Vom Aufrauhen glatter Oberflächen
Der Jazzposaunist Samuel Blaser betreibt auf dem neuen Album »Rosina« Ahnenforschung
Vierunddreißig Aufnahmen als Leader oder Co-Leader hat Samuel Blaser schon auf dem Buckel, doch nie und nirgends war mir dieser Posaunist Baujahr 1981 bisher untergekommen – man kann seine Ohren in den unermesslichen Weiten der Jazzmusik eben nicht überall haben. Nach mehreren Jahren in New York hat Blaser seinen Arbeitsschwerpunkt inzwischen nach Berlin verlegt und erklimmt nun zunehmend auch deutsche Bühnen. Mit seinem 35. Streich, dem Album »Rosina«, hat er dabei leichtes Spiel.
Sind es die weit ausholenden Mitsingmelodien, die einen auf Anhieb für Blasers Posaunenspiel einnehmen, sind es die überraschenden Wendungen und belebenden Stimmungswechsel in dieser Musik, ist es ihre unverschämte Frische? Einige Tracks muten durchaus jazzfremd an und sind hörbar italienisch eingefärbt, weil Samuel Blaser für dieses Album etwas Ahnenforschung betrieben und vor allem seiner Großmutter mütterlicherseits hinterherrecherchiert hat. Diese Rosina Pierina Scarpioni aus der norditalienischen Provinz Emilia-Romagna war eine Widerstandskämpferin im Zweiten Weltkrieg und emigrierte später in die Schweiz; Blaser hat sie nie kennengelernt.
Dafür hat er einige italienische Cousins rund um New York aufgestöbert – und herausgefunden, dass in der berühmten Field-Recordings-Sammlung von Alan Lomax auch ein paar Schätze aus der Emilia-Romagna schlummern, so »E la mamma di Rosina«, das er flugs zur Oma-Hommage und zum Titelstück des Albums ausbaute, und die ergreifende Wehklage »Boara«, die als Eröffnungsnummer fungiert. Der Schlusstein »Serenata« wiederum entstammt der neapolitanischen Liedtradition der 1950er Jahre. An diesen frühen A-Cappella-Einspielungen hat Blaser besonders fasziniert, dass sie viel Raum für Neuinterpretationen lassen. »Ohne Instrumentalarrangements, die den Kontext definieren, fühlt sich die Musik offener an, und man kann sie auf seine eigene Weise bearbeiten.«
Eine explizit jazzige Handschrift hat Blaser diesen Stücken also gar nicht verpasst, doch von der Freiheit zum Verzicht auf eine feste Form macht er entschlossen Gebrauch. Das gilt auch für das große Restprogramm, wo das Jazzvokabular dominiert und Blasers US-Quartett groß aufspielt. Pianist Russ Lossing, Schlagzeuger Billy Mintz und Bassist Masa Kamaguchi sind langjährige Weggefährten, mit denen der Posaunist gern ins Risiko geht: Man neckt sich und fetzt sich, improvisiert erfinderisch und ausgelassen, schafft aber auch respektvolle Intimität. Blaser und Lossing haben gemeinsam bei Jazzfreigeist Paul Motian gespielt, Kamaguchi gehört Lossings eigenem Trio an, Mintz ist ein altgedienter Charles-Lloyd-Veteran – damit ist schon ein vielschichtiges Terrain abgesteckt.
Und wo holt Blaser sonst noch seine Melodien her? Zum Beispiel von einer Tonfolge, die einer seiner Sprösslinge auf langen Autofahrten unentwegt gekräht hat. »Adagio« fußt auf einem Motiv des langjährigen Mingus-Posaunisten Jimmy Knepper, und in »Mysteriously« wird, wie der Titel schon nahelegt, Thelonious Monk gehuldigt. Blaser knöpft sich auch eine ältere Eigenkomposition noch mal vor, indem er sie quasi rückwärts spielt: Das vertrackte, aber aufreizend pulsierende »Elgnij« hieß zuvor »Jingle«. Musikalisch genasführt wird man also auch noch – und lässt es sich gefallen. In der freien Interaktion, beim gemeinsamen Aufrauhen glatter Oberflächen und dem Ausleuchten finsterer Winkel fühlt sich diese Band besonders wohl. »Mit diesem Projekt habe ich das Gefühl, die Musik endlich so zu formen, wie ich sie klingen lassen will – dort, wo verschiedene Teile meiner musikalischen Sprache zusammenfinden«, sagt Blaser. Und wie er seine Vorstellungskraft auf der Posaune schier endlos variieren kann, stellt er mehr als einmal mit dem gekonnten Einsatz des Dämpfers unter Beweis. Von der blitzsauberen Interpretation europäischer Barockmusik bis zum dreckig schleifenden US-Südstaaten-Sound der Tailgater, die mit ihren Posaunen von den Ladeflächen der Bandwagons herunter als Einpeitscher von Marching Bands fungieren, hat Blaser alles drauf – und setzt sein Instrument als auch technisch kompletter Virtuose ein.
Es dürfte interessant werden, zu verfolgen, was für ein Feuer diese Musiker live entfachen. Im November gastiert Blasers Quartett in der Schweiz sowie in Marburg, Villingen, Berlin, Köln, München und Kassel. Checken Sie die genauen Termine in Ihrer Nähe und sagen Sie auch Ihren italienischen Verwandten Bescheid!
Samuel Blaser Quartet: »Rosina« (Blaser Music)
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