Widerstand wieder sichtbar machen
Von Christian Bunke
Hulme Park in Manchester ist eine wichtige Grünoase der nordenglischen Metropole, in der Rasenflächen, Bänke und ein Basketballplatz zum Verweilen einladen. Der Park liegt fußläufig zum Mancunian Way, einer Autobahn, die das Hochhausdickicht der Großstadt durchschneidet, und in direkter Nachbarschaft zu dem Viertel, das zu Friedrich Engels’ Zeiten »Little Ireland« genannt wurde – im 19. Jahrhundert ein Slum voller Niedriglöhner von der Nachbarinsel, die von den Engländern in ihrer Heimat unterdrückt und bewusst ausgehungert worden waren. In Manchester und anderen Städten Englands wurden die Iren rasch zu einem Teil des dortigen Industrieproletariats und waren maßgeblich am Bau von Verkehrsinfrastruktur wie Schienen, Kanälen usw. beteiligt. Sie blieben jedoch aufgrund ihrer Herkunft geächtet und wurden oft von der Polizei drangsaliert. »Little Ireland« war auch einer jener Stadtteile, die Engels während seiner Zeit in Manchester als Studienobjekt für sein Buch »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« diente – eine Klasse, die von Beginn der Industrialisierung an von Migrantinnen und Migranten geprägt wurde und wird.
Im Hulme Park kann anhand von in den Boden eingelassenen Schautafeln die Geschichte von Hulme und den umliegenden Stadtteilen Moss Side und Chorlton on Medlock nachvollzogen werden. Es ist eine Geschichte sozialer Kämpfe, von denen viele internationale Ausstrahlung hatten – allen voran die Suffragettenbewegung, die hier einen ihrer Ursprünge hatte. Und mittendrin, kurz vor einer Gedenktafel an den Aufstand schwarzer Jugendlicher gegen rassistische Polizeigewalt im Jahr 1981, findet sich auch ein Hinweis auf den 5. Panafrikanischen Kongress, der vom 13. bis 21. Oktober 1945 mit 200 beteiligten Delegierten und Gästen in der Chorlton Town Hall abgehalten wurde.
Internationalistische Traditionen
Dieser Kongress war ein wichtiges Ereignis für die antikoloniale Bewegung des afrikanischen Kontinents. Er war das Ergebnis eines Zusammenschlusses des aus Afrika und der Karibik stammenden Teils des Proletariats im Vereinigten Königreich und wirkte wiederum positiv auf dessen Organisation zurück. Und doch ist seine Geschichte fast vergessen, nur ein sehr kleiner Kreis interessiert sich noch dafür. Dabei handelt es sich um Ereignisse, die historiographisch auszugraben sich lohnt – besonders in einer Gegenwart, in der im Vereinigten Königreich wieder eine Remilitarisierung stattfindet und Migrationsfeindlichkeit sowie imperiale Nostalgie aufleben.
Die Entscheidung, diesen vom prominenten US-amerikanischen Intellektuellen und Bürgerrechtler W. E. B. Du Bois geleiteten Kongress in Manchester abzuhalten, wurde bewusst getroffen. Das wird aus den einleitenden Worten deutlich, die Peter Milliard an den Lord Mayor Manchesters richtete, der formell als Gastgeber auftrat. Milliard, der in Manchester eine Arztpraxis betrieb, wuchs in Britisch-Guayana auf, einer britischen Kolonie in Südamerika. Er absolvierte in Washington, D. C., seine Ausbildung, arbeitete später in Panama und war während des Ersten Weltkriegs an einem Streik der dort am Kanal beschäftigten Arbeiter beteiligt. In Manchester gründete er die »International Brotherhood of Ethiopia«, die gegen die Invasion des faschistischen Italiens in Äthiopien agitierte. Seine Arztpraxis wurde eine wichtige Anlaufstelle für schwarze Seeleute, die in den 1930er und 1940er Jahren mit Rassismus zu kämpfen hatten. Der Internationalist Milliard steht stellvertretend für viele Teilnehmende am 5. Panafrikanischen Kongress, die weltweit vergleichbare Erfahrungen mit Diskriminierung und Widerstand gemacht hatten.
