1948 hatte Ungarns starker Mann, Parteichef Mátyás Rákosi, laut Selbstaussage »Stalins bester ungarischer Schüler«, seinen Meister kopiert. Die Zahl der Ungarn, die sich nach der Bodenreform 1945 und beträchtlichen sozialen Fortschritten für die neue Ordnung begeistert hatten, sank rapide. Rákosis Politik hatte Hunderttausende Ungarn als sogenannte klassenfremde Elemente drangsaliert und die einseitige Entwicklung der Schwerindustrie verordnet. Die Reallöhne sanken. Gleichzeitig hatte er die Bauernschaft ausgepresst, teilweise kollektiviert. Rákosi stand für verlogene Schauprozesse, Internierungslager und den Ausbau der gefürchteten Staatsschutzbehörde (Geheimpolizei), kurz ÁVÓ genannt. Das Kleingewerbe wurde beschnitten. Der Budapester Volkswitz fragte: »Was ist der Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Volksdemokratie? Derselbe wie zwischen Jacke und Zwangsjacke.«

Im Sommer 1953, wenige Monate nach Stalins Tod, zog die neue sowjetische Führung die Notbremse und zitierte Ungarns Spitzenpolitiker nach Moskau. Rákosi musste das Amt des Ministerpräsidenten an den Altkommunisten und Vater der Bodenreform Imre Nagy abgeben. Die Führung der MDP verkündete zerknirscht eine Kurskorrektur, einen »neuen Abschnitt« – nicht ganz freiwillig, sondern nach Vorgaben Moskaus, ähnlich wie in der DDR. Beschlossen wurden die Senkung der Arbeitsnormen, die Änderung der Wirtschaftspolitik (Priorität der Leichtindustrie, Erleichterung für die Bauern), die Aufhebung der Willkürurteile und der Internierungslager, die Beendigung der Zwangsaussiedlung unliebsamer Bürger und verschiedener Polizeischikanen. Der neue Regierungschef Nagy durfte dieses Reformprogramm verkünden und galt ab da als Sympathieträger.

Die folgenden Jahre von 1953 bis 1956 waren durch den Kampf zweier Parteiflügel um den Vollzug des Reformkurses bestimmt. Auf der einen Seite die Gruppe um Rákosi, der weiterhin Parteiführer blieb, mit seinem Stellvertreter, dem farblosen Ernő Gerő. Auf der anderen Seite die Fraktion um Ministerpräsident Nagy mit viel Anhang bei der parteinahen Intelligenz. Ihr ging es um die Wiederbelebung der Bündnispolitik, die Akzeptanz widersprüchlicher Interessen und umfassende Rehabilitierungen. 1955 siegte zunächst die Gruppe Rákosi. Imre Nagy verlor Amt und Parteimitgliedschaft. In den Kreisen der ungarischen Künstler, Autoren und Studenten aber gärte es. Sie nutzten seit Anfang 1956 den zuvor unscheinbaren Debattierklub »Petőfi-Kreis«, um die sterile Rákosi-Politik zu problematisieren. Ihr Favorit war Nagy. Als er von der Partei am 23. Oktober 1956 wieder dringlichst gerufen wurde, sah er sich als derjenige, der von Anfang an recht gehabt hatte. Mit den militanten Belagerern vor dem Haus des Rundfunks hatte er aber nichts im Sinn.

Aufstand

An diesem genannten Rundfunkkomplex fielen vor neun Uhr abends die ersten Schüsse. Nach glaubhaften Quellen hatten die Sicherheitskräfte der Sendeanstalt bis Mitternacht strikten Befehl, nicht zu schießen⁴ – wenn nicht aus Gründen der Humanität, dann zumindest um Blutvergießen zu vermeiden. Dutzende Belagerer verschafften sich aber Waffen, bis hin zu leichten Maschinengewehren, und die ersten Toten waren laut Regierung ein Honvéd-Major und zwei Verteidiger vom Staatsschutz, die durch Kopfschüsse starben.⁵ In der Stadt wurde blitzschnell das falsche Gerücht verbreitet, die ÁVÓ-Mörder schössen auf schutzlose Studenten, woraufhin die Zahl und Wut der Belagerer stieg. Der stundenlange Kampf um das Rundfunkhaus, faktisch der Beginn des bewaffneten Aufstandes, endete erst am nächsten Morgen mit der vollständigen Einnahme des Gebäudes und der Misshandlung sowie teilweisen Arretierung der Belegschaft. Bald war von ersten Bücherverbrennungen zu hören.

