Erneuerung des Alten
Von Christian Stappenbeck
Vier einschneidende Ereignisse kennt die ungarische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Innerhalb von 70 Jahren vier Brüche, die das Bewusstsein der älteren Ungarn prägen: Revolution und Konterrevolution 1918/19; Befreiung vom Pfeilkreuzler-Faschismus 1945; Aufstand gegen »die Partei« 1956; gewaltlose Rückwende 1989, genannt »Systemwechsel« (rendszerváltás).
Einer dieser Brüche, der Aufstand von 1956, beschäftigt die ungarische Gesellschaft bis heute stark. Unstrittig waren die Ereignisse dieses Jahres Ausdruck einer tiefen Krise. Um die Eruption zu verstehen, muss man zur Gründung der Volksrepublik sieben Jahre zuvor zurückgehen. Der »starke« Mann ab 1948/49, der Parteiführer und Regierungschef Mátyás Rákosi, war rücksichtslos, aber kein banaler Despot. Er war Vertreter eines radikal-dogmatischen Sozialutopismus. Wichtige Teile der Gesellschaft und der Partei brachten ihm anfangs Respekt entgegen. Aber Rákosi, »Stalins bester ungarischer Schüler« (laut Selbstaussage), hatte das eigentümliche Talent, die Zahl der Gegner der neuen Ordnung maximal zu vermehren. Er hatte Hunderttausende Ungarn als sogenannte klassenfremde Elemente drangsaliert, bei forcierter Industrialisierung gleichzeitig die Bauernschaft ausgepresst, Kleinproduzenten enteignet, Schauprozesse veranstaltet und eine gefürchtete Staatsschutzbehörde eingerichtet, kurz ÁVÓ genannt.
Schon im Juni 1953 zog die neue Führung in Moskau quasi die Notbremse, als sie Rákosi zwang, das Amt des Regierungschefs abzugeben und an die Spitze der Regierung den Altkommunisten und Agrarfachmann Imre Nagy zu setzen. Beschlossen wurde die Aufhebung der Internierungslager und der in den Prozessen verhängten Urteile, die Revision der beschleunigten Industrialisierung sowie das Ende der Zwangsaussiedlung unliebsamer Bürger. Imre Nagy durfte dieses Reformprogramm den erfreuten Ungarn verkünden, er galt seitdem als Hoffnungsträger.
Die folgenden drei Jahre waren durch Flügelkämpfe zwischen Rákosi – der weiterhin Parteichef war – und der Fraktion um Ministerpräsident Nagy bestimmt. 1955 siegte zunächst die Rákosi-Fraktion, Nagy verlor Amt und Parteimitgliedschaft. Die von Selbstzweifeln nicht angekränkelte Rákosi-Gerő-Gruppe applaudierte nach dem XX. Parteitag dem Kurs der KPdSU und blieb doch im Prinzip bei ihrer Linie. Vor allem bei der ungarischen Intelligenz, bei Künstlern, Autoren und Studenten aber gärte es. Ab März 1956 nutzten sie den zuvor unscheinbaren Debattierklub »Petöfi-Kreis«, um die Parteilinie zu problematisieren. Tonangebend waren dabei keine Sozialismusfeinde, sondern Marxisten, die ein anderes Sozialismusmodell erörterten. Der Philosoph Georg Lukács vertrat hier zum Aufstand in Poznań die Ansicht: Solche Rebellion sei das letzte Mittel der Arbeiterklasse eines sozialistischen Landes, sich Gehör zu verschaffen, wenn die Partei sich von den Massen entfernt habe.
Es war denn auch eine Sympathiekundgebung von Budapester Studenten für den polnischen Reformkurs, die die ungarische Oktoberkrise einleitete. Die Losungen waren anfangs maßvoll. »Jugend fordert: Partei muss den Weg weisen«, »Wir brauchen einen neuen Parteivorstand«, »Weg mit Rákosi«, »Imre Nagy in die Führung«, »Weg mit der Willkür, es lebe das Gesetz.« Am 23. Oktober waren es zuerst an die 10.000 Teilnehmer, die sich über vier Donaubrücken zum Denkmal des polnischen Generals Józef Bem bewegten. Daraus wurde schnell eine Menge von hunderttausend und mehr. Ein Teil zog Richtung Parlament, ein anderer zum Rundfunkgebäude, ein dritter zum Stadtpark. Dort stürzte gegen halb neun Uhr abends das riesige Stalin-Monument. Wer die ersten Schüsse abgab, ist bis heute unklar. Jedenfalls lagen einen Tag später mehrere hundert Tote auf der Straße. Darunter etwa 100 Soldaten der Sowjetarmee, deren Panzer im Morgengrauen des 24. Oktober in das Geschehen eingreifen sollten. Nach fünf Tagen zogen sich die für einen Einsatz in der Stadt völlig ungeeigneten Panzer zunächst zurück.
Wer begehrte in diesen Oktobertagen auf? Es waren Studenten, Arbeiter, auf Tito orientierte Marxisten, bürgerliche Liberale, ehemalige Pfeilkreuzler, dazu unterdrückte Geistliche gemeinsam mit katholischen Bauern. Schnell prägten bewaffnete Kämpfer das Geschehen; das waren überwiegend junge Arbeiter und Soldaten, aber auch sogenannte Lumpenproletarier, die gern plünderten. Teile der Armee lieferten einfach ihre Waffen aus. Alle Klassen und Schichten waren vertreten, am wenigsten allerdings die Bauern. Die völlig disparaten Gruppen einte ein gemeinsames Feindbild: das System Rákosi.
