Grenzen und Grenzüberschreitungen
Gerade im Lichte seiner Epstein-Verbindungen ist Noam Chomskys wiederaufgelegter Essayband »Was für Lebewesen sind wir?« eine vielsagend altbackene Selbstversicherung
Chomsky spielt keine Rolle mehr. So hieß es bereits zu Beginn der 2000er Jahre in den ersten von mir besuchten linguistischen Seminaren. Seine in den 50er Jahren entwickelte Universalgrammatik sei überholt, für die Sprachwissenschaften nur noch im Rahmen diachroner Betrachtungen von Interesse. Erwähnt wurde wohl, dass der (einst) eminente Sprachwissenschaftler und spätere populistische politische Aktivist beträchtlichen Einfluss auf die Entwicklung von Computerlinguistik und Programmiersprache hatte und von großer Bedeutung für die sogenannte kognitive Wende war, die in den 50er und 60er Jahren einen Paradigmenwechsel in der Psychologie vom Behaviorismus zum Kognitivismus markierte. Über den politischen Chomsky freilich sprach der Linguistikprofessor nicht, dafür gab es andere Seminare.
Die gibt es auch heute noch. Der 97jährige Gelehrte macht zwar zuletzt vor allem wegen seines Auftauchens in den Epstein-Akten Schlagzeilen, hatte aber zuvor mindestens so viele Bewunderer wie Kritiker. Ein vor zehn Jahren verfasstes Resümee »des lebenslangen Nachdenkens eines Sprachwissenschaftlers über die weiteren Auswirkungen seiner wissenschaftlichen Arbeit«, wie es seit dem Jahreswechsel unter dem Titel »Was für Lebewesen sind wir?« als Suhrkamp-Taschenbuch vorliegt, findet Leser – also der Wissenschaftler Chomsky.
Um das »intellektuelle Labsal« (Neue Zürcher Zeitung) schmecken zu können, mit dem Chomsky im Horizont der Kantschen Frage »Was ist Sprache?« Probleme klären will wie »Was können wir verstehen?« oder »Was ist das Gemeinwohl?«, sollte vor Lektüre der vier Essays besser bereits etwas Vorwissen in generativer Grammatik generiert worden sein. Es sei nicht einmal klar, was Sprache eigentlich ist, setzt Chomsky im ersten Essay epistemisch skeptisch an. Er versteht sie unbeirrt als dem Menschen angeborenen, unser Denken strukturierenden und begrenzenden Mechanismus. Zentral ist nach wie vor die Idee einer Universalgrammatik und generativen Transformationsgrammatik als biologische Ausstattung des Menschen. Sie soll die Sprachfähigkeit erklären und damit weitgehend auch, »was für Lebewesen wir sind«. Chomsky insistiert: Die Existenz einer solchen Universalgrammatik zu leugnen bedeute, zu behaupten, »die Tatsache, dass Menschen sprechen, sei ein Wunder«. Ein rhetorischer Kurzschluss, der angesichts der relativen Bedeutungslosigkeit dieses theoretischen Kerns in der gegenwärtigen Linguistik um so ärgerlicher ist. So bedeutsam die generative Transformationsgrammatik – als Bruch mit dem Strukturalismus und Ausgangspunkt für neuere formale Modelle – historisch auch war, haben Weiterentwicklungen, Abspaltungen und vielfache völlig anders organisierte Forschungsprogramme Chomskys Paradigma längst hinreichend relativiert.
So zu tun, als sei dieses Festhalten am alten Ansatz die einzige wissenschaftlich akzeptable Möglichkeit, wirkt weniger wie eine nüchterne Bestandsaufnahme als vielmehr wie eine wenig überzeugende späte Selbstversicherung. Für Chomsky scheint die universalistische Grundposition schlicht weiterhin behauptet werden zu müssen, statt argumentativ gegen konkurrierende Ansätze abgegrenzt und nachvollziehbar verteidigt. Die bemühten historischen Beispiele – von der Grammatiktradition bis Wilhelm von Humboldt – dienen dabei eher der illustrativen Rahmung der eigenen Position. Als Antworten auf die gegenwärtige empirische und theoretische Kritik taugen sie wenig. Kaum überzeugend ist diese rückwärtsgewandte Verteidigung auch, weil sie dezidiert ausspart, was die Linguistik heute beschäftigt: Variation, Gebrauch, Korpora, soziale Einbettung und interdisziplinäre Kognitionsforschung.