In der Nacht, während das Zentralkomitee tagte, hatte der noch amtierende Parteiführer Gerő mit Moskau telefoniert. Dabei wurde das militärische Eingreifen sowjetischer Truppen beschlossen. Die des Nachts mobilisierten russischen Panzereinheiten trafen am Morgen des 24. Oktober in Budapest ein, desgleichen auch in Szeged und Debrecen, und Straßenkämpfe begannen. Die ungarische Regierung verkündete umgehend das Standrecht und ein Ausgehverbot bis 14 Uhr. Imre Nagy, den das permanent tagende Politbüro erneut zum Regierungschef bestimmt hatte, wandte sich im Laufe des Vormittags per Rundfunk an das Volk: »Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, teile ich euch mit, dass niemand unter Anklage gestellt wird, der heute bis 14 Uhr die Waffen niederlegt …«⁶ Mehrmals wurde der Termin verschoben, niemanden kümmerte es. Am Ende dieses Tages lagen mehrere hundert Tote auf der Straße, darunter etwa 100 sowjetische Soldaten. Den für einen Straßenkampf ungeeigneten Panzern gelang es nicht, den Aufruhr zu ersticken. Sie wurden nach fünf Tagen zurückgezogen.

Diejenigen, die in diesen Oktobertagen aufbegehrten, bildeten ein diffuses Gemisch: Studenten, junge Arbeiter, bürgerliche Liberale, auf Tito orientierte Marxisten, frühere Horthy-Anhänger, unterdrückte Geistliche gemeinsam mit katholischen Bauern. Dazu auch sogenannte Hooligans, Lumpenproletarier, die nebenbei gern plünderten. Teile der Armee lieferten einfach ihre Waffen aus. Fast alle Klassen und Schichten waren vertreten, am wenigsten wohl die Bauern. Was alle einte, war ein gemeinsames Feindbild: das System Rákosi. An dieser Stelle ergibt sich die Frage, ob es sich um eine spontane Rebellion oder eine geplante Erhebung handelte. Einerseits erscheinen die schnelle Plünderung von Waffenarsenalen gleich am ersten Abend, die Besetzung neuralgischer Punkte (Rundfunk, Telegrafenamt) und der konzertierte Beginn bewaffneter Aktionen mit Scharfschützen als Indiz für eine lenkende operative Hand. Andererseits konnte nie ein Aufstands- oder Führungszentrum für die militanten Gruppen benannt werden (sieht man vom Münchner US-Sender Freies Europa ab). Material über Befehlsketten fehlt. Die Regierung Kádár sprach später von einer langfristigen »Verschwörung von Imre Nagy und Komplizen«. Dies wurde in einem Weißbuch auf 25 Seiten beschrieben. Aber der angebliche »Generalstab« aus drei intellektuellen Revisionisten (drei MDP-Mitgliedern, die aus dem antifaschistischen Widerstand kamen) kann nicht überzeugen.⁷