Ab 24. Oktober war Imre Nagy wieder Regierungschef, an der Parteispitze löste János Kádár am Folgetag den erleichtert abdankenden Funktionär Ernő Gerő ab. Aber der eilige Wechsel in der Führung kam zu spät, er konnte die Volksrepublik nicht stabilisieren. Eine peinliche, gleichsam stündlich offenkundiger werdende Ohnmacht und Verwirrung der Partei- und Staatsführung zeigte sich darin, dass sie ständig geänderte Ultimaten verkündete, bis zu denen die Aufständischen »spätestens« ihre Waffen abgeben müssten, um straffrei zu bleiben. Niemand kümmerte es.
Bald verbreitete sich die Forderung »ruszkik haza« (Russen raus), die sich zu »Ungarn raus aus dem Warschauer Pakt« steigerte. Die letztere Forderung machte sich schließlich auch der schwankende Imre Nagy amtlich zu eigen. Seine Aufkündigung der Bündnistreue war nach Ansicht urteilsfähiger Köpfe ein suizidaler Akt. Er berührte unmittelbar sowjetische Sicherheitsinteressen. In Moskau hatte man nicht vergessen, dass erst 15 Jahre zuvor 200.000 ungarische Soldaten mit einem unprovozierten Überfall an Hitlers Seite in die UdSSR einmarschiert waren. In Ungarn dagegen erzählte man sich, man sei 1945 unschuldig besetzt worden.
Ende Oktober resümierte einer der Aufständischen, ein Schüler von Georg Lukács und Anhänger von Imre Nagy: »Es gab Tage, an denen man nicht wusste, wie weit die Lawine rollen würde. Auch ich hatte Angst, als ich von den verschiedenen Todeslisten hörte, als den Reformkommunisten der Ruf ›Kreuzigt sie!‹ entgegengellte, als die fromme Reaktion ihre ungeheuren Kraftreserven auf die Straße brachte.« Er und seinesgleichen, den Fortschritt wünschend, wurden Komparsen eines blutigen Dramas. Zum Gipfelpunkt der Lawine wurde der Exzess vom 30. Oktober bei der Erstürmung des Pester Parteihauses, wo ein entfesselter Mob noch die Leichen schändete.
Bis Ende Oktober sprachen sogar politisch erfahrene Kommunisten wie Kádár und Lukács noch vom progressiven Umbruch, von »Revolution«. Zu der Zeit wurden die entstehenden Arbeiterräte selbstbewusst und knüpften an das jugoslawische Selbstverwaltungsmodell an. Doch die dominierende Tendenz einer Bewegung kann eine andere sein, als einzelne Handelnde beabsichtigen. In den Losungen und Aktionen verschob sich das Schwergewicht rasant hin zur Restauration des Kapitalismus mit Anschluss an den NATO-Westen und zur brutalen Revanche. Spitze des Eisbergs war der Straßenterror gegen vermeintliche »Russenknechte« und ÁVÓ-Leute sowie die Lynchmorde vor dem Parteihaus. Sie zielten klar auf Erneuerung des Alten. Das erklärt den Seitenwechsel von Kádár und Münnich (Parteichef und Innenminister) weg von Nagy hin zu Chruschtschow in der Nacht vom 1. zum 2. November. Tage später – während die inzwischen verstärkten Sowjettruppen den Aufstand niederwarfen – kehrten beide aus Moskau zurück und bildeten eine neue Regierung, die die Arbeiterräte zunächst legalisierte, sie aber im Dezember auf Moskauer Druck hin verbot.
Nach einer Zeit der Abrechnung unter sowjetischer Ägide, der Vergeltungsakte und der gebrochenen Zusagen prägte János Kádár die Formel: »Wer nicht gegen uns ist, ist mit uns.« Die Niederschlagung der Rebellion hinterließ Spuren. Aber eine Analyse der Ereignisse, die später »die tragischen« hießen, blieb tabu oder doch ein vermintes Terrain. Denn die klassenübergreifende Breite des Aufstands war ein heikles Faktum. War das ein fortschrittlicher Ansturm oder der Weg zurück? Die Verschiedenheit und faktische Aktionseinheit von klerikalen Antikommunisten, sozialdemokratisch gesinnten Arbeitern, Tito-Anhängern, Liberalen und Abenteurern machte die Beurteilung schon immer schwierig. Nach meinem Eindruck sprechen heute neun von zehn Befragten von einer »großartigen Revolution«.
Bevor nach 1956 die Sprachregelung »tragische Ereignisse« amtlich wurde, äußerte ein ungarischer Bauernschriftsteller: Der Streit darüber, ob die Oktoberereignisse Revolution oder Konterrevolution heißen sollen, sei müßig, denn es sei ein Volksaufstand gewesen. Für all die disparaten Kräfte war das Verbindende ein Contra: Gegen alles, was sich mit dem Namen des Genossen Rákosi verband. Nennen wir es eine Gegen-Revolution.
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