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16.03.2026
- → Politisches Buch
Im Verteidigungsmodus
Ein fragwürdiges Buch über nazistische »Eliteschulen« und »Hitlers Kindersoldaten«
Helene Munsons Buch »Die Feldafing-Jungs« zerfällt in zwei Teile, die im Erzählstrang immer wieder ineinandergreifen. Einerseits hat sie ein paar interessante Dinge über das Schulsystem Nazideutschlands, besonders dessen »Eliteschulen«, zusammengetragen. Dazu gehörten die »Napolas«, die selteneren Adolf-Hitler-Schulen (AHS) und die besonders privilegierte Reichsschule Feldafing am Starnberger See. Diese Nachwuchsschmieden hatten unterschiedliche Träger und konkurrierten oftmals miteinander. Andererseits – und das ist der weitaus größere Teil – zieht Munson ihr Buch als private Entdeckungsreise zur Vergangenheit ihres Vaters Hans auf, die durchaus problematisch ist.
Denn sie versucht, ihren Vater, den Feldafing-Schüler, von jeglicher Verantwortung für sein Handeln als SS-Mann zu befreien. Ob es stimmt, dass dessen Eltern ihn, »ohne sich dessen voll bewusst zu sein« (1937!), dem Nazibildungssystem übergaben, wird sich nur schwer klären lassen. Wahrscheinlich ist es aber nicht. Und auch an einer angeblichen politischen Unbedarftheit des Vaters hält die Tochter konsequent fest. Als er als Angehöriger der SS an der »Hauptkampflinie« im Osten in Stellung gegangen war, war er bereits rund 18 Jahre alt. Sein Lieblingsbuch war Goethes »Faust«. Wer den faustischen Pakt versteht, hat möglicherweise auch seine Funktion in der Nazielite reflektiert.
Statt dessen tut Munson so, als wären ihr Vater und seine Mitschüler und Kameraden nur getriebene junge Männer (Munson schreibt »Kinder«) gewesen, die zu all dem, was rings um sie geschah, kein eigenes Urteil hatten. Ihr dazugehöriges Geschichtsbild verrät die Autorin mit dem Satz: »Was hatte die Deutschen dazu gebracht, tatenlos zuzusehen, als diese hell leuchtenden Kronleuchter in den jüdischen Gotteshäusern ohne jede Provokation von der Seite der Betroffenen in der ›Kristallnacht‹ zerstört wurden?« Irgendwer hat also etwas gemacht, und »die Deutschen« haben lediglich zugesehen. Waren die Täter etwa ebenso arme Schweine wie Munsons Vater, dem sie ausführlich bescheinigt, am Ende seines Lebens gebrechlich und krank gewesen zu sein?
Das Buch glänzt mit Leerstellen: Als ein Journalist Hans – auch als betagter Protagonist wird er nur mit Vornamen genannt – Ende der 1990er für ein Buch über Feldafing interviewen will, lehnt er ab. Warum er diese Möglichkeit der Aufklärung nicht wahrgenommen hat, bleibt offen. Dass er als bundesdeutscher Generalkonsul in brasilianischen Medien kritisiert wurde, wird ausschließlich aus der Verteidigungsperspektive beleuchtet. Der Vater ist zwar später glaubhaft froh, die Nazizeit hinter sich gelassen zu haben, und versteht sich als Demokrat. An Deutschlands Schicksal ist er aber als Diplomat der Bundesrepublik weiterhin interessiert: »Ich habe versucht, meinen Teil dazu beizutragen, das angeschlagene Bild Deutschlands in der Welt wiederherzustellen.«
Verstehen will die Autorin nicht, statt dessen sucht sie »Erlösung« und schneidet sich bei einem Besuch in Indien, bei dem sie das »Ungleichgewicht der Doshas« in einer »Panchakarma-Kur« kurieren will, die Haare ab. Dabei denkt sie an »Schwarzweißbilder von Frauen in Sträflingskleidung mit rasierten Köpfen und hinter Stacheldraht (…). Sie waren Opfer grausamer Behandlung gewesen. Ich hatte mir das selbst eingebrockt, freiwillig!« Vergleichen kann man ja mal … Diese Methode des Vergleichs treibt Munson auf die Spitze, um für Verständnis für die Beteiligung ihres Vaters an Kriegsverbrechen zu werben: »Es schien, als ob Westdeutschland die Verantwortung für die Greueltaten der Nazis in den Konzentrationslagern übernahm, aber ignorierte, was es seinen eigenen Kindern angetan hatte.« Die Autorin zitiert ausführlich aus dem Tagebuch ihres Vaters, das sich liest wie ein »Landser«-Heftroman, nicht jedoch wie das eines Jugendlichen, der ausschließlich blind seinen Vorgesetzten gehorcht.
Helene Munson: Die Feldafing-Jungs. Hitlers Kindersoldaten. Osburg, Hamburg 2025, 276 Seiten, 26 Euro
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