Zum Inhalt der Seite
Medienpolitik

Digitales Netzwerk der Desinformation

Argentinien: Der rechtslibertäre Präsident Javier Milei stützt sich bei seiner Regierungs-PR auf die Onlinezeitung La Derecha Diario

Von Florencia Beloso
Foto: Ipa Ibanez/REUTERS
Ausnahmsweise zu gebrauchen: Polizisten verhaften Fernando Cerimedo (Santa Cruz, 21.8.2026)

Die Festnahme des argentinischen Beraters Fernando Cerimedo in Bolivien, dem ein versuchter Femizid an seiner Expartnerin Nadia Beller vorgeworfen wird, ist mehr als ein Rechtsfall. Sie eröffnet den Blick auf ein Geflecht aus Medien, Politik und Verleumdungskampagnen in sozialen Netzwerken.

Cerimedo verfügt über Erfahrung als Berater extrem rechter Politiker. In Brasilien arbeitete er 2022 für die Familie Bolsonaro und versuchte, über soziale Medien Wahlbetrug glaubhaft zu machen. Diese falschen Anschuldigungen gegen Lula da Silva wurden auch über sein Medium La Derecha Diario verbreitet. Die brasilianische Justiz klagte Cerimedo wegen Anstiftung zu einem Staatsstreich an. Zugleich vertiefte er seine Beziehungen zu Javier Milei, den er im Wahlkampf beriet. Dabei spezialisierte er sich vor allem auf digitale Mobilisierung und Kampagnenführung in sozialen Netzwerken. Nach Mileis Sieg im Dezember 2023 gewann La Derecha Diario in sozialen Medien und im Umfeld von Aktivisten von La Libertad Avanza an Bedeutung und wurde schließlich zum offiziellen Sprachrohr der Regierungspartei.

Ein weiteres Glied des Netzwerks ist der spanische Medienunternehmer Javier Negre. Er hält heute sämtliche Anteile am Konzern hinter La Derecha Diario und fungiert als Bindeglied zur internationalen extremen Rechten. Negre verfügt über Verbindungen zu Vox und zum Weißen Haus.

Als Cerimedo im Konzern noch das Ruder in der Hand hatte, wurde er vom heutigen Direktor für digitale Kommunikation der Milei-Regierung, Juan Pablo Carreira (»Juan Doe«), einem der bekanntesten Gesichter des libertären »Trollzentrums«, sowie von Ezequiel Acuña geleitet, dem damaligen Leiter der Social-Media-Abteilung der öffentlich-rechtlichen Medien. Acuña verantwortete die redaktionelle Linie und fungierte als »Zensor« innerhalb des öffentlich-rechtlichen Mediensystems. Seit Februar 2026 leitet Carreira das Amt für offizielle Stellungnahmen, ein virtuelles Ministerium der Milei-Regierung, das über seinen X-Account Fake News entlarven soll. Acuña ist inzwischen Beamter im Bereich Kernenergie.

Anzeige

Obwohl Cerimedo in libertären Kreisen in den Hintergrund trat, rissen seine Verbindungen zur Milei-Regierung nie ab. Nachdem er die digitale Infrastruktur des heutigen Präsidenten mit aufgebaut hatte, stieg er zu einer Art Schattenminister in der rechten Regierung Boliviens auf. Seine Tätigkeit als Berater trug maßgeblich dazu bei, Rodrigo Paz an die Macht zu verhelfen.

Bei Durchsuchungen von Cerimedos Immobilien entdeckten bolivianische Ermittler eine »Mini-Bot-Farm«. Laut Aussagen von Beller vor Gericht existiere in Buenos Aires eine ähnliche, aber größere Struktur »in Büros, die mit einer von Cerimedos Werbeagenturen oder mit La Derecha Diario in Verbindung stehen«.

Doch was sind Bot-Farmen? Der argentinische Forscher Santiago Siri erklärt sie als Netzwerke automatisierter Social-Media-Konten, die Inhalte generieren und koordiniert verbreiten. Cerimedo hat den Einsatz solcher Bots nie bestritten. Im Gegenteil: 2022 räumte er deren Nutzung in einem Interview als Teil seiner politischen Marketingstrategie offen ein.

Seit seiner Gründung verbreitet La Derecha Diario Falschmeldungen und spielt im argentinischen »Kulturkampf« weiterhin eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Fake News und Verleumdungskampagnen gegen Oppositionspolitiker. Es ist zugleich das vom argentinischen Präsidenten am häufigsten retweetete Medium.

Heute wird Cerimedo von vielen ehemaligen Weggefährten gemieden. Auch Negre versuchte nach dessen Festnahme, sich von den Methoden seines nun »ehemaligen Partners« zu distanzieren. Doch die Struktur, die Kampagnen auf Grundlage falscher Informationen ermöglicht, bleibt aktiv, sucht neue Opfer und neue politische »Berater«. Sie ist Teil eines transnationalen Netzwerks digitaler Einflussnahme, das personelle Wechsel bislang problemlos überstanden hat.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 02.10.2026, Seite 14, Medien

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!