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Sportpolitik

»Diese Situation macht uns wütend«

Die »Neuordnung« der Trainingsstandorte im Eissport ist mit Ultimaten und Schikanen verbunden. Ein Gespräch mit Hendrik Dombek

Foto: Karina Hessland/IMAGO
Das Erfurter Eissportzentrum in der Gunda-Niemann-Stirnemann-Halle (2.3.2023)

Das neue Leistungssportkonzept der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft, DESG, sieht vor, dass die besten Sprinter in Berlin konzentriert werden, die Langstreckler und Mehrkämpfer in Inzell. Was ist falsch an der Logik einer solchen Neustrukturierung?

Wir wehren uns nicht gegen Veränderungen, wenn sie sportfachlich sinnvoll sind und das deutsche Eisschnelllaufen voranbringen. Das Problem ist: Eine überzeugende Erklärung haben wir bislang noch nicht gehört. Geschweige denn, wie eine Zusammenlegung überhaupt vonstatten gehen soll. In Erfurt gibt es gewachsene Strukturen, erfahrene Trainer und funktionierende Trainingsgruppen. Man kann nicht einfach Standorte neu ordnen, ohne die Folgen für die Athleten zu prüfen und den sportfachlichen Mehrwert darzulegen. Eine Reform muss sich am sportlichen Nutzen messen lassen.

Dürfen Sie noch wie gewohnt in der Gunda-Niemann-Stirnemann-Halle trainieren?

Das schon, aber die aktuelle Situation belastet uns enorm. Die Ultimaten, die Schikanen und der ständige Kampf darum, dass unsere Argumente überhaupt gehört werden, gehen nicht spurlos an uns vorbei. Hinzu kommt, dass die Bundestrainer bislang keinen Kontakt zu uns in Erfurt aufgenommen haben und wir zu Lehrgängen nicht eingeladen wurden. Wir leiden extrem darunter. Unterm Strich wird hier fahrlässig mit unserer sportlichen Zukunft und letztlich mit unserer Existenz gespielt. Wir brauchen endlich Klarheit und verlässliche Perspektiven, damit wir uns auf den Sport konzentrieren können!

Wie sieht Ihre Vorbereitung auf die im November beginnende Weltcupsaison aus?

Wir versuchen, uns bestmöglich auf die Saison vorzubereiten und trotz allem unsere Leistung zu bringen. Eine optimale Vorbereitung sieht anders aus. Diese Situation kostet uns Kraft und macht uns wütend, weil wir uns eigentlich voll und ganz auf unser Training und die Wettkämpfe konzentrieren sollten. Trotzdem haben wir den Anspruch, das Optimum herauszuholen.

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Haben Sie unter diesen Bedingungen noch Freude am Leistungssport?

Mit dieser Frage habe ich mich in den vergangenen Monaten oft beschäftigt. Ich brenne nach wie vor für den Eisschnelllauf, möchte mich weiter verbessern und mich mit den Besten messen. Ich wäre aber unehrlich, wenn ich sagen würde, dass ich nicht schon über ein Karriereende nachgedacht hätte.

Wie viele Sportler aus Erfurt sind betroffen?

Es betrifft rund zwanzig aktuelle und darüber hinaus auch zukünftige Kaderathleten. Hier geht es um Menschen, die sich über Jahre etwas aufgebaut haben und ihre sportliche Zukunft in Erfurt sehen. Man darf nicht vergessen, dass hinter jedem Athleten ein privates Leben, eine Ausbildung oder ein Beruf steht. Das alles lässt sich nicht einfach von heute auf morgen an einen anderen Standort verlegen.

Sollen Trainer und anderes Personal ebenfalls wechseln?

Wie sich die DESG die Struktur abseits der Stützpunktfrage vorstellt, wurde uns ebenfalls nicht erläutert. Daher ist für uns unklar, ob auch ein Wechsel des Betreuungspersonals vorgesehen ist und wo dieses künftig eingesetzt werden soll. Auch unsere »dualen Karrieren« mit Ausbildung oder Studium sind hier aufgebaut. Bei einem Wechsel müssten wir auch das von Grund auf neu organisieren und planen.

Sie haben die neue Athletenvereinbarung ausdrücklich »unter Protest« unterschrieben. Warum?

Unsere Unterschrift bedeutet nicht, dass wir mit dem Vorgehen der DESG einverstanden sind. Wir hatten das Gefühl, dass uns bei einer Nichtunterzeichnung weitere Nachteile für unsere sportliche Zukunft drohen. Gerade für jüngere Athleten wäre das ein großes Risiko gewesen. Wir wollen weiter trainieren und an Wettkämpfen teilnehmen. Deshalb haben wir ausdrücklich unter Protest unterschrieben. Unsere Kritik am Umgang mit uns und an der fehlenden Mitsprache bleibt bestehen.

Seit 2010 hat es keine olympische Medaille für deutsche Eisschnellläufer auf dem Oval gegeben. Ist die Konzentration auf zwei Standorte nicht notwendig?

Natürlich ist es unser Ziel, international die Lücke zu den führenden Nationen zu schließen und erfolgreicher zu laufen. Dafür müssen wir uns weiterentwickeln und Dinge kritisch hinterfragen. Das bedeutet nicht automatisch, dass die Konzentration auf zwei Standorte der richtige Weg ist. Wir haben keine Analyse oder kein Konzept gesehen, das belegt, wie diese Veränderungen uns sportlich voranbringen. Vor allem müssen die Athleten stärker in die Entwicklung solcher Konzepte einbezogen werden. Es geht nicht um Erfurt gegen Berlin oder Inzell, sondern darum, gemeinsam die besten Voraussetzungen für den Eisschnelllauf zu schaffen.

Hendrik Dombek ist Eisschnellläufer und Präsidiumsmitglied des Vereins Athleten Deutschland; 2026 gab er in Mailand sein olympisches Debüt

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.10.2026, Seite 2, Inland

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