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Römisches Reich

Trennung und Koexistenz

Das italische Reich des Gotenkönigs Theoderich war das Ergebnis eines Balanceakts zwischen ethnischer Absonderung und partieller Integration. Er starb vor 1.500 Jahren. Sein Reich überlebte ihn nur kurz

Foto: Hermann Knackfuß/Wikimedia Commons
Gesandte aus Estland und Livland sowie aus Skandinavien bringen Geschenke an den Hof Theoderichs in Ravenna. Idealisierendes Gemälde von Hermann Knackfuß aus dem Jahr 1871

Vor 150 Jahren erschien das Buch »Ein Kampf um Rom«, ein Professorenroman aus der Feder des Historikers Felix Dahn. Er handelte vom Untergang des Gotenreiches in Italien und fand – obwohl oder gerade, weil er teilweise kitschig war – im Lauf der Jahrzehnte ein Millionenpublikum; ein echter »Longseller«, der schließlich sogar verfilmt wurde (1968). Die Erzählung, die nebenbei Alltagsgeschichtliches bietet, spannt den Bogen vom Ende des heldischen Herrschers Theoderich bis zum Ende seines erstaunlichen Reiches im Jahr 553 u. Z. Unübersehbar ist darin die zeittypische Germanen- und Deutschtümelei, wobei der Autor den Klischees von Germanentreue und welscher Tücke, edlem Goten und dekadentem Römer nicht entgeht. Zugute halten muss man ihm, dass er plumpe Schwarzweißbilder meist vermeidet und Frauen – Königin Amalaswintha, Kaiserin ­Theodora – als geschichtlich aktive Gestalten zeichnet.¹ Dass Dahns Romanende mit der Heimkehr der überlebenden Krieger nach Thule unhistorisch und rührselig ausfällt (»Gebt Raum ihr Völker unserm Schritt, wir sind die letzten Goten …«), sei geschenkt.

Theoderich starb am 30. August des Jahres 526 in Ravenna. Von ihm, dem König und Reichsgründer, gilt ohne weiteres, was Schiller über Wallenstein sagt: Sein Bild, »von der Parteien Gunst und Hass verwirrt«, changiert und schwankt in der Geschichte. Für die einen ist er das Beispiel gescheiterter Integration einer erobernden Minderheit in das Mehrheitsvolk der romanischen Katholiken. Für andere hingegen ist er der Vorläufer einer toleranten Eingliederungspolitik, dessen Werk nicht an einem Konstruktionsfehler, sondern nur am mangelnden Schlachtenglück der Nachfolger scheiterte. Für dritte wiederum ist er der Vordenker oder Avantgardist eines geeinten christlichen Europas von der Adria bis zum Atlantik (»König des Abendlandes«, so ein Buchtitel von 1939), was am machthungrigen Frankenkönig scheitern musste. Und schließlich galt Theoderich nicht wenigen als Ketzer und böser ­Tyrann.

Schon 14 Jahre nach seinem Tod ließ die rechtgläubige römische Priesterschaft den Sarkophag des Königs aus dem Mausoleum in Ravenna hinauswerfen. Überdies bemühte sie sich, dem arianischen Häretiker² ein schlimmes Ende anzudichten. Das reichte von der Schilderung, er sei lebend in einen Vulkan (den Vesuv) gestürzt, bis zur Höllenfahrt, auf einem dreigeschwänzten Löwen reitend. Die Nazis taten sich mit ihm, dem Helden Felix Dahns – den sie gern vereinnahmt hätten –, ziemlich schwer. Denn seine Toleranz gegenüber Juden (»wann kommt der Tag, da Judas Stamm nicht mehr zu weinen hat«) und die Vorstellung von zwei friedlich im selben Staate koexistierenden Völkern, das passte nicht ins Konzept der Rassenfanatiker.

Zum Nachleben im sagenhaften Dietrich von Bern und im nordischen Thidrek später. Ohne die Imagebilder hier weiter zu erörtern, wenden wir uns zunächst der Ereignisgeschichte zu.

