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Kolonien sprechen nicht

Am 26. September 1960 hielt Fidel Castro vor der UN-­Vollversammlung in New York eine historische Rede. Ein Auszug

Foto: Newscom World/IMAGO
Fidel Castro 1960 in der UN-Vollversammlung: Kuba war eine Kolonie, in der US-Botschafter das Sagen hatten

Es gab in diesem Land (USA, jW) eine große Zahl kubanischer Einwanderer. Mehr als 100.000 Kubaner sind in den vergangenen 20 Jahren aus ihrem Land hierhergekommen. Sie hätten lieber für immer dort bleiben wollen und wollen auch dorthin zurückkehren, wie all jene Menschen, die sich aus sozialen oder wirtschaftlichen Gründen gezwungen sahen, ihre Heimat zu verlassen. Diese kubanische Bevölkerung hat hier gearbeitet, respektierte und respektiert die Gesetze und fühlte natürlich mit der Heimat, fühlte mit der Revolution. Da gab es keine Probleme, bis eines Tages eine Art von Besuchern in dieses Land kamen: Kriegsverbrecher, Leute, die in einigen Fällen Hunderte unserer Landsleute ermordet haben. Hier dauerte es nicht lange, bis sie durch die Öffentlichkeit ermutigt wurden, hier dauerte es nicht lange, bis sie sich durch die Obrigkeit ermuntert sahen, was sich natürlich in ihrem Verhalten widerspiegelte, in häufigen Zwischenfällen gegenüber der kubanischen Bevölkerung, die hier in diesem Land seit vielen Jahren ehrlich arbeitete. (…)

Die Welt hatte wenig Grund zu wissen, dass Kuba überhaupt existiert. Für viele war es so etwas wie ein Wurmfortsatz der Vereinigten Staaten, selbst für viele Bewohner dieses Landes war Kuba eine Kolonie der Vereinigten Staaten. Auf der Landkarte nicht, da erschienen wir in einer anderen Farbe als die Vereinigten Staaten. In Wirklichkeit war es so. (…)

Kuba war das letzte Land Lateinamerikas, das sich von der spanischen Kolonialherrschaft, vom kolonialen Joch der Spanier, befreite. (…) Spanien verblieb nur noch dieser eine Besitz in Amerika, und den verteidigte es mit Starrsinn und Eifer. Unser kleines Volk mit damals knapp über einer Million Einwohnern musste fast 30 Jahre lang allein einer Armee entgegentreten, die zu den stärksten Europas zählte. (…) Kuba war – nach Ansicht eines Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, John Adams, zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts – eine Frucht, ein Apfel, der, wenn er reif sein würde, vom spanischen Baum in die Hände der Vereinigten Staaten herabfallen würde. Und die spanische Macht hat sich in unserer Heimat aufgerieben. Spanien hatte weder Männer noch ökonomische Mittel, um den Krieg in Kuba weiterzuführen. Spanien war geschlagen. Der Apfel war augenscheinlich reif, und die US-amerikanische Regierung streckte die Hände danach aus.

Es fiel nicht nur ein Apfel in ihre Hände, sondern mehrere. Es fiel Puerto Rico, das heldenhafte Puerto Rico, das seinen Unabhängigkeitskampf zur gleichen Zeit wie Kuba aufgenommen hatte. Es fielen die Philippinen und weitere Besitzungen. (…)

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Die Kubaner, die um unsere Unabhängigkeit kämpften; die Kubaner, die zu jener Zeit ihr Blut und ihr Leben gaben, haben im guten Glauben jener »Gemeinsamen Resolution« des Kongresses der Vereinigten Staaten vom 20. April 1898 vertraut, die besagte, dass Kuba frei und unabhängig ist und von Rechtswegen sein muss.

Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten sympathisierte mit dem Kampf der Kubaner. Jene gemeinsame Erklärung war ein Gesetz des Kongresses jener Nation, kraft dessen Spanien der Krieg erklärt wurde. Aber diese Erwartung endete in einer grausamen Täuschung. Nach zweijähriger militärischer Besetzung unserer Heimat folgte das Unerwartete: In dem Moment, in dem das kubanische Volk in einer Verfassunggebenden Versammlung das Grundgesetz der Republik ausarbeitete, erschien ein neues Gesetz des Kongresses der Vereinigten Staaten, ein Gesetz, das Senator Platt, eine traurige Erinnerung für Kuba, vorgeschlagen hatte. In jenem Gesetz wurde bestimmt, dass die kubanische Verfassunggebende Versammlung einen Zusatz aufzunehmen hat, kraft dessen der Regierung der Vereinigte Staaten das Recht einzuräumen ist, in politische Probleme Kubas einzugreifen, und außerdem das Recht, bestimmte Gebiete seines Territoriums für Flottenstützpunkte oder Kohlebunker zu verpachten. (…) Will heißen, dass man unserer Heimat durch das gesetzgebende Organ eines fremden Landes gewaltsam das Recht zur Intervention und das Recht zur Verpachtung von Flottenstützpunkten aufdrückte.

Es ist gut, dass Völker, die erst kürzlich dieser Organisation beitraten, Völker, die gerade ihr unabhängiges Leben beginnen, die Geschichte unserer Heimat sehr gut vor Augen haben, da sie ähnliches auf ihrem Weg antreffen können. (…)

Kolonien sprechen nicht. Kolonien kennt man in der Welt erst dann, wenn sie bei einer Gelegenheit bekannt werden. Deshalb wusste niemand in der Welt von unserer Kolonie, und die Probleme unserer Kolonie waren der Welt ebensowenig bekannt. In den Geographiebüchern erschien eine Fahne mehr, ein Wappen; in den Atlanten erschien eine Farbe mehr, aber da existierte keine unabhängige Republik. (…) Niemand soll sich täuschen lassen, da gab es keine unabhängige Republik, es gab eine Kolonie, in der der Botschafter der Vereinigten Staaten das Sagen hatte.

Wir schämen uns nicht dafür, das öffentlichzumachen; wir fühlen gleichzeitig Stolz, dass wir heute sagen können, dass keine Botschaft mehr unser Volk regiert, dass unser Volk vom Volk regiert wird!

→ Rede des Comandante en Jefe Fidel Castro Ruz am Sitz der Vereinten Nationen in New York, USA, am 26. September 1960. Hier zitiert nach: fidelcastro.cu/de/discursos

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.10.2026, Seite 2, Wochenendbeilage

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