Umwertung total

Am 27. Oktober, inmitten der Straßenkämpfe, wurde vom Zentralkomitee der Partei eine »nationale Regierung« unter Einbeziehung parteiloser Politiker ernannt. Zum Innenminister berief man den Spanien-Kämpfer und Kommunisten (mit Draht nach Moskau) Ferenc Münnich, zum Kulturminister den Philosophen Georg Lukács. Als Staatsminister ohne Ressort kam der neue Parteichef János Kádár hinzu. Verkündet wurden alsbald mehrere soziale Maßnahmen und der Rückzug der sowjetischen Einheiten aus Budapest, der am 29. Oktober begann. In diesen Tagen war der zunehmend »schwache Mann« der Premierminister. Imre Nagy – anfangs ein reformwilliger, doch disziplinierter Parteisoldat – öffnete sein Ohr mehr und mehr den Losungen der Straße, den »Pester Burschen« und »Revolutionskomitees«, und er erreichte am selben 27. Oktober nach kontroverser Debatte im Zentralkomitee eine Neubewertung des Aufstands. Was bisher als »reaktionärer Aufruhr« und »konterrevolutionärer Putsch« galt, wurde nun »nationale demokratische Bewegung« genannt. Eine totale Umwertung. Hinter dem Wort »nationale« hört man unausgesprochen die Haltung: Ich kenne keine Klassen mehr, ich kenne nur noch Ungarn. Auf diese Formel lässt sich Imre Nagys Wandel bringen, der sich als Volkstribun sah. Jenseits dieser persönlichen Ebene: Über Klassengrenzen hinweg war das Nationalistische bei Ungarn und benachbarten Völkern virulent. In üblicher Parteidisziplin hielten sich auch die nicht einverstandenen Minister an die neue »Einschätzung«. Nagy wurde aber, entgegen den Erwartungen seiner Anhänger, nicht Gestalter der Ereignisse, sondern ein Getriebener, der am Ende seiner zwölftägigen Regierungszeit aus dem Parlament flüchtete – während im Radio seine Tonbandstimme in Endlosschleife verkündete: »Die Regierung ist an ihrem Platz.«⁸ Ihm war offenbar während der zwölf Tage gar nicht bewusst, dass kein Parlamentsbeschluss, kein demokratischer Akt seinem Amt zugrunde lag – vielmehr allein die Ernennung durch die Parteiführung der zerfallenden MDP.

Zwei Entwicklungen der ersten zwei Wochen sind bemerkenswert: Erstens die Entstehung von Arbeiterräten, sogenannten Munkástanácsok. Allein für Budapest wird ihre Zahl mit mehr als 500 beziffert. Als Vorbild diente den Räten das Modell der Arbeiterselbstverwaltung, das die ungarische Partei stets ablehnte, das aber im benachbarten Jugoslawien praktiziert wurde. Es begann laut einer Meldung am 24. Oktober im renommierten Werk Vereinigte Glühlampen Izzó, und es erfasste schnell die großen Betriebe der Metall- und Maschinenbauindustrie, die immerhin rund 57.000 Beschäftigte zählten, von denen 38 Prozent der Partei angehörten.⁹ In den ersten Tagen stellten noch die Parteikomitees in den Betrieben ihre Kandidaten auf, und der Gewerkschaftsbund SZOT befürwortete mit einem Radioaufruf die Rätebildung, um nicht außen vor zu bleiben. Er forderte eine Lohnerhöhung von 15 Prozent. Landesweit kam es zu Arbeitsniederlegungen, verbunden mit politischen Forderungen wie dem Abzug der Sowjettruppen. Neben der Mitbestimmung über betriebliche Abläufe und Posten kümmerten sich Arbeiterräte um Fragen der Versorgung mit Mehl, Zucker und Zigaretten. Der zentrale Budapester Arbeiterrat wurde erst am 14. November gegründet, zehn Tage nach dem Sturz der Regierung Nagy. Er beharrte eisern auf dem Recht zu streiken. Jahre später deuteten die Kádár-Leute die Arbeiterräte so: Es seien Revisionisten, rechte Sozialdemokraten und Irregeleitete gewesen.