Zug gen Rom

Theoderich wurde in Pannonien (im heutigen Ungarn) in einem der Stammesverbände gotischer Sprache geboren – angeblich im Jahr 456, wahrscheinlich früher.³ Auf dem Boden des römischen Imperiums waren die ersten Reiche von Barbaren⁴ im Entstehen begriffen. Der Hunnenherrscher ­Attila, die »Geißel Gottes«, war kürzlich gestorben; und wie oftmals nach dem Tod eines Oberherrn brachen zwischen seinen Heerführern Diadochenkämpfe aus. Diese Heerführer nannte man zeitgenössisch oft »König«⁵, besser sind sie als Warlords (Kriegsfürsten) charakterisiert. Einer dieser Warlords war Theoderichs Vater Thiudimir aus dem ostgotischen Kriegeradel der Amaler. Als römische Föderaten, also Vertragspartner und besoldete Grenzwächter des Imperiums, siedelten seine Leute an der mittleren Donau. Soldstreitigkeiten mit dem Kaiser in Byzanz⁶ führten 460 zu einem neuen Vertrag, woraufhin der Sohn Thiudimirs als Geisel – als Garant für Vertragstreue – an den oströmischen Kaiserhof gelangte. Der zehnjährige Aufenthalt am Bosporus muss prägend gewesen sein für den gotischen Jungen. Er lernte am Hof gewiss Latein zu lesen und zu schreiben, das Fechten und Reiten, das höfische Zeremoniell und den Umgang auf verschiedenen Hierarchieebenen. Später, als Herrscher über Italien, schrieb er, er habe »im Staat des Kaisers mit göttlicher Hilfe gelernt, wie man gerecht die Römer regiere«.

Als 18jähriger in der Heimat zurück, machte sich Theoderich zunächst einmal einen Namen als Anführer einer mobilen Kampfschar, salopp gesagt einer berittenen Räuberbande, Vorform späterer königlicher Gefolgschaften. Beute und Ruhm erstrebend, eroberte er mit dieser Truppe die sarmatische Hauptstadt Singidunum (Belgrad), was ihm dauerhaften Kriegslorbeer einbrachte. Vier Jahre später wählte ihn der Heerbann zum Nachfolger des Königs Thiudimir. Diese Stellung und ein auskömmliches Leben seiner Stammesgruppe konnte er nur durch wiederholte Beutezüge und unregelmäßige Jahresgelder aus Byzanz sicherstellen. Es war eine Raubwirtschaft. Die dauerhafte Integration in den Balkanraum misslang.

Doch Ende 488 – nach einer Zeit mit Ortswechseln und zwölfjähriger Schaukelpolitik, teils als Gegner, teils als Verbündeter des Kaisers – bot sich dem Sohn Thiudimirs die große Chance. Im Auftrag Kaiser Zenons sollte er gen Rom ziehen – gegen den Usurpator Odoaker, den selbsternannten Herrscher über das reiche Italien. Dafür gewährte ihm Zenon den Rang eines »patricius« (Vertrauter bzw. Vertreter des Kaisers) sowie die Versorgung mit Lebensmitteln bis zur Reichsgrenze. Die Chance Theoderichs bestand in künftiger Unabhängigkeit von der kaiserlichen Staatskasse und für seine Krieger in der Aussicht, entweder Ruhm, Beute, Grund und Boden zu erlangen – oder den Tod. Nicht dass der gesamte Stamm freudig mitgezogen wäre.⁷ Wohl folgte ein Gutteil der Goten der Verlockung, dem Ruf zur großen Fahrt ins Ungewisse, doch die weniger Abenteuerfreudigen blieben zurück auf dem Balkan. Statt ihrer schlossen sich andere Stammesverbände an, voran ein großer Verband flüchtiger Rugier, mit Wagen, Weib und Kind, Hausrat, Vieh und Futter. Ihr mühsamer Zug nach Italien, den man sich als Dutzende Kilometer langen, durch Rinder gezogenen Treck vorstellen muss, dauerte Monate. Letztlich war ihnen das Glück hold.

