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Aus: Ausgabe vom 23.10.2019, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Sinatra-Doktrin

Von Reinhard Lauterbach
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Nach Frank Sinatras Fasson: Macht’s auf eure Weise

Die »Sinatra-Doktrin« ist eigentlich keine Doktrin, sondern die Erklärung, dass es keine (mehr) gebe. Gennadij Gerassimow, Sprecher des damaligen sowjetischen Außenministers Eduard Schewardnadse, verkündete sie am 25. Oktober 1989 am Rande eines Besuches des sowjetischen Generalsekretärs Michail Gorbatschow in Helsinki. Auf die Frage, wie die Sowjetunion mit dem Wahlergebnis in Polen und der auf der Hand liegenden Illoyalität Ungarns gegenüber der DDR in der Ausreisefrage umgehen wolle, erklärte er, Gorbatschow habe an die Stelle der »Breschnew-Doktrin« die »Sinatra-Doktrin« gesetzt – angelehnt an den Song des amerikanischen Showmans Frank Sinatra: »I did it my way«: Macht, was ihr wollt, wollte er damit sagen.

1945 hatte Stalin noch erklärt, es sei normal, dass jede Siegermacht ihr Gesellschaftssystem so weit exportiere, wie ihre Truppen marschiert seien. Dass also die Souveränität der Volksdemokratien eine relative sei. 1968 formulierte die UdSSR nachträglich zu ihrem Einmarsch in die CSSR die sogenannte Breschnew-Doktrin: »Die Souveränität der einzelnen Staaten findet ihre Grenze an den Interessen der sozialistischen Gemeinschaft.« Im Klartext: Die Erhaltung des Realsozialismus als System und als geopolitischer Machtbereich der Sowjetunion gehe vor.

Von diesem sowjetischen Machtanspruch war bis 1989 wenig übriggeblieben. Denn ihn durchzusetzen, wäre viel zu teuer geworden. In Polen regierte seit August 1989 die Solidarnosc, die militärisch zu zerschlagen sich die UdSSR 1980/81 nicht mehr getraut hatte. Damit war aus sowjetischer Sicht neben Polen auch die DDR verloren: Wie hätte man sie halten oder versorgen können, wenn alle Straßen und Eisenbahnen dorthin durch Polen verliefen und die Seewege entlang der Küste desselben Landes? Warum hätte die UdSSR in dieser Situation in Ungarn eine Souveränität der DDR über ihre Bürger verteidigen sollen, die sie in Ostberlin und Leipzig auch nicht mehr verteidigen wollte? Insofern war die Äußerung des sowjetischen Außenamtssprechers konsequent.

Dahinter standen akute Notsituationen der Sowjetunion. Aber auch Faktoren wie der, dass das zwischen 1945 und 1950 geschaffene Bündnissystem in Osteuropa Ende der 1980er Jahre objektiv obsolet geworden war. Zu Stalins Zeiten hatte noch gezählt, wo konkret sowjetische Panzer und Bomber standen. Inzwischen beruhte die Abschreckung und damit der Schutz der UdSSR auf Interkontinentalraketen; da war es nicht mehr zwingend, Panzer in Magdeburg stationiert zu haben. Zumal Gorbatschow im INF-Abkommen mit den USA Ende 1987 die eventuell in den osteuropäischen Bündnisländern zu stationierenden SS-20 ohnehin geopfert hatte. Es kam fortan darauf an, was der Unterhalt der westlichen Vorposten Moskau kostete und was er einbrachte.

Und da hatte sich die Kalkulationsgrundlage geändert, seitdem sich die Sowjetunion selbst vom Rohstoffexport in den Westen abhängig gemacht hatte. Moskau war sauer, den Bruderländern Rohstoffe unter dem Weltmarktpreis liefern zu müssen, wo es diese doch auf dem Weltmarkt teurer hätte verkaufen können; und die Bruderländer hörten sowjetische Forderungen ungern, dies oder jenes aus ihrer Konsumgüterproduktion an die UdSSR zu liefern, was nicht nur auf dem Binnenmarkt fehlte, sondern was sie auch auf eigene Rechnung an Quelle oder Neckermann losgeworden wären. Gorbatschow warf der DDR im Gespräch mit Erich Honecker vor, »an zwei Eutern zu saugen: der Sowjetunion und der BRD«. Die Bruderstaaten blieben nichts schuldig: Ein ungarischer Ökonom fragte 1984 in der Fachzeitschrift der Budapester Akademie der Wissenschaften, was es nutze, sowjetisches Öl zum halben Preis zu bekommen, wenn die sowjetischen Lkw davon doppelt soviel verbrauchten wie vergleichbare westliche.

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