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Zweitens: Gleichzeitig mit und völlig gegenläufig zu den Arbeiterräten entstanden terroristische Gruppen und Greiftrupps, die Listen von »Russenknechten« erstellten. Im Weißbuch der Kádár-Zeit wird berichtet: »Eger, 24.–26. Oktober. Unter dem Kommando des ehemaligen Horthy-Offiziers Ede Holczer bildet sich mit dem Namen ›Revolutionärer Erkundungs- und Vergeltungsdienst‹ ein Detachement (Freikorps).« Dessen Flugblatt benennt die Aufgabe: das Aufspüren und »Vernichten der betreffenden (d. h. sowjetfreundlichen) Personen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln«.¹⁰ Der Terror von solcherart Kommandos steigerte sich mit dem vorläufigen Abzug der Sowjetpanzer dermaßen, dass auch ein eher apologetischer Autor die »Handlungen einzelner Kommandeure« rügt, die unter »Überschreitung ihrer Befugnisse eine regelrechte Jagd auf kommunistische Kader« machten, was besonnene Ungarn »an das Wüten der weißen Offizierskorps nach der Niederschlagung der Räterepublik 1919« erinnerte.¹¹ Motiv des Terrors war zum einen Rachsucht, zum anderen zielgerichtete Einschüchterung Andersdenkender. So trauten sich in manchen Stadtteilen Budas wie dem II. Bezirk (Rózsadomb) die Bewohner nicht mehr aus dem Haus.

Kulmination. Die Lawine rollt

Ende Oktober bemerkte einer der Aufständischen, Schüler von Lukács und Anhänger von Nagy: »Es gab Tage, an denen man nicht wusste, wie weit die Lawine rollen würde. Auch ich hatte Angst, als ich von den verschiedenen Todeslisten hörte, als den Reformkommunisten der Ruf ›Kreuziget sie!‹ entgegengellte, als die fromme Reaktion ihre ungeheuren Kraftreserven auf die Straße brachte.«¹² Er und seinesgleichen, die den Fortschritt wollten, wurden Komparsen eines blutigen Dramas. Unerklärlich blieb dabei das beharrliche Wegschauen des Regierungschefs Nagy angesichts der Untaten. »Auf meine zweimalige Bitte hin blickte er ins Material und schob es damit beiseite, dass ›die übertreiben‹. Er sagte, ich solle ihn damit verschonen …«¹³ Diese seine Haltung und die beschleunigte Abkehr vom sozialistischen Lager führten zur Krise in der Regierung und erklären den Seitenwechsel von Münnich und Kádár (Innenminister und Parteichef) weg von Nagy hin zu Chrustschow in der Nacht vom 1. zum 2. November. Der Ministerpräsident hatte soeben Ungarns Neutralität und den Austritt aus dem Warschauer Vertrag erklärt. Ein suizidaler Akt.¹⁴ Darauf verließ auch Lukács die Regierung. Während Tage später die verstärkten Sowjettruppen den Aufstand niederwarfen, kehrten Kádár und Münnich aus Moskau zurück und bildeten im Schutz von Panzern ein neues provisorisches Kabinett; Eigenname: Revolutionäre Arbeiter- und Bauernregierung.

Zwischen dem 4. und 11. November konnte die Rote Armee zusammen mit parteitreuen ungarischen Einheiten den bewaffneten Widerstand – dessen Selbstbezeichnung lautete: Freiheitskampf – im wesentlichen brechen. Bis Jahresende gab es Rückzugsgefechte; das Gerücht, der »Westen« würde zu Hilfe eilen, versteifte den Widerstand. Die Zahl der Toten wuchs auf 2.600, davon mehr als 1.800 in der Hauptstadt. Chrustschow erinnert sich: »… unsere Truppen stießen (in Budapest) auf eine gut organisierte Verteidigung. Sogar Kanonen hatte man in die oberen Stockwerke der Häuser geschleppt.«¹⁵ Seine Memoiren malen das typisch idyllische Bild einer ungarischen Arbeiterklasse voll treuer Verbundenheit mit der Sowjetmacht. Die Wirklichkeit war anders und das Thema Arbeiterräte weit schwieriger als der bloße Sieg der Waffen. Denn unbeeindruckt von den Kämpfen und der Sowjetpräsenz beharrten die Räte auf wichtigen Forderungen, ihr Druckmittel war der Streik bzw. die Drohung damit.