Besser wird das Buch, wenn Chomsky abseits seiner spezifischen Theorie die Reichweite menschlicher Erkenntnisse thematisiert und betont, »dass Wissenschaft immer wieder an Grenzen stoßen und vieles ein Geheimnis bleiben werde«. Woraus die Konsequenz zu ziehen sei, sich auf »überschaubare Probleme« zu konzentrieren, statt auf metaphysische Totalerklärungen abzuzielen. Ein epistemischer Pessimismus, der sich hier einmal mehr mit der politisch-moralischen Hoffnung verbindet, Sprache wecke einen »Freiheitsinstinkt«, der dazu befähige, »gegen Herrschaft aufzubegehren« und nach »Assoziation freier Menschen« zu streben. In der Tradition von John Stuart Mill und Rudolf Rocker zeichnet er den Menschen als grundsätzlich anarchisches Lebewesen. Hierarchische Strukturen seien rechtfertigungspflichtig. Autorität und Herrschaft müssten zeigen, »dass sie legitim sind«, wenn dies misslinge, »sollten sie beseitigt werden«.
Doch auch an diesen politisch interessanteren Stellen formuliert Chomsky wieder sattsam bekannte anarchistische Intuitionen, statt diese systematisch triftig mit seiner Sprachtheorie zu verknüpfen. Die vier Essays sind nicht die summa philosophica, die die Verlagswerbung verspricht, sie werden nur lose durch die Autorenfigur Chomsky zusammengehalten. Wenn er wie gewohnt Anarchismus als Programm beschreibt, das staatliche und hierarchische Strukturen so lange akzeptiert, wie diese gerechtfertigt werden können, nimmt Chomsky zudem eine Verschiebung der Verhältnisse vor, die reale Machtasymmetrien mehr rhetorisch verwischt als angemessen analysiert.
So nimmt sich denn auch die Debatte um Chomskys Verbindungen zu Jeffrey Epstein wie eine unfreiwillig scharfe Pointe aus. Gerade wenn man »Was für Lebewesen sind wir?« als moralisch aufgeladenes Buch eines Intellektuellen liest, der sich in der Rolle des kritischen, unbestechlichen Gewissens des Westens sieht, gewinnen die belegten, von den Chomskys eingeräumten Kontakte um so mehr Gewicht. Chomskys notorische Emphase bei der Betonung des Freiheitsinstinkts, der Pflicht, Herrschaft zu delegitimieren und sich ihrer zu entziehen, wirkt vor dem Hintergrund seiner beratenden Rolle für den verurteilten Sexualstraftäter und auch im wissenschaftlichen Feld sinistren Strippenzieher Epstein und dessen Umfeld ziemlich zweifelhaft.
Die Frage, »was für Lebewesen wir sind«, fällt somit unversehens auf den Autor zurück. Einen brillanten, doch theoriefixierten Linguisten, dessen Transformationsgrammatik mittlerweile überholt ist. Einen politischen Denker, dessen anarchistische Rhetorik eigene Abhängigkeiten ignoriert. Einen Moralisten, dessen blinde Flecken durch die Epstein-Akten noch offenkundiger wurden als in seinen Büchern. Aufschlussreich ist der Suhrkamp-Band somit weniger als Theorie des Menschen, sondern mehr als Dokument der Grenzen und Grenzüberschreitungen kritischer Intellektueller vom Schlage Chomskys.
→ Noam Chomsky: Was für Lebewesen sind wir? Aus dem amerikanischen Englisch von Michael Schiffmann. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2025, 249 Seiten, 22 Euro
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