Angekommen in Norditalien, begann ein verheerender mehrjähriger Krieg. Zwischen 489 und 493 schwankte das Schlachtenglück. Nach vier Jahren konnte der gotische Eroberer in Odoakers Residenz- und Hauptstadt Ravenna einziehen, nachdem er sich mit dem Kontrahenten vertraglich geeinigt hatte, die Herrschaft über Italien gemeinsam auszuüben. Wenige Tage darauf war Odoaker tot, vom Gotenkönig eigenhändig und heimtückisch erschlagen. Der Mord und das folgende planvolle Massaker gegen den Anhang des Rivalen wurden nachträglich als präventive Maßnahme hingestellt. (Soviel zum Thema »germanische Ehre« vs. »welsche Tücke«, welches zu Zeiten Felix Dahns im Schwange war.)

Zwei Klassen von Untertanen

Nach dem blutigen Abschluss der Landnahme beginnt die eigentliche, die seriöse Geschichte des Amalerkönigs. Erstaunlich ist, wie dieser vertragsbrüchige Haudegen den Bewohnern Italiens eine jahrzehntelange Periode von Stabilität und Ruhe verschaffte, an deren Ende er ein höchst angesehener Friedensfürst und zudem der reichste Mensch auf weströmischem Boden war. Kontinuität konnte dadurch gewahrt werden, dass in den vorfindlichen »Ministerien« und Verwaltungs­posten Italiens die Fachleute weiter in der gewohnten Weise arbeiteten und dass die Oberschicht, speziell der stadtrömische Senat, mit dem kaiserlichen ­Patricius kooperierte. Theoderich griff nicht »nach dem Purpur« (dem Kaisertitel). Er führte den Titel »Flavius Theodericus Rex«, König der Ostgoten, und galt de jure als Stellvertreter des oströmischen Kaisers in Italien. Er selbst sah sich als Oberhaupt zweier Völker: »Goten und Römer, so verkündete es die Kanzlei des Königs, sollten unter der Herrschaft eines gotischen Königs einträchtig, aber mit verschiedenen Aufgaben zusammenleben – ­Integration durch Separation.«⁸

Also zwei getrennte, sich ergänzende Untertanenvölker. Die Goten stellten die Waffenträger, ihr stehendes Heer war gegliedert in Tausendschaften unter je einem »Millenarius« (eine Art Regimentskommandeur). Dieses Heer schirmte das Land nach außen ab und nahm auch Polizeiaufgaben im Innern wahr. Die gotischen Krieger galten nicht als römische Soldaten, sondern als Föderaten, also nach römischem Recht als verbündete Ausländer, die aber als Gutsbesitzer Steuern zahlten. Die Romanen als Zivilisten trugen keine Waffen, sie zahlten reichlich Steuern, besorgten die Verwaltung und kümmerten sich in Person ihrer Bischöfe auch um die Sozialfürsorge. An zentraler Stelle in Ravennas Staatsapparat stand ein Prätorianerpräfekt mit weitreichender Befugnis im Bereich der Steuererhebung. Aus seiner Kasse wurden sämtliche Gehälter und der Unterhalt des Heeres bezahlt. Unter ihm standen die Provinzstatthalter, abwärts ging es bis zu den städtischen Räten, deren Mitglieder mit ihrem Privatvermögen für das richtige Steueraufkommen hafteten. Sie alle garantierten die laufenden Einnahmen, aus denen der König Hof halten, Bauwerke errichten, Zuwendungen (Donative) verteilen und seinen wachsenden Staatsschatz füllen konnte.

Die große Aufgabe der Ansiedlung von geschätzt 20.000 Heeresangehörigen (plus Familien) übertrug der Gote dem römischen Präfekten ­Liberius, der allseitig Lob erntete. Die Krieger, die eine strapaziöse Wanderung, Schlachten und Gefahren auf sich genommen hatten, erwarteten von ihrem König Grundbesitz und ein auskömmliches Leben. Als Gutsherren überließen sie die Wirtschaftsführung der Güter wahrscheinlich freien oder unfreien Verwaltern. Dass ihre Ansiedlung unter möglichster Schonung der italischen Altbesitzer erfolgte, gilt als sicher, da von nennenswertem Widerstand nichts berichtet wird. Für den Landbedarf konnten die »Sortes« (Lose, mit denen Land verteilt wurde) von Odoakers Gefolgsleuten sowie brachliegendes herrenloses Land herangezogen werden. Hintergrund war das spätrömische Recht der Föderatenversorgung, das heißt die Abzweigung eines Drittels großer Güter mitsamt Arbeitskräften zugunsten der anzusiedelnden Verbündeten.

