- → Inland
Migranten als Fachkräfte gefragt
Harte Arbeit wird häufig von Einwanderen verrichtet. Europäer und Afrikaner besonders integriert
Wer Essen kocht, Fliesen legt oder Gerüststangen hievt, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, hat mehrheitlich eine Migrationsgeschichte. Auch in der Lebensmittelindustrie oder in der Fleischverarbeitung stammen über 50 Prozent der Angestellten selbst nicht aus der BRD, oder sie haben Eltern, die seit 1950 eingewandert sind. Das belegen Zahlen des Statistischen Bundesamts (Destatis) vom Montag über die verschiedenen Nationalitäten in besonders knapp besetzten Berufen. Im Durchschnitt aller Erwerbstätigen haben mit 27 Prozent mehr als ein Viertel der abhängig Beschäftigten eine Einwanderungsgeschichte.
In Mangelberufen sind sie in der Regel deutlich überrepräsentiert. So machen Migranten unter Bus- und Straßenbahnfahrern sowie Gastronomiekellnern 47 Prozent der Beschäftigten aus. In der Kunststoff- und Kautschukindustrie sind es 44 Prozent, bei Lkw-Fahrern 41 Prozent und im Hotelservice 40 Prozent. Jede dritte Pflegekraft ist migrantisch. Nur im Rettungsdienst, an der Fleischtheke und in der Landwirtschaft sind Einwanderer oder ihre Kinder in Engpassberufen unterrepräsentiert: jeweils drei, 13 und 15 Prozent. Die Daten des Statistikamts stammen aus dem Mikrozensus, einer repräsentativen jährlichen Befragung rund eines Prozents der Bevölkerung.
Weitere Jobbranchen, denen ein Fachkräftemangel von der Bundesagentur für Arbeit (BA) attestiert wird, sind zahnmedizinische Fachangestellte, die zu 32 Prozent mit migrantischen Fachkräften besetzt sind, sowie Bauelektrik, Metallbau und Kraftfahrzeugtechnik. Hier liegen die Anteile nur leicht über denen der Gesamtwirtschaft. Weitgehend ausgeschlossen vom Arbeitsmarkt sind Migranten hingegen im öffentlichen Dienst, der nicht zu den Mangelbranchen zählt. Nur acht Prozent der Polizisten, neun Prozent der Beschäftigten in der öffentlichen und Justizverwaltung sowie neun Prozent unter Lehrkräften in berufsbildenden Fächern und zehn Prozent an Grundschulen haben eine Einwanderungsgeschichte.
Starke Unterschiede gibt es bei der Integration in den Arbeitsmarkt unter den Menschen aus verschiedenen Weltregionen. Europäische Migranten, die in den vergangenen fünf Jahren in die Bundesrepublik gekommen sind, finden zu 89 Prozent einen Job, wenn sie männlich sind. Frauen aus Europa haben dann zu 73 Prozent bereits eine Beschäftigung. Afrikanische Männer arbeiten zu 79 Prozent innerhalb der ersten fünf Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland. Bei Frauen vom afrikanischen Kontinent sind es gerade 47 Prozent. Etwas abgehängt auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten. Lediglich 57 Prozent der Männer und nur 28 Prozent der Frauen treten in den ersten fünf Jahren in der BRD ins Erwerbsleben ein.
Leben sie dagegen bereits zwischen 20 und 25 Jahren hier, sind Männer zu 87 Prozent und Frauen zu 79 Prozent berufstätig, sofern sie aus Nah- oder Mittelost stammen. Afrikaner sind dann zu 82 Prozent beschäftigt, Afrikanerinnen zu 68 Prozent. Unabhängig von der regionalen Herkunft betragen die Anteile unter Männern 88 Prozent und unter Frauen 81 Prozent – gleich, ob im In- oder Ausland geboren und unabhängig von der Aufenthaltsdauer. Betrachtet wurden Menschen im Alter zwischen 25 und 59 Jahren.
Die Bundesagentur für Arbeit schrieb bereits im Mai dieses Jahres: »Die anhaltende konjunkturelle Schwäche hat 2025 zunehmend Spuren am Arbeitsmarkt hinterlassen. Die Nachfrage nach neuen Arbeitskräften ließ deutlich nach.« Parallel dazu sei die Zahl arbeitssuchender Menschen das dritte Jahr in Folge gestiegen. Die Zahl der Engpassberufe sei damit auch im Jahr 2025 gesunken und habe bei 157 gelegen, stellten die Autoren der »Fachkräfteengpassanalyse 2025« zur Einordnung fest. Davon werden 84 Berufsbilder als Fachkräfte bezeichnet, der Rest sind höher qualifizierte Spezialisten und Experten. Zuletzt sei der Mangel an Engpassberufen nur in den Jahren der Coronapandemie niedriger gewesen – es werden derzeit also weniger Fachkräfte gesucht als in den Jahren zuvor. Dennoch war jede zweite offene Stelle für qualifizierte Arbeitskräfte auf Fachkraftniveau in einem dieser 84 Mangelberufe gemeldet.
Um den Bedarf zu decken, hatte die Ampelregierung aus SPD, FDP und Grünen unter dem sozialdemokratischen Bundeskanzler Olaf Scholz zwischen 2022 und 2024 mehrere Anwerbeabkommen geschlossen. Neben Indien waren darunter Marokko und Kolumbien sowie Kenia und Usbekistan. Gezielt sollten so Arbeitskräfte im IT-Sektor, in der Pflege und im Dienstleistungsbereich für deutsche Unternehmen und Einrichtungen angeworben werden.
Ein neuer Vorstoß kommt jetzt aus Rheinland-Pfalz. Dort wollten die Industrie- und Handelskammer (IHK) und die Handwerkskammer am Montag nachmittag gemeinsam mit SPD-Wirtschaftsminister Michael Elbling eine neue Initiative zur Gewinnung von ausländischen Fachkräften vorstellen. Wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der BA seit 2021 jährlich bekannt gibt, braucht die BRD ohnehin eine Nettozuwanderung von 400.000 Arbeitskräften pro Jahr, um das Erwerbspersonenpotential und die soziale Sicherung aufrechtzuerhalten.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