Die alt-neue Partei Kádárs, die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei, machte Zugeständnisse. Ein Dekret vom 21. November räumte den Arbeiterräten weitreichende Befugnisse ein, einschließlich der Mitbestimmung in der Wirtschaftsplanung. Sodann wurde die Agrarpolitik revidiert und die individuelle Interessiertheit gefördert. Mit mehreren sozialen Hilfsmaßnahmen konnte die provisorische Regierung Zustimmung gewinnen. Dazu gehörte die Verordnung, dass alle aus Not verpfändeten Gegenstände von den Pfandanstalten unentgeltlich zurückerstattet werden. Dann folgte die Zeit der gebrochenen Zusagen und der rigorosen Abrechnung unter sowjetischer Ägide mit mehreren hundert Hinrichtungen. Die Todesurteile entsprangen schnöder Rachsucht. Es galt nicht mehr die anfangs versprochene Amnestie, nicht mehr die Anerkennung der Räte, Freiraum für die Presse, freies Geleit für Imre Nagy. Rund 35.000 Gerichtsverfahren wurden bis 1961 durchgeführt.

Die Vergeltungsakte zogen sich also lange hin, bis die Erkenntnis aufkam: Wer nicht gegen uns ist, ist mit uns. Die Oktoberereignisse zu analysieren blieb tabu, weil die klassenübergreifende Breite des Aufstands ein heikles Faktum war. Die Verschiedenheit und faktische Aktionseinheit von klerikalen Antikommunisten, sozialdemokratisch gesinnten Arbeitern, bürgerlichen Liberalen, Ultralinken und Abenteurern machte die Beurteilung stets schwierig. Ein Dritteljahrhundert später leitete die Partei höchstselbst den »Systemwechsel« ein. Heute sieht – teils aus Nostalgie, teils aus nüchterner Abwägung – eine Mehrheit der Ungarn die Ära Kádár als ein goldenes Zeitalter, wenn man Umfragen glauben darf.

Nachtrag: Zum eingangs erwähnten Genossen Tito war am 2. November abends ein sowjetisches Spitzenduo in Gestalt von Chrustschow und Malenkow geflogen, um für die Intervention auch den jugoslawischen Segen zu erlangen. Der Meinungsaustausch in gelöster Atmosphäre dauerte bis zum Morgengrauen. »… Wir wurden angenehm überrascht. Tito sagte, wir seien absolut im Recht«, berichtet Chrustschow.¹⁶ Über den Rechtsruck im Nachbarland Ungarn zeigte sich der Präsident nämlich höchst besorgt, er fragte im Hinblick auf Premierminister Nagy: »Was für eine Regierung ist das, unter der Kommunisten ermordet und aufgehängt werden?«¹⁷ Man einigte sich darauf, dass Kádár der beste Mann für Ungarns künftige Führung sei. Als eleganteste Lösung für die Nagy-Gruppe bot Tito schließlich das Asyl in der Budapester jugoslawischen Botschaft an. So wäre Nagy aus der Schusslinie. – Als die Hinrichtung von Imre Nagy am 16. Juni 1958 (im Ergebnis eines Geheimprozesses in Budapest) bekannt wurde, protestierte Jugoslawien dann mit einer scharfen diplomatischen Note. Das war die Reaktion auf einen Vertrauensbruch.

Anmerkungen

1 Dazu die detaillierte Schilderung bei György Dalos: 1956. Der Aufstand in Ungarn. München 2006, S. 8ff.

2 So hieß nach dem Zusammenschluss von Kommunisten und Sozialdemokraten die regierende Partei Ungarns; im Folgenden: »Partei«. Sie löste sich Ende Oktober auf. Am 1.11. gründete sich eine Nachfolgepartei.

3 Nach Reinhard Lauterbach: Der reißende Strom. Zur Krise in Polen 1956. In: junge Welt vom 11.2.2026, Beilage S. 3

4 Ebenso urteilt der beteiligte oppositionelle Dichter István Eörsi: Erinnerung an schöne alte Zeiten. Reinbek 1991, S. 267f.

5 Informationsdienst der Ungarischen Volksrepublik (Hrsg.): Die Rolle der konterrevolutionären Kräfte bei den Oktoberereignissen. Weißbuch Bd. II, Bukarest (!) 1957, S. 26 und 30. Dort heißt es S. 17: »Ab 10 Uhr (abends) wurde das Gebäude ständig unter Feuer gehalten.« Honvéd steht für Landwehr bzw. Armee Ungarns.

