Wo ist das Aber mit dem Punkt?
Gemischte Gefühle: Die Ruhrtriennale widmet sich Emily Dickinson und David Bowie
Die Dichterin Emily Elizabeth Dickinson (1830–1886) verbrachte ihr gesamtes Leben in Amherst, Massachusetts, USA. Sie entstammte einer alteingesessenen calvinistischen Familie. Mit 30 Jahren zog sie sich gänzlich vom gesellschaftlichen Leben zurück und lebte bis zu ihrem Tod die meiste Zeit in ihrem Zimmer in Amherst, heute Teil des Emily-Dickinson-Museums. Persönliche Kontakte per Brief pflegte sie nur zu wenigen Menschen. Dazu gehörte neben ihrer Schwester Lavinia und ihrem Bruder Austin auch dessen Frau Susan, eine Jugendfreundin der Dichterin, die in der Nachbarschaft wohnte und der sie fast täglich zum Teil leidenschaftliche Briefe sowie insgesamt über 250 Gedichte schickte. Die ersten Gedichte von Emily Dickinson, die sie ab etwa 1858 in Heften ordnete, stammen aus dem Jahr 1850. Nur sieben ihrer knapp 1.800 Gedichte, in denen sie mit klassischen Formen der Lyrik brach, wurden zu ihren Lebzeiten veröffentlicht. Die erste kritische Gesamtausgabe ihrer Werke in drei Bänden unter dem Titel »The Poems of Emily Dickinson«, herausgegeben von Thomas H. Johnson, erschien 1955.
Der Komponist Kevin Puts hat eine Hommage auf Dickinson aus 24 Liedern und zwei Zwischenspielen für die Musiker von Time for Three und die Mezzosopranistin Joyce DiDonato komponiert und sie mit diesen Interpreten quasi vollendet, ohne sich dabei auf die Traditionen der klassischen Musik beschränken zu lassen. Puts nennt als Einflüsse neben Schubert das »Great American Songbook« und Popmusik. Das Ergebnis wurde nun in der Bochumer Jahrhunderthalle, einem beeindruckenden Denkmal der Industriekultur, im Rahmen der Ruhrtriennale präsentiert: »Emily – No Prisoner Be«. Die Textzeilen von Dickinson lauten: »No Prisoner be – / Where Liberty – / Himself – abide with Thee –.« (Keiner sei in Haft – / Wo sich Freiheit – / Dir zum Hausgenossen macht –) Die Musiker von Time for Three – Nicolas Kendall (Violine und Viola), Charles Yang (Violine) und Ranaan Meye (Kontrabass) – spielten die sich einer stilistischen Klassifizierung entziehende Musik so virtuos wie die Mezzosopranistin Joyce DiDonato sang. Getrübt wurde die Darbietung durch ein der Poesie und Musik nicht angemessenes, beliebig wirkendes Lichtdesign und die wenig poetische und bisweilen falsche deutsche Übersetzung der Dichtung von Emily Dickinson, die im Prospekt zur Aufführung als »Kunstwerk« bezeichnet wird. So wird etwa aus »sperm« (Walrat oder Spermaceti) Talg, der kein Pottwal-, sondern ein Wiederkäuerprodukt ist. Aus »But. What of that.« wird Na und. Wo ist das Aber mit dem Punkt geblieben, ein Beispiel von Dickinsons eigenwilliger Interpunktion? Statt nach 70 Minuten Musik und stehenden Ovationen eine Zugabe zu geben, hielt Joyce DiDonato ein rührendes Plädoyer für Freiheit und kollektives Miteinander. Kaum stimmte sie »No Prisoner Be« an, sang das Publikum mit. Ein solch vielstimmiges Engagement für die Forderung »Keiner sei in Haft« ist selten zu hören.
»Rebel Rebel« ist eine »Musiktheatererkundung« des Ruhrtriennale-Intendanten Ivo van Hove, mit der die diesjährige Ruhrtriennale eröffnet wurde. In »Rebel Rebel« stehen 29 vor allem den Alben »Diamond Dogs« und »Heroes« entnommene Songs von David Bowie im Vordergrund. Sie werden dargeboten von einer vom einstigen Bowie-Mitstreiter Henry Hey geleiteten Coverband, die in einen auf der Bühnenmitte plazierten Container mit Glasfront verbannt wurde. Die Feuilletonisten waren von der Erkundungspremiere wenig begeistert: »Dieses nie wirklich abhebende Bowie-Best-of sieht sich an wie ein David-Bowie-Special im ZDF-Fernsehgarten, das vom Helene-Fischer-Designteam ausgerichtet wurde«, heißt es da etwa, oder: »Bowies Musiktheater wird zur lieblos inszenierten Jukebox-Version.«
Ivo van Hove setzt an den Anfang eine dystopische Prämisse, ein Grusical: In einer verrohten Gesellschaft, in der Liebe verboten ist, terrorisieren gewalttätige Jugendgangs die Städte. Zusammenleben ist zum Kampf gegeneinander degeneriert. Gefühle werden als subversive Ausnahme erachtet und tabuisiert, verdrängt und ins Gegenteil verkehrt. Abweichung von der heteronormativen Ausrichtung wird brutal sanktioniert. Doch es ist wie im wirklichen Leben: Boy meets Girl, und das junge Paar gibt sich der Utopie von Liebe hin. Im ersten Bild werden Leichen über die mit abgewrackten Containern dekorierte Bühne gezerrt. Da es aber Ivan van Hove um das Aufzeigen der »Liebe in Zeiten der Autokratie«, »der Kraft des Widerstandes« geht, setzt die Musik von Bowie als Hoffnungsträger ein, hin zu »Modern Love« und »Golden Years« – Liebe, Rock ‘n‘ Roll, Gebet & Gott. »Let’s dance.«
Getanzt wird unter der Choreographie von Sidi Larbi Cherkaoui, der seine in einer Zappelhalle fitgemachte, modisch gestylte Tanztruppe auf stets lauernde Gewalt getrimmt hat. Stampf-Stampf, Brutalakrobatik und Machogesten überwiegen. Auf der bühnenbreiten Videoleinwand tauchen hin und wieder Weisheiten auf, wie etwa »Hoffnung ist ein billiges Ding«. Die Inszenierung der von Ivo van Hove intendierten Entwicklung von der Dystopie zur Liebe stockt, die Story erweist sich als zu dünn. Die von der Tanztruppe in einen Müllabladeplatz verwandelte Bühne ist das finale Bild von »Rebel Rebel« als Antizipation der Golden Years von Boy und Girl. Den Bowie-Fans im Publikum, wie etwa dem Mann vor mir mit dem roten T-Shirt und der Aufschrift »David Bowie is watching you«, hat die Bowie-Song-Cover-Mischung gefallen.
→ Ruhrtriennale: bis zum 20. September 2026
→ www.ruhrtriennale.de
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
