Aus Leserbriefen an die Redaktion
Doppelte Watschen
→ Zu jW vom 22./23.8.: »Aus Leserbriefen an die Redaktion«
Ich bin völlig einer Meinung mit dem Leserbriefschreiber Gerd-Rolf Rosenberger, was die Anmaßung einer herrschaftlichen Deutungshoheit über die Begriffe »Faschismus«, »Nazifaschismus« und »Nationalsozialismus« anbelangt. Aus österreichischer Sicht kann ich das Folgende beisteuern.
Der österreichische Dichter Michael Guttenbrunner (1919–2004), ein konsequenter Antifaschist und streitbarer Humanist, ist Anfang der 1960er Jahre in Wien vor Gericht gestanden. Aufgrund einer von ihm nicht genehmigten Veröffentlichung eines Gedichts in einer Kärntner Fremdenverkehrsbroschüre hatte er deren Herausgeber öffentlich geohrfeigt. Einen deutschen Historiker, der während der Nazizeit an einem eigens eingerichteten und ideologisch streng ausgerichteten »Institut für Kärntner Landesforschung« beschäftigt gewesen war und seine widerliche Karriere nach 1945 vor Ort und völlig unbeschadet im »Kärntner Landesarchiv« und eben in der Tourismusbranche fortsetzen konnte.
Vom Gericht wurde Michael Guttenbrunner gleich zweimal verurteilt. Zuerst wegen der beiden Watschen (wie es im Österreichischen heißt) und dann wegen einer Ehrenbeleidigung dieses politisch einschlägig belasteten Klägers. Guttenbrunner nannte ihn nämlich nicht einen Nationalsozialisten, was mit Sicherheit belegbar gewesen wäre, sondern einen »Nationalbestialisten«.
Ich darf sagen, diese Titulierung, die sich weniger einer politischen Analyse als einer legitimen Erregung verdankt, gefällt mir bis heute außerordentlich gut!
Gerhard Moser, Wien (Österreich)
»Unsinniges Verbot«
→ Zu jW vom 26.8.: »Ein kleiner Schritt zum Frieden«
Ich kann nach Gesprächen auch nur bestätigen, was in dem Artikel geschrieben steht. Es sind gerade die Menschen, die während des jahrzehntelangen Kampfes einen hohen Preis gezahlt haben, die diesen Verhandlungsprozess begrüßen und unterstützen: Familien, die nahe Angehörige verloren haben, immer noch Langzeitgefangene, all die, die Haus und Hof verloren haben oder aufgeben mussten. Ich kann allen nur empfehlen, diesen spannenden Verhandlungsprozess zu verfolgen, zum Beispiel bei »Civaka Azad«, dem kurdischen Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit.
Spannend nicht im Sinne von Unterhaltung, sondern im Sinne eines gesellschaftlichen Kampfes um große politische Veränderungen. Lest und fragt nach, dort, wo Ihr seid, wo Ihr organisierte kurdische Community trefft, und lasst uns auch hier für die Aufhebung des seit 1993 bestehenden unsinnigen PKK-Verbotes kämpfen sowie dafür, dass die Organisation von der mindestens fragwürdigen EU‑Terrorliste kommt und dass auch in der BRD die Gefangenen aus den Knästen kommen. Siehe dazu auch den Azadi-Rechtshilfefonds.
Susanne Rößling, per E-Mail
»Wahnsinn mit Methode«
→ Zu jW vom 27.8.: »Heiße Luft«
Sehr guter Kommentar in Inhalt und Form. Es geht eben nicht darum, dass »der Mensch« die Klimakrise verursacht hätte. Als ob zum Beispiel Elon Musk und ich in einem Boot säßen. Es geht um die kapital-/industriell induzierte Klimakrise. Auch hier täuscht die Scheinalternative AfD versus Olivgrün. Beide wollen, auf je eigene Weise, maximales Wachstum für den deutschen Standort von Kapital und Staat. Beides Wahnsinn mit Methode, wie man spätestens seit Shakespeare wissen kann.
Sebastian Köhler, Ballum (Dänemark)
Systemfrage
→