In seiner Eröffnungsrede beschrieb Milliard Manchester als die »liberalste Stadt« Englands. Er wies auch auf die Rolle der Textilarbeiterinnen und -arbeiter der umliegenden Grafschaft Lancashire im US-amerikanischen Bürgerkrieg hin. Als der britische Staat im Auftrag der Fabrikbesitzer militärisch auf seiten der Südstaaten intervenieren wollte, streikten die mehrheitlich aus Irland stammenden Arbeiterinnen und Arbeiter der Baumwollfabriken und trugen mit diesem wichtigen Akt transatlantischer Solidarität zur Schwächung der Südstaaten und damit letztlich zur Abschaffung der Sklaverei bei. Gerade der Sklavenhandel in Verbindung mit der Baumwollindustrie hatte englischen Kapitalisten in Bristol, Liverpool und Manchester zu Wohlstand verholfen. Im Stadtwappen von Manchester befindet sich bis heute ein dreimastiges Segelschiff, welches im atlantischen Dreieckshandel Sklaven von Afrika nach Amerika und Baumwolle von Amerika nach Europa transportiert hatte.
Den Delegierten des Kongresses, die über 50 Organisationen aus der Arbeiterbewegung, afrikanische Gruppen und Befreiungsbewegungen in der Diaspora repräsentierten, ging es jedoch nicht um eine Danksagung an die arbeitenden Menschen im Herzen der »imperialen Bestie«. Mit dem Kongress wollten sie klare Forderungen an die nach Ende des Zweiten Weltkriegs neugewählte Labour-Regierung und den um den Erhalt seiner imperialen Macht kämpfenden britischen Staat richten. Kern ihrer Botschaft war, dass die Zeit der höflichen Bitten um eine Beendigung der kolonialen Herrschaft vorbei sei. Die auf dem Kongress verabschiedeten Beschlüsse hatten einen klar antikapitalistischen Inhalt. Zugleich mit der Forderung nach Formierung klassenkämpferischer, bewaffneter Bewegungen wurde zu Verbesserungen der Lage der lohnabhängigen und migrantischen Menschen in den imperialen Zentren aufgerufen.
Die Forderungen, die von diesem Kongress ausgingen, sind bis heute aktuell. So heißt es in der »Erklärung an die kolonialen Arbeiter, Bauern und Intellektuellen«: »Alle Kolonien müssen von politischer und wirtschaftlicher Kontrolle frei sein. (…) Wir sagen den Völkern in den Kolonien, dass sie für diese Ziele mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln kämpfen müssen. Das Ziel imperialer Mächte ist die Ausbeutung. (…) Die Arbeiter in den Kolonien müssen an der Spitze des Kampfes gegen den Imperialismus stehen. Eure Waffen – der Streik und der Boykott – sind unbesiegbar. Wir rufen auch die Intellektuellen (…) in den Kolonien auf, sich ihrer Verantwortung bewusst zu werden. Indem Ihr für Gewerkschaftsrechte, für das Recht, Kooperativen zu gründen, für die Freiheit der Presse, der Versammlung, der Demonstration und des Streiks eintretet (…), werdet Ihr die einzigen Mittel nutzen, mit welchen Eure Freiheiten gewonnen und materialisiert werden.«
Neue Militanz
In den Beschlüssen und Erklärungen wird die Ungeduld der Menschen aus den von den Imperialisten besetzten Weltgegenden spürbar. »Wenn die westliche Welt immer noch entschlossen ist, die Menschheit mit Gewalt zu beherrschen, dann könnte es sein, dass die Afrikaner, als letztes Mittel, auch zur Gewalt greifen müssen, selbst wenn diese Gewalt sie und die Welt zerstört«, ist etwa zu lesen. »Wir sind nicht bereit, länger zu hungern, während wir die Schwerarbeit der Welt verrichten, um mit unserer Armut (…) eine falsche Aristokratie und einen diskreditierten Imperialismus zu unterstützen. (…) Wir verurteilen das Monopol des Kapitals und die Herrschaft des privaten Reichtums und der Industrie für privaten Profit allein. Wir begrüßen Wirtschaftsdemokratie als einzige reale Demokratie.«
