Wer hat Schuld?
Maricarmen Abascal wurde zum Symbol des Kampfes für ein würdiges Wohnen in Spanien, so der staatliche Fernsehsender TVE, der am 23. September die Zwangsräumung der Rentnerin live im Morgenmagazin übertragen hatte. Die 87jährige wurde aus ihrer Madrider Wohnung, in der sie seit 71 Jahren lebte, geworfen, weil eine Immobilienfirma mehr Miete kassieren wollte. Wegen dieser Ungerechtigkeit gehen Hunderttausende seit Wochen auf die Straße. Am Mittwoch starb Maricarmen in einem Krankenhaus.
Die Anwältin von Maricarmen erhob nach ihrem Tod schwere Vorwürfe, berichtete der Radiosender Cadena Ser, es gebe Schuldige. »Wäre die Zwangsräumung ausgesetzt worden, wären wir meiner Meinung nach jetzt nicht in dieser Situation«, wird die Anwältin zitiert. Diese Medienanstalt, die zur Prisa-Gruppe gehört, wie die Tageszeitung El País, richtet sich an ein progressives Publikum. Der größte Aktionär dieses Kommunikationsunternehmens ist Joseph Oughourlian, Gründer des Investmentfonds Amber Capital, der in Spanien in Rüstungsproduktion bei der Firma Indra und in die Nutzung erneuerbarer Energieträger investiert.
Doch weder Cadena Ser noch El País nennen bei der Nachricht vom Tod Maricarmens den Namen des Unternehmens, das sie auf die Straße gesetzt hatte: Urbagestión. »Am 23. September wurde Maricarmen aus ihrer Wohnung im Madrider Stadtteil Retiro zwangsgeräumt, in der sie sieben Jahrzehnte lang gelebt hatte«, so die Tageszeitung El País: »Sechs Jahre zuvor hatte ein Unternehmen ihre Wohnung zu einem für diese Gegend lächerlich niedrigen Preis gekauft – gerade deshalb, weil sie noch darin wohnte.« Das Unternehmen hatte eigentlich nach dem Protest eingelenkt, nach jahrelangem Kampf gegen die Rentnerin und ihre Unterstützer vom Mietersyndikat und nach der Räumung.
Dagegen nennt die rechte, wirtschaftsliberale Libertad Digital den Namen der Immobilienfirma – um sie in Schutz zu nehmen: »Der Tod von Maricarmen löst eine neue Welle von Drohungen gegen Urbagestión aus: Cyberangriffe, Belästigungen und öffentliche Anprangerung.« Die Onlinezeitung gehört einer Aktiengesellschaft, geleitet vom Journalisten und Hetzer Federico Jiménez Losantos. Die Madrider Regionalregierung, geführt von der als spanische Version von Trump geltenden Politikerin Isabel Díaz Ayuso von der Volkspartei PP, soll rund eine Million Euro an Werbung geschaltet haben. Díaz Ayuso und andere PP-Regionalpräsidenten versuchen systematisch, Gesetze zum Schutz von Mietern – wie etwa einen Mietdeckel –, die die progressive spanische Regierung erlassen hat, in angespannten Lagen aufzuweichen. (cn)
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