Herrscher, nicht Missionar

Theoderichs Regierungsgrundsätze und Praxis unterschieden sich vorteilhaft von anderen Germanenreichen, vor allem von der schroffen Praxis der arianischen Vandalenkönige in Nordafrika. Anders als bei diesen gab es unter Theoderich keine Enteignung und Verbannung von Senatoren und Amtsträgern. Die römischen Steuerkataster wurden nicht zerstört, sondern fortgeführt; die neuen gotischen Grundbesitzer waren ebenso steuerpflichtig wie die Italier – also keineswegs steuerfrei wie die Vandalenkrieger. Theoderichs Verhältnis zum andersgläubigen Bischof von Rom (dem Papst) war sachlich gut. Es gab keine Verfolgung der Katholiken, keinerlei Druck auf einen Konfessionswechsel zur arianischen »Staatskirche«. Die Kirche, der die Goten angehörten, war gegenüber der römisch-katholischen eine ethnische Minderheitskirche mit eigenen Bischöfen. Man hatte eine eigene Bibelübersetzung in gotischer Sprache⁹ und eine abweichende Liturgie. Dass der Glaubensunterschied ein Hindernis für arianisch-katholische Mischehen war, kann vermutet werden.¹⁰ Das Nebeneinander der beiden christlichen Bekenntnisse muss man sich als schiedlich-friedlich vorstellen.

Ein schönes Beispiel kluger Toleranz ist der vom Kanzler überlieferte Satz aus einem königlichen Erlass zugunsten der Juden Genuas: »Wir können eine Religion nicht befehlen, weil sich ja niemand zwingen lässt, wider seinen Willen zu glauben.« Nach einer antijüdischen Brandstiftung ordnete Theoderich die Bestrafung der Täter und die Ersetzung des Schadens an. Jüdische Gemeinden konnten der gotischen Herrschaft vertrauen. Sie gehörten denn auch nach dem Einmarsch oströmischer Truppen des Kaisers Justinian, von dem sie nichts Gutes erwarteten, zu den Verteidigern der gotischen Herrschaft.

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Gibt es Analogien oder Parallelen von gotischer Absonderung zur neuzeitlichen Apartheid à la Südafrika oder Segregation à la USA , dem Dünkel überlegener Ethnizität geschuldet? Immerhin definierte sich der Kriegerverband, der mit Theoderich nach Italien gekommen war, als stolze ethnische Größe. Aus mindestens fünf Gründen verbietet sich aber eine Gleichsetzung: Es fehlte im Gotenreich eine verordnete Ghettoisierung. Es gab keinen Ausschluss der beherrschten Einwohner von hohen und höchsten Ämtern; und »gemischte« interkonfessionelle Ehen standen keineswegs unter Strafe. Es gab nicht das, was man eine Armutsschranke entlang der Trennlinie Goten/Romanen nennen könnte. Und die Teilhabe am kulturellen Leben war zwar vom Geldbeutel, nicht aber von der Herkunft abhängig.

Ein Wort zur Rechtssicherheit. Sie hatte sich im späten Imperium Romanum stetig verschlechtert. Es stand auch unter gotischer Herrschaft keineswegs zum Besten um sie. Der Zugang zur Rechtsprechung hing von Zahlungen ab, Richter galten als bestechlich. Theoderich akzeptierte, wie Zeitgenossen bezeugen, das römische Recht als Basis. (Nur für Goten untereinander blieb es beim alt­hergebrachten germanischen Brauch.) In einer überlieferten Sammlung von Dekreten und Rechtssätzen¹¹ zeigt sich der Wille des Königs, Amtsmissbrauch zu bestrafen und ohne Ansehen der Person Recht zu schaffen. Das Tagesgeschäft des Herrschers bestand zu einem guten Teil im Anhören und Entscheiden von Streitfällen. Dabei gab es auch Entscheidungen gegen hochrangige Honoratioren.¹² So konnte er seinen Anspruch auf Herrschaft des Rechts bewähren. Den Grundsatz »In causa possint iura, non brachia«¹³ (es herrsche Recht, keine Brachialgewalt) musste er den Goten wohl ausdrücklich einschärfen, wie aus einem diesbezüglichen Brief hervorgeht. Man möge sich, so Theoderich, zivilisiert an den Rechtsweg gewöhnen. »Deshalb geben wir ja den Richtern ihre Gehälter.«

Daneben bewies er Ambitionen als Bauherr und Bewahrer der Infrastruktur. Dazu gehörte die Instandsetzung von Aquädukten, Straßen, Stadtmauern, Thermen und Spielstätten. Er baute in Nord- und Mittelitalien neue Paläste und Kirchen und sorgte für die Ziegelproduktion. In Ravenna errichtete er – noch heute zu besichtigen – die große Hof- und Palastkirche (Sant’Apollinare Nuovo) und ein Mausoleum, das mächtig-wuchtige Grabmal des Theoderich.

Ruhm und Legende

Lässt sich nach Theoderichs Ableben ein Vermächtnis, eine »Lehre« feststellen? Solche Versuche sind unbefriedigend geblieben. Man erkennt noble Züge an ihm, ein Streben nach Ausgleich und nach Konservierung bewährter Dinge, doch nichts darüber hinaus. Er stiftete keine Tradition und kein Programm. Weder schwebte ihm ein christliches Abendland vor, noch förderte er die Verschmelzung von Goten und Romanen. Hans-Ulrich Wiemer urteilt über den König mit Recht: Er »wollte weder die Gesellschaftsordnung noch das Wirtschaftssystem Italiens nach einem eigenen Leitbild gestalten. Im Gegenteil. Sobald es ihm gelungen war, seinen Goten (…) ein gesichertes Auskommen zu verschaffen, zielte sein Wollen und Handeln darauf ab, den Status quo zu konservieren. Dies gilt auch für die Rechtsordnung.«¹⁴ So blieb es beim römischen Grundsatz der strikten Unterscheidung zwischen Landbesitzern und Habenichtsen (Proletarii), zwischen Freien und Sklaven (Servi). Hinzu kam die Kluft zwischen waffentragenden Kriegern, den Goten, und der Mehrheit der Zivilisten. In Richtung Mittelalter deutet allenfalls die Zunahme von abhängigen, schollen-gebundenen Pachtbauern (­Coloni, Sklaven des Bodens).

Eine wesentliche Bedingung für die Stabilität des Gotenreiches war die integrierende Gestalt des Königs der Goten, der zugleich Herrscher der Römer war. Ohne diese Klammer des Monarchen mit Autorität konnte das Reich nicht dauerhaft bestehen. Von daher ist Theoderichs Sorge um die stabile Nachfolgeregelung vollauf berechtigt. Was daneben zu recht betont wird, ist die relative Friedlichkeit seiner 33jährigen Herrschaft. Das außenpolitische Bestreben, durch Diplomatie, Allianzen und Heiraten ein dauerhaftes System von Sicherheit zu schaffen, war vielleicht sein lobenswertestes Projekt.

Im 19. Jahrhundert, in der Zeit des »Risorgimento« (der italienischen Einigungskriege), bedachte man den Ursprung der italienischen Teilung und erkannte in »Teodorico il grande« samt Nachfolgern im positiven Sinn die letzten Wahrer eines einheitlichen Italiens. Das stimmte weitaus mehr als die zeitgleiche deutschnationale Heldenlegende. Drei Jahrhunderte nach Theoderich ließ Kaiser Karl (der Große) in seiner Pfalz in Aachen ein Reiterstandbild des Amalerhelden aufstellen; das ließ aber sein Sohn Ludwig (der Fromme) bald nach 814 zerstören. Zur gleichen Zeit lebte Theoderich in Gestalt des Diedrich/Thidrek von den Alpen bis Skandinavien in der Sage weiter. Die geschichtlichen Tatsachen sind dabei allerdings munter durcheinandergewirbelt, Mythos und dichterische Phantasie haben den historischen Kern überwuchert. Ein frühes Zeugnis ist das Hildebrandslied, überliefert auf althochdeutsch um 830. Darin spielt »Deotricch« den Part eines flüchtigen Recken, der auf der Flucht vor Odoaker dreißig Jahre im Exil weilt.