6 G. Dalos (wie Anm. 1), S. 74f.

7 Informationsamt der Ungar. Volksrepublik (Hrsg.): Die konterrevolutionäre Verschwörung von Imre Nagy. Weißbuch Bd. V (1958), S. 21ff. In der konstruierten Anklage gegen »Imre Nagy und Komplizen« wurde unterstellt, er hätte mit Freunden aus dem Petöfi-Kreis von langer Hand den Umsturz vorbereitet, S. 9–20. Den behaupteten »Generalstab« bildeten Nagy, Losonczy und Donáth, ebd. Seite 101.

8 »A kormány a helyén van«, so heißt es im Original. Zitiert nach Tabajdi Gábor: Budapest szabadság napjaiban 1956. Bp. 2016, S. 99

9 Angaben nach Tabajdi, S. 201 u. 204–210

10 Weißbuch Bd. V (wie Anm. 7), S. 167–168

11 G. Dalos (wie Anm. 1) S.149

12 Eörsi (wie Anm. 4), S. 268. Zum Gipfelpunkt wurde der Exzess vom 30. Oktober bei der Beschießung und Erstürmung des Pester Parteihauses, wobei der entfesselte Mob folterte und noch die Leichen schändete. Beschrieben u.a. bei Dalos, S. 126f.

13 »… Ich solle (nach dem Massaker am Parteihaus) keine Panik machen«, gab Nagys Sekretärin später zu Protokoll. Informationsamt Bd. V (wie Anm. 10), S. 99

14 Die Aufkündigung der Bündnistreue war nach Ansicht urteilsfähiger Köpfe völlig irrational und bedrohte unmittelbar die sowjetische Sicherheitsarchitektur. In Moskau hatte man nicht vergessen, dass 15 Jahre zuvor ungarische Armeen als Hitlers Helfer in die UdSSR einmarschierten und übel gehaust hatten. – Nebenbei: Der verkündete Austritt hätte nach ungarischem Recht nur mittels Beschluss des Parlaments erfolgen können.

15 Strobe Talbot (Hrsg.): Chrustschow erinnert sich. Die authentischen Memoiren. Hamburg 1992, S. 393

16 Talbot (wie Anm. 15), S. 392

17 So lauten die Erinnerungen des jugoslawischen Diplomaten Velko Mićunović; hier zitiert nach G. Dalos (wie Anm. 1) S. 168–172.

→ Christian Stappenbeck schrieb an dieser Stelle zuletzt am 29. August 2026 über den Gotenkönig Theoderich: »Trennung und Koexistenz«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.10.2026, Seite 12, Thema

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→ Leserbriefe
  • Joachim Seider aus Lychen 23. Okt. 2026 um 14:19 Uhr
    Geschichte ist niemals monokausal, so sehr uns danach lechzt, alles mit wenigen Fakten erklären zu wollen. Und so haben die Geschehnisse von 1956 in Ungarn eben auch mit den Hinterlassenschaften des 2. Weltkrieges zu tun, dem zerstörten Land und seinen Problemen, den wenigen Kommunisten, die ihn überlebt hatten und trotzdem an die Spitze mussten, der Tatsache, dass es bis dahin nur ein einziges Beispiel gab, wie ein neuer Staat zu schaffen wäre, dem geopolitischen Umfeld und vielem anderen. Wir sollten das bedenken, ehe wir die damaligen Probleme viel zu wenigen Personen auf die Schultern legen.
  • Onlineabonnent*in André M. aus B. 23. Okt. 2026 um 12:38 Uhr
    Erwähnen müsste man noch die Zerteilung Ungarns in den »Verträgen« von Trianon (als echte Tragödie mit tiefer Einwirkung auch auf heutige Nachbarschaftsverhältnisse), das Quasibündnis Horthy-Ungarns mit Hitlerdeutschland und die Beteiligung am Überfall auf die Sowjetunion. Was sowjetische Panzer in Ungarn überhaupt erst erklärt. Der Autor spricht von Rachsucht, die erkenne ich auch heute im Umgang Peter Magyars mit Viktor Orbán.
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