Der Panafrikanische Kongress in Manchester habe gezeigt, dass der koloniale Kampf in eine neue, militante Phase eingetreten sei, schrieb der südafrikanische Journalist Peter Abrahams. Abrahams hatte für den Kongress als Sekretär für Öffentlichkeitsarbeit fungiert. »Es ist wichtig, dass die Linke in Großbritannien und den anderen imperialistischen Ländern dies versteht und unterstützt«, so Abrahams weiter. »Doch obwohl militant, ist diese Phase nicht chauvinistisch, begrenzt oder rassistisch. Sie ist positiv und konstruktiv. Die Erklärungen und Beschlüsse des 5. Panafrikanischen Kongresses machen dies deutlich.«
Dass es heute überhaupt ein Andenken an den Panafrikanischen Kongress gibt, ist der Community-Aktivistin Kath Locke zu verdanken, der Tochter einer Engländerin aus Lancashire und eines nigerianischen Seefahrers. Den Großteil ihres Lebens verbrachte Locke im Stadtteil Moss Side, wo sie sich in zahllosen feministischen, antirassistischen und klassenkämpferischen Initiativen engagierte. In den 1980er Jahren betrieb sie gemeinsam mit anderen Mitstreiterinnen ein autonomes Zentrum von und für schwarze Frauen. Als im Sommer 1981 der bereits erwähnte Jugendaufstand gegen rassistische Polizeigewalt in ihrer Nachbarschaft ausbrach, organisierte Locke ad hoc ein Feldlazarett, um Verletzte zu versorgen. Anfang der 1990er Jahre engagierte sie sich gegen Margaret Thatchers »Poll tax«, eine Massensteuer, über welche die »eiserne Lady« schließlich – aufgrund des proletarischen Widerstandes dagegen – stürzen sollte. Schon Anfang der 1970er Jahre setzte Locke sich für jene Plakette ein, die noch heute an der Fassade der Chorlton Town Hall an den Panafrikanischen Kongress erinnert.
Ohne die Bemühungen von Institutionen wie dem »People’s History Museum« in Manchester oder die durch diasporische Communitys geleistete Erinnerungsarbeit hätte es auch 2025, 80 Jahre nach dem Panafrikanischen Kongress, vermutlich kein Gedenken gegeben. Immerhin: Auch die Stadtverwaltung von Manchester organisierte im vergangenen Jahr einige offizielle Events zu diesem Anlass. Aber auf der nationalen Ebene herrschte mediale und politische Funkstille. Nur sehr wenige linke britische Medien und Organisationen gingen auf den Jahrestag ein. Dabei hätte es sich durchaus angeboten, denn der 80. Jahrestag des Kongresses fiel auch mit dem Beginn der britischen »Black Lives Matter«-Proteste vor fünf Jahren zusammen.
Ein Höhepunkt der vor allem von Jugendlichen getragenen Proteste war die Versenkung der Statue des Sklavenhändlers Edward Colston in der südenglischen Hafenstadt Bristol im Meer am 7. Juni 2020. Einerseits ging es bei den Protesten um eine Solidarisierung mit der gegen die zunehmende Polizeigewalt gerichteten »Black Lives Matter«-Bewegung in den USA. Andererseits ging es auch um Widerstand gegen die Polizei und koloniale Kontinuitäten im eigenen Land. Kaum ein Monat verging damals, in dem nicht neue rassistische Polizeiübergriffe in England bekannt und skandalisiert wurden. Als im Jahr 1800 die »Thames River Police« als erste moderne Berufspolizei des Vereinigten Königreichs in London gegründet wurde, um revoltierende Dockarbeiter irischer Herkunft am Londoner Binnenhafen in Zaum zu halten, griff die Truppe auf Erfahrungen bei der Niederschlagung von Sklavenaufständen auf amerikanischen Baumwollplantagen zurück. Solche Zusammenhänge zwischen Polizeigewalt und Kolonialgeschichte müssen in Großbritannien nicht erst groß hergestellt werden, sie sind vielfach noch präsent.
Der Feind im Inneren
Damals kam auch zum ersten Mal die Rede von einem »Feind im Inneren« auf. Die aufrührerische migrantische Arbeiterklasse gelte es niederzuhalten oder durch Massenabschiebungen des Landes zu verweisen. Als ab 1984 auch die Bergleute der englischen, walisischen und schottischen Bergbauregionen zum »inneren Feind« erklärt wurden, war die Polizei bereits seit langem geübt darin, Streiks und Aufstände in den Kolonien und den migrantischen Stadtteilen englischer Großstädte niederzuschlagen.
Antirassistische Kämpfe sind in Großbritannien immer auch antikoloniale Kämpfe. Der britische Staat und die mit ihm verknüpften Interessengruppen sehen derartige Bewegungen immer als einen Angriff auf die weiße Vorherrschaft und die herrschende Klassenordnung. Deshalb lassen repressive Reaktionen im Zuge antirassistischer und antikolonialer Bewegungen nie lange auf sich warten. Das hat sich bei den »Black Lives Matter«-Protesten ebenso gezeigt wie bei den propalästinensischen Demonstrationen der letzten Jahre. Nachdem die Colston-Statue im Bristoler Hafen versunken war, begann in ganz England eine von extrem rechten Kräften gesteuerte Gegenbewegung. Plötzlich gab es in vielen Innenstädten Kundgebungen von englische und britische Fahnen schwenkenden Menschen, darunter viele, die sich als Veteranen der Armee zu erkennen gaben.
Die Teilnehmer dieser Kundgebungen gaben an, die Statuen britischer Militärs, Seefahrer und anderer in den Kolonialismus verwickelter Personen schützen zu wollen, um so »britische und englische Werte« zu verteidigen. Diese Proteste waren die Vorläufer der rassistischen Pogrome, welche viele Städte Englands im Sommer 2024 erschütterten, und wirken bis heute in Form eines rechten Aktivismus nach. Diese Proteste, verbunden mit den wachsenden Wahlerfolgen der extrem rechten Partei »Reform UK«, wurden für die Regierung zum willkommenen Anlass, das Asylrecht in Großbritannien zu verschärfen.
Heute wird die Legitimität des britischen Staates zunehmend in Frage gestellt. Innerhalb der lohnabhängigen Bevölkerung Großbritanniens ist das Vertrauen in die nationalen Institutionen der Monarchie, der Kirche, der Regierung und des Parlaments so niedrig wie nie zuvor in der Geschichte. Unabhängigkeitsbewegungen in Schottland und Wales konnten zwar bislang keine Durchbrüche erzielen, ihre anhaltenden Wahlerfolge sind jedoch ein deutliches Symptom dieser Stimmungslage. Das klassische britische Zweiparteiensystem wird durch den Aufstieg neuer Parteien wie »Reform UK« geschwächt.
Die extreme Rechte versucht, in der Bevölkerung ein Gefühl »imperialer Nostalgie« zu befeuern. Mit einem Aufschwung der heimischen Rüstungsindustrie, kombiniert mit Grenzsicherungsmaßnahmen und einem »konsequenten« Abschiebeprogramm, könne die alte Größe des britischen Imperiums wiederhergestellt werden, so ihr Narrativ. Politisch umgesetzt wird das aber in wesentlichen Punkten bereits von der Labour-Regierung unter Keir Starmer, während auf der anderen Seite die Industriegewerkschaft Unite zwar den Rassismus von »Reform UK« ablehnt, dafür aber den Ausbau der heimischen Rüstungsbranche befürwortet.
Imperiale Nostalgie
In den Monaten und Jahren nach dem Panafrikanischen Kongress des Jahres 1945 waren ähnliche Entwicklungen zu beobachten. Das Vereinigte Königreich musste den Verlust wesentlicher Teile seines Imperiums hinnehmen, die Einwanderer aus den kolonisierten Weltteilen forderten ihre Rechte ein. Dabei bekamen sie prominente Unterstützung, etwa von dem kommunistischen Boxer Leonard »Len« Johnson, der als Delegierter am Kongress teilnahm. Johnson war der Sohn einer Engländerin irischer Abstammung, der Vater stammte aus Sierra Leone; unter seinen Vorfahren waren auch befreite Sklaven. In Großbritannien war Johnson vor und nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder mit Rassismus konfrontiert. Oft durfte er keine Titelkämpfe bestreiten, weil britische Boxverbände Menschen schwarzer Hautfarbe ausschlossen – eine Politik, die unter anderem von Winston Churchill unterstützt wurde. Aufgrund dieser Diskriminierung war Johnson gezwungen, sich viele Jahre als Lastkraftwagenfahrer durchzuschlagen. Dabei sammelte er auch Erfahrungen als Gewerkschaftsorganisator und gründete in Manchester ein Gemeindezentrum zum Zweck gegenseitiger Hilfe unter migrantischen Arbeitern. Im Zuge dieses Engagements holte er unter anderem den in der US-Bürgerrechtsbewegung aktiven Musiker Paul Robeson für Konzerte in die Stadt.