Nach anderen Legenden lebt er an Attilas (­Etzels) Hof, heimatvertrieben und tapfer, aber vergeblich gegen den Feind Ermenrich kämpfend – dieser Ermanarich lebte in Wahrheit 150 Jahre früher. In der norwegischen Thidrek-Saga aus dem 13. Jahrhundert wird er als idealer Gefolgsherr mit einem fabelhaften Lebenslauf geschmückt. Aus derselben Zeit datiert das Nibelungenlied. Dort ist »der herre Dietrich« ein melancholischer ritterlicher Held an Etzels Hof, der die Burgunder vergeblich vor dem Unheil warnt, der für Gerechtigkeit sorgen will und scheitert. Da bleibt, von allem Historischen gelöst, nur das Bild des namhaften Recken.

Am realen Geschehen orientiert ist dagegen die Lobrede eines byzantinischen Zeitzeugen: Das Urteil des nüchternen Historikers Prokop (gestorben um 560) mag übertrieben klingen, zeigt aber den für seine Zeit außergewöhnlichen Ruf, den der langjährige gotische Herrscher in drei Jahrzehnten erworben hatte.

Anmerkungen

1 Dazu schreibt der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki: »… ein mit Kontrast-Effekten glänzend operierendes Riesenfresko«, von dessen Figuren der körperlich schwache, gelähmte Stratege Narses als überlegener Gegentyp zum heldischen General Belisar besonders beeindruckt. Vgl. Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben, Stuttgart 1999, S. 37

2 Ein Häretiker ist ein Ketzer: Als homöisch oder arianisch wurde die vom päpstlichen Rom abweichende Glaubensrichtung »verketzert«. Die meisten germanischen Stämme waren arianisch bekehrt; dieser Lehre zufolge war Christus nicht als gottgleich, sondern nur als untergeordneter Sohn (hómoios: ähnlich, also nicht wesensgleich mit Gott) anzusehen.

3 So der antike Historiograph Jordanes: Ursprung und Taten der Goten, übers. von Lenelotte Möller, Wiesbaden 2012, S. 167

4 Die mobilen Stammesverbände von keltisch-germanisch-hunnischer Herkunft, die das römische Reich angriffen und immer öfter besetzten, waren meist ein ethnisches Gemisch. Zahlreiche Abhandlungen benutzen zur Kennzeichnung sämtlicher Stämme jenseits der Reichsgrenzen das vom altgriechischen Bárbaros abgeleitete Wort »Barbaren«. Das wurde zu gotischer Zeit wertneutral verwendet. Da »barbarisch« heute negativ klingt, benutze ich eher die Vokabel »germanisch« als unpräzise Hilfsvokabel, wobei richtigerweise »germanisch« ein Begriff zur Einteilung von Sprachen, nicht von Personen ist. Für die meisten Barbaren unseres Zeitabschnittes diente als Verkehrssprache das ostgermanische Gotisch.

5 Das gotische Wort »Reiks« (Herrscher) für einen Heerführer/Herzog/Chef ist mit dem lateinischen »Rex« (König) urverwandt; daraus resultiert die häufige Gleichsetzung.

6 Byzanz, umbenannt in Konstantinopel (heute Istanbul), war seit 395, seit der römischen Reichsaufteilung in Ost- und Westhälfte, ständige Residenz der oströmischen Kaiser. Amtssprache war Latein, Umgangssprache der Bevölkerung griechisch; der örtliche orthodoxe Patriarch stand in ständiger Konkurrenz zum Papst in Rom. Die östliche Metropole sah sich nach 476 als Oberhaupt für beide Reichsteile.

7 So bei Jordanes (wie Anm. 3), S. 177: »… brach Theoderich nach Westen auf mit dem ganzen Volk der Goten, s o w e i t es ihm zustimmte.«

8 Hans-Ulrich Wiemer (Hg.): Theoderich der Große und das gotische Königreich. Berlin/Boston 2020, S. 393

9 Die ins Gotische übersetzte Bibel ist für alle Sprachforscher eine Freude. Sie stellt das älteste germanische Schriftzeugnis dar, wurde um 375 verfasst und ist in einem einzigen Prachtexemplar erhalten. Die mit silberner Tinte auf edles Pergament geschriebene »Silberbibel« (Codex argenteus), die sich heute im schwedischen Uppsala befindet, wurde im 6. Jahrhundert wahrscheinlich unter Theoderich angefertigt.

