Zum Inhalt der Seite
Nachruf

»Wir hatten’s doch gut!«

Im Ruderboot auf dem Büchermeer: Zum Tod der Verlegerin Antje Kunstmann

Foto: HRSchulz/imago
Förderin der komischen Kunst: Verlegerin Antje Kunstmann neben einem Bild von Michael Sowa

Ein ganzer Stall voller Autorinnen und Autoren, von F. W. Bernstein über Roberto Bolaño, Rafael Chirbes, Wiglaf Droste, Barbara Ehrenreich, Donata Elschenbroich, Wolf Erlbruch, Barbara Gowdy, Axel Hacke, Valeria Luiselli, Kristof Magnusson, Marie Marcks, Paul Murray, Tim Parks, Michael Pollan, Hermann Scheer, Studs Terkel und Yanis Varoufakis bis zu Jesmyn Ward. Es wäre verlockend, weitere Namen aus der zweiten Reihe oder aus der dritten Riege aufzuzählen – verlockend, aber uferlos. Und wer hat diesen ganzen Stall, in den auch noch viele Übersetzerinnen und Übersetzer, Herausgeberinnen und Herausgeber gehörten, ein halbes Jahrhundert lang verlässlich bewirtschaftet? Antje Kunstmann, längst zum Inbegriff einer so treuen wie unabhängigen Verlegerin geworden, ist am vergangenen Mittwoch 77jährig gestorben.

Bereits mit Anfang Zwanzig, noch während des Studiums, wurde sie im Raith-Verlag Herausgeberin der Buchreihe »Materialien zur Frauenemanzipation«, gründete 1976 mit Peter Weismann den Weismann Verlag / Frauenbuchverlag und schließlich 1990 ihren eigenen Verlag Antje Kunstmann. Sie verlegte nicht bloß Belletristik und Sachbücher, sondern bespielte alle denkbaren Genres vom Kinder- über das Koch- und das Hör- bis zum Geschenkbuch, vom politischen Pamphlet bis zur Klassikerneuübersetzung, von der leisen Poesie bis zur komischen Kunst in Wort und Bild. Und wo immer es nötig war, hat Antje Kunstmann Autorinnen und Autoren wortwörtlich unter ihre Fittiche genommen, so manches Buch im Kunstmann-Programm ist erst in mehrtägigen Exerzitien bei der Verlegerin zu Hause zu Ende geschrieben worden.

In den wirklich fetten Jahren, und so darf man die erfolgreichste Phase des Verlags ungeniert nennen, war Antje Kunstmann eine wahre Königin der Mischkalkulation. Die fröhliche Koexistenz von Bestsellern und Nischentiteln, wo das eine das andere finanzierte und das andere das eine nobilitierte, reicherte sie mit einer unerschrockenen Vermischung von Politischem und Privatem, von Arbeiten und Leben an – etwa indem sie die ganze Verlagsbelegschaft von der Cheflektorin bis zur gerade aktuellen Vertriebspraktikantin zu Betriebsausflügen in europäische Metropolen einlud, wo jeweils eine einheimische Übersetzerin oder ein ortsansässiger Autor den Aufenthalt kuratierte und dabei nicht nur in kulinarischer Hinsicht freie Bahn hatte. Ganz gewiss erinnerte sie sich auch an solche Momente, als sie in meiner letzten Arbeitswoche im Verlag während einer Besprechung im kleinen Kreis mit einem Stoßseufzer meinte: »Ist das alles schwierig geworden«, Komma, »aber wir hatten’s doch gut!«

Anzeige

Geachtet und gemocht auch von anderen Verlegern, von Autoren der Konkurrenz und von staunenden Kritikern war Antje Kunstmann über Jahrzehnte eine unverzichtbare Figur in der Buchbranche, diesem kuriosen Betrieb im Geschiebe zwischen Geist, Geld und Glücksversprechen – nicht zu vergessen die branchenübliche Anfälligkeit für Pech und Pannen in der unerbittlich laufenden Produktion. Weil Antje das alles gut kannte, wurde sie einfach immer besser, und so ist schon zu Lebzeiten ordentlich Lob und Preis auf sie niedergeprasselt: 2006 Verlegerin des Jahres, 2013 Bücherfrau des Jahres, 2018 Kultureller Ehrenpreis der Stadt München, 2022 Kurt-Wolff-Preis und Bundesverdienstkreuz. Zu Kopf gestiegen ist ihr nichts davon. Sich in einem Zustand einzurichten, den Heinrich Heine einst als »Kunstbehaglichkeit« bloßstellte, kam für Antje Kunstmann nicht in Frage. Wenn bei Buchmesseempfängen oder Literaturpreisverleihungen die Luft manchmal ungesund dünn wurde vor lauter kultureller Beflissenheit, fand man sich nach kurzem Blickkontakt mit Antje recht bald draußen vor der Tür, um bei einer Zigarette Dampf abzulassen. Ein eigenes Feuerzeug hatte sie so gut wie nie dabei.

Vereinzelte Achtungserfolge, mit denen sich Kleinverlage gefälligst zufriedenzugeben hatten, waren ihr entschieden zu wenig. Sie wollte höher hinaus und hat das auch wiederholt geschafft. Die unvermeidlichen Misserfolge steckte sie so ungerührt wie möglich weg, jedenfalls besser als die paar Autorenverluste, die auch nicht ausblieben. Aber sobald aus dem Büro der Verlegerin wieder ihr ansteckendes Lachen zu vernehmen war, wussten wir: Antje hält, wie von Thomas Matthaeus Müller im Verlagslogo gezeichnet, verlässlich Kurs in ihrem kleinen Ruderboot auf dem Büchermeer.

Sie hat auf die Stadt München, auf den deutschen Literaturbetrieb und weit darüber hinaus ausgestrahlt, denn sie pflegte Freundschaften auch jenseits der Buchstabensuppe und blieb eine unermüdliche Ermöglicherin im großen wie im kleinen. Antje Kunstmann war, selten genug in Deutschland, eine Frau mit Grandezza. Sie konnte aber, wer aus ihrem näheren Umkreis wüsste es nicht, manchmal auch ein harter Brocken sein. Das gute Leben, um das in so vielen Büchern ihres Programms wieder und wieder gerungen wurde, hat sie selbst beneidenswert instinktsicher praktiziert. Man wünschte, sie hätte es uns noch etwas länger vorgemacht. Was wäre Antje für eine tolle Neunzigjährige geworden!

Der Autor Andreas Schäfler war von 2001 bis 2024 für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Verlag Antje Kunstmann zuständig

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 23.09.2026, Seite 10, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!