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Entschulung
Die Forderung nach gesellschaftlicher Entschulung, die ein Kreis von Kulturkritikern wie Ivan Illich und Pädagogen wie John Caldwell Holt oder Everett Reimer in den 1970er Jahren vorgebracht haben, war eingebunden in eine umfassende Kritik eines durch und durch institutionalisierten Lebens. So wie Gesundheitsfürsorge durch die Entstehung des modernen Klinikwesens zu einer anonymen Dienstleistung wurde und Entwicklungshilfe nicht zu befriedigende Bedürfnisse geschaffen hat, wurde Bildung zu einer staatlich monopolisierten Aufgabe.
Illich argumentierte in seiner vielgelesenen Textsammlung »Entschulung der Gesellschaft« (1970) sogar bewußt mit marxistischem Vokabular, wenn er schreibt, Lernen sei durch das Schulwesen zu einer entfremdeten Tätigkeit geworden. Wissen zähle nur noch dann, wenn es durch Pädagogen zertifiziert wird, die wiederum zertifiziert sein müssen. Das System reproduziert sich dadurch selbst. Lernvorgänge werden dabei reduziert auf das, was richtlinienorientierter Unterricht herstellt. Daraus entsteht eine Hierarchie der Bildung und – oft ohne sachlichen Zusammenhang – der späteren Einkommenshöhen.
Wissen als Selbstzweck zu verstehen passte auch vor 50 Jahren schon nicht in die öffentliche Bildungspolitik. Illich, Reimer und auch Paulo Freire wollten dem ein eigenes Bildungsmodell entgegensetzen, das durch freie Lernassoziationen von unten gesteuert wird. Lernen sollte nicht mehr durch institutionelle Hürden vom Leben getrennt werden. Wer etwas wissen will, soll sich zwanglos und ohne behördliche Barriere vernetzen können mit denen, die dieses Wissen weitergeben können. Ebenso argumentierte Paul Goodman, der die 68er-Bewegung in den USA entscheidend mitprägte. Er plädierte für ein indirektes Lernen, so wie Kleinkinder das Sprechen erlernen, ohne dass es dazu besonderer Einrichtungen bedarf. Reimers programmatisches Buch kam in Deutschland unter dem Titel »Schafft die Schule ab! Befreiung von der Lernmaschine« (1971) auf den Markt. Insbesondere Antipädagogen griffen die Rhetorik auf, der Pädagoge Wolfgang Hinte verglich Schulen mit Gefängnissen.
Freerk Huisken (»Erziehung im Kapitalismus«, 1998) hat dagegen darauf hingewiesen, dass nichts gewonnen ist, wenn man beispielsweise Kinder zu Hause ohne Schulzwang unterrichtet, denn davon unberührt bleibt die Frage, welche Inhalte dann vermittelt werden. Die Reproduktion gesellschaftlicher Realitäten geschieht schließlich nicht nur auf der Ebene der Didaktik, sondern vor allem durch den Stoff, der vermittelt wird.
Hier liegt auch der Grund, weswegen Entschulung heute eher von der politischen Rechten bzw. extrem Rechten gefordert und zum Teil auch praktiziert wird. Die AfD in Sachsen-Anhalt möchte die Schulpflicht schleifen, wohl um die Erziehung zu Staatsbürgern in ihrem eigenen Sinne und mit völkischen Inhalten zu betreiben. Rechte Esoteriker wie die Reichsbürger und Anhänger des Anastasia-Kultes versuchen, ihre Kinder den staatlichen Schulen zu entziehen, da sie Teil einer »BRD GmbH« seien. Auch ultrareaktionäre Christen wie häufig Baptisten oder Evangelikale stellen sich gegen die Schulpflicht, da sie eine Untergrabung der kindlichen Gottesfürchtigkeit im koedukativen Sportunterricht oder im Fach Biologie wittern.
Bislang ist allerdings Heimbeschulung in keinem Bundesland erlaubt, außer es liegen medizinische Gründe vor. Diese können so leicht attestiert werden wie zum Beispiel eine Maskenüberempfindlichkeit. All das ist sicherlich nicht im Sinne der früheren Kritiker um Illich, die Kinder in einer freien Gesellschaft und nicht in der Keimzelle der bürgerlichen Gesellschaft lernen lassen und durch Bildung eine hierarchiefreie Gemeinschaft herstellen wollten. Aber eine bloße Form lässt sich nun mal mit nahezu jedem Inhalt füllen, und gegen die Schule zu sein ist mit den falschen Argumenten so wenig progressiv wie die Kritik an der Entschulungsidee eine Verteidigung schulischer Erziehung ist.
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Wyschtrowski 16. Sept. 2026 um 05:48 UhrMir fällt auf, dass in dieser politischen Betrachtung, es in Deutschland ca. 250 Wege geben soll, das Abitur zu machen, und dass der größer werdende Bereich der Privatschulen, Nachhilfefirmen, Volkshochschulen u. a. das öffentliche Bildungswesen ergänzt und finanziell entlastet, nicht berücksichtigt wird.
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