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Im Politiklabor

CDU und AfD in Sachsen-Anhalt

Von Daniel Bratanovic
Foto: dts Nachrichtenagentur/IMAGO
Konstituierende Sitzung des Landtags: Tobias Rausch bekommt als neuer Landtagspräsident Glückwünsche seines Vorgängers Gunnar Schellenberger, CDU, rechts Ulrich Siegmund (Magdeburg, 6.10.2026)

Die CDU hat ein Problem. Sie steckt in einer Aporie, an der sie zumindest in ihrer jetzigen Gestalt zugrunde gehen wird. Auf Dauer kann sie sich einer Zusammenarbeit mit der AfD nicht verweigern, wenn sie nicht noch weiteren Zuspruch aus einem stabilen konservativen bis nationalistischen Milieu an die AfD verlieren will. Der bisherige Verlust geht bereits an die Substanz. Kooperiert sie aber mit der Partei des völkischen Neoliberalismus, droht ihr die Spaltung. Der nicht gerade kleine, auch kulturpolitisch liberale Teil der CDU, der auf ein strategisches Bündnis mit den Grünen orientiert, würde einen solchen Schritt mit dem organisierten Austritt quittieren.

An der »Brandmauer« ist mithin lediglich ihr Standort interessant: Sie verläuft mitten durch die deutsche Christdemokratie. Wer’s bisher nicht geglaubt hat, konnte ihren Verlauf am Abstimmungsverhalten der CDU-Abgeordneten im Landtag zu Magdeburg zur Wahl des Parlamentspräsidiums studieren. Ein Teil stimmt gegen, ein Teil für den AfD-Kandidaten Tobias Rausch, ein dritter enthält sich. Dass Fraktionschef und Noch-Landeschef Sven Schulze, der angekündigt hatte, seine Mannschaft würde sich geschlossen enthalten, nun ziemlich dumm, weil ohne jedwede Autorität dasteht, ist nur das Geringste. Der erfolgreiche Vetternwirt Rausch sagte nach seiner Wahl, die Sache sei mit einigen CDU-Parlamentariern ebenso abgesprochen wie eine bevorstehende Wahl von Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt. Das Wahlverhalten des BSW, über das sich so langsam jedes weitere Wort erübrigt, einmal beiseite gelassen, könnte auch die Abstimmung zugunsten von Hans-Thomas Tillschneider zum stellvertretenden Landtagspräsidenten Teil eines solchen Deals sein: Der Mann, der als Russenknecht und Chefideologe des AfD-Landesverbands ausgewiesen wird, bekommt den Trostpreis, wird aber anders als beabsichtigt nicht Minister; dafür erhält Siegmund die nötigen Stimmen von der CDU. Deren längst gespaltene Fraktion dürfte daran offen zerbrechen.

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Ein AfD-Ministerpräsident mit Hilfe von Christdemokraten wird also immer wahrscheinlicher und Sachsen-Anhalt zum Politiklabor der Bundesrepublik: Bevor steht eine Neuformatierung der Parteienlandschaft. Der bisherige CDU-Staat häutet sich und bereitet Regierungsmodelle vor, die einer ohnehin autoritären Tendenz entsprechen: mehr Ausgrenzung, mehr Aufrüstung, mehr Austerität.

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.10.2026, Seite 1, Ansichten

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→ Leserbriefe
  • Kora Brandner aus Elsteraue 8. Okt. 2026 um 11:01 Uhr
    Daniel Bratanovic beschreibt auf der Titelseite der jW vom 8. Oktober den Zustand des Landesparlamentes von Sachsen-Anhalt. Er schreibt von der Zukunft, die uns droht, mit mehr Aufrüstung, Ausgrenzung, mehr Austerität. Gibt es denn noch eine Steigerung zu der schon jetzt stattfindenden Rüstungshysterie? Auch wenn mit allen Kanonen auf das BSW gefeuert wird, ohne BSW gäbe es keine Kraft für Abrüstung und Diplomatie. Auf die Linken würde ich mich nicht mehr verlassen, die haben sich zu sehr verbogen.
  • Frank Lukaszewski aus Oberhausen 8. Okt. 2026 um 00:13 Uhr
    Das Elend unserer Zeit: AfD. Meine Person vertrat belegbar schon seit einiger Zeit die These, dass es auch auf Bundesebene eine Zusammenarbeit zwischen AfD – als braun gefärbte Ersatz-FDP – sowie der existenzgefährdeten CDU geben wird. Aufgrund bekannter, wirtschaftlich neoliberaler Ausrichtung jener sogenannten Alternative wird herrschendes Kapital wohl nicht hemmend einwirken. Die vermutliche Wahl Siegmunds scheint in dieser Hinsicht der nächste Schritt auf rechtsabbiegendem Weg zu sein. Es ist eher unwahrscheinlich, dass jene CDU vor Ort noch einmal die Kurve kriegt. Im Bundestag als auch in der Wählerschaft gibt es ebenfalls eine strukturelle, bräunlich-konservative Mehrheit. Was momentan noch gegen zu befürchtende, direkte Zusammenarbeit zwischen CDU und AfD spricht: a) Bei Neuwahlen wären die Rechtsaussen stärkste Kraft und würden den Kanzler stellen. Könnte die CDU das verkraften? b) Wie stark ist noch der Merkel-Flügel? c) Bestünde dann die Gefahr, jene Union zerbreche, da sie sich in gegebenem Fall praktisch überflüssig macht? Letzteres ist ja offen formuliertes Ziel der Tendenzfaschisten. Das sollten AfD-nahe CDUler nicht vergessen. Wie sagte Gauleiter Gauland dereinst: »Wir werden sie jagen!« Damals war mir noch nach lächeln. Heuer läuft es einem kalt den Rücken runter.
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