Johnsons Aktivität war Teil einer breiten Bürgerrechtsbewegung migrantischer Arbeiterinnen und Arbeiter, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs an Fahrt aufnahm. Die Erfahrung, gegen den Faschismus gekämpft zu haben, aber anschließend von den imperialen Großmächten immer noch nicht als vollwertige Menschen anerkannt zu werden, motivierte sie ebenso zum Widerstand wie die antikolonialen Kämpfe in Afrika und Asien. In den bürgerlichen Medien Großbritanniens wurden dies, wie auch der Panafrikanische Kongress selbst, großteils ignoriert. Es gab nur wenige Berichte darüber, in denen allerdings vor allem Sorge über den wachsenden Einfluss »einiger Hitzköpfe« zum Ausdruck gebracht wurde.
Die in Großbritannien seit 1945 geführten Kämpfe hatten teilweise große Ähnlichkeiten mit jenen, die es auch auf dem Territorium der USA gegeben hatte. So gab es zum Beispiel im Jahr 1963 in Bristol einen Busboykott, weil die örtliche Busgesellschaft keine Menschen mit dunkler Hautfarbe einstellen wollte. Auch sonst wurden schwarze Menschen aus großen Teilen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen. Noch Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wollten viele englische Pubs keine Menschen mit dunkler Hautfarbe bedienen. Eine Reihe von Gewerkschaften besaß lange Zeit noch offizielle oder inoffizielle Regeln, welche die Aufnahme von Lohnabhängigen mit Migrationshintergrund aus den Kolonien untersagten.
Rassistischer Rollback
Als Reaktion auf den von Menschen aus den kolonisierten Territorien geführten Kampf um Gleichberechtigung kam es, ähnlich wie heute, kurz darauf zu einer Gegenbewegung zur Verteidigung der weißen Vorherrschaft auf den britischen Inseln. Im Jahr 1958 gab es rassistische Ausschreitungen im Londoner Stadtteil Notting Hill, gefolgt von »weißen Riots« in anderen englischen Städten. Bis dahin hatte sich die britische Sozialdemokratie noch offen für die Zuwanderung von Migranten aus den ehemaligen und noch existierenden Kolonien positioniert. Nach diesen Unruhen wendete sich das Blatt, und die sozialdemokratischen Regierungen begannen damit, das Zuwanderungsrecht nach und nach zu verschärfen. Konservative Regierungen fuhren ebenfalls einen zunehmend migrationsfeindlichen Kurs.
Dabei versteckten sich die meisten Politiker hinter Narrativen, die bis heute die öffentliche Debatte im Vereinigten Königreich prägen. Zum einen wird immer nur von Migration und dem angeblich notwendigen Kampf dagegen gesprochen, während man Begriffe wie »schwarz« oder »dunkelhäutig« vermeidet. Damit wird verdeckt, dass es im Kern darum geht, die britischen Inseln mehrheitlich »weiß« zu halten. Zum anderen wurde und wird in britischen Schulen und Medien ein geschichtliches Bild etabliert, demzufolge die Abschaffung der Sklaverei und das Erringen von Bürgerrechten für Menschen aus kolonisierten Gebieten nicht das Ergebnis von Klassen- und Befreiungskämpfen, sondern einer humanistischen Politik bürgerlicher Parteien der letzten Jahrhunderte seien. Der damalige konservative Premierminister David Cameron beanspruchte noch im Jahr 2015, während eines Besuchs auf Jamaika, für Großbritannien die Vorreiterrolle bei der Abschaffung der Sklaverei. Zugleich verkündete Cameron britische Investitionen in Millionenhöhe für den Bau eines neuen Gefängnisses auf Jamaika, um dort aus Großbritannien abgeschobene Menschen jamaikanischer Herkunft unterzubringen.
Menschen, deren Eltern oder Großeltern aus den ehemaligen Kolonien nach Großbritannien eingereist sind, können sich heute ihres sicheren Aufenthaltsstatus nicht sicher sein. Unter der konservativen Premierministerin Theresa May wurde eine noch unbekannte Zahl von Menschen, die teilweise ihr ganzes Leben in Großbritannien verbracht hatten, aus dem Vereinigten Königreich abgeschoben. Der derzeit amtierende sozialdemokratische Premierminister Keir Starmer benutzt in seinen Reden wiederholt rassistische Sprachbilder, um vor einer angeblichen Überfremdung englischer Landesteile zu warnen. Gleichzeitig unterstützt Großbritannien bis heute den Genozid Israels im Gazastreifen. All dies sind gute Gründe, an die Resolutionen des Panafrikanischen Kongresses von 1945 zu erinnern.
Christian Bunke schrieb an dieser Stelle zuletzt am 17. September 2025 über den Versuch von Jeremy Corbyn, in England eine neue linke Partei zu etablieren: »Gezielte Kampagne«
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