10 Verschärfend wirkte hier, dass beim Übertritt zur gotischen Kirche die erneute, die »Wiedertaufe« verlangt wurde; das war in römisch-katholischen Augen ein Frevel. Fest steht, dass etliche gotische Krieger nichtgotische Frauen heirateten.

11 Die Rechtsnormen waren teilweise recht grob geschliffen. Näheres zu diesem Werk mit dem Titel »Edictum Theoderici«, einer Sammlung von Einzelproblemen, bei Karl Ubl: Das Edikt Theoderichs des Großen. In: Wiemer (wie Anm. 8), S. 223–238

12 Hans-Ulrich Wiemer: Theoderich der Große. König der Goten – Herrscher der Römer. München 2025², S. 468

13 Aus dem Brief an einen gotischen Stadtkommandanten, zitiert nach Wilhelm Ensslin: Theoderich der Große. München 1959², S. 219, Anm. 18

14 Wiemer (wie Anm. 12), S. 473

Ein wahrer Kaiser

»Die Insignien und den Titel eines Kaisers der Römer anzunehmen, lehnte er ab. Zeitlebens ließ er sich nur als Reiks/Rex bezeichnen, wie die Barbaren ihre Herrscher zu nennen pflegen, regierte aber mit allen Eigenschaften, die jenem zukommen, der von Natur aus imperator (Kaiser) ist. Nachdrücklich sorgte er für Gerechtigkeit und wahrte die Gesetze. Er schützte das Land vor den benachbarten Barbaren und bewies höchste Klugheit und Tapferkeit. Seinen Untertanen tat er fast nie ein Unrecht an und ließ es auch von keinem andern zu, außer dass die Goten unter sich die Sortes verteilten, die Odoaker seinen Leuten gegeben hatte. So war Theoderich dem Namen nach ein Usurpator, der Tat nach ein wahrer Kaiser, und stand keinem seiner berühmten Vorgänger nach. (…) Theoderich starb nach 37jähriger Regierung, ein Schrecken aller seiner Feinde, doch tief betrauert von seinen Untertanen.«

→ Aus: Prokop von Caesarea, Gotenkrieg I / 1,25–31

→ Christian Stappenbeck schrieb an dieser Stelle zuletzt am 14. März 2026 über die evangelische Kirche nach 1945: »Pfarrer, Parteigenossen, Persilscheine«

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.08.2026, Seite 12, Thema

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→ Leserbriefe
  • Dietmar Dieckmann aus Konstanz 4. Sept. 2026 um 12:16 Uhr
    Spätestens seit Ricimer, 20 Jahre vor Odoaker, scheint es normal, dass germanische Söldnerführer Italien regieren. Das liegt am Wegfall der Latifundien-Sklavenwirtschaft der Villa Rustica. Die Byzantiner sprechen Koinä, griechisch, und können ihre Fremdherrschaft und Restauration der alten Zeiten nur 555–567 halten, unter Statthalter Narses. Ravenna und Rom bleiben danach Exarchat der Byzantiner, der Bischof von Rom untersteht dem Metropolit von Konstantinopel. Er muss griechische Kirchenliturgie können. Es ist König Luitprand, der 728 Sutri an Papst Gregor schenkt und so die lateinische Kirche gründet. Erinnert sei an Wulfilas arianische Gotenbibel von 351 oder 522, in Gebrauch bis 700 bei den Langobarden, heute in Uppsala aufbewahrt. Auch wurde selten bei einem Gastmahl soviel gescherzt und gelacht. Als Odoaker vom Stuhl kippte, hielt Theoderich die Totenwache. Ein ungeklärter Giftmord. Wer erinnert an die Langobardenkaiser Wido, Lambert, Berengar? Es ist die Langobardenkaiserkrone, die man Otto über den Kopf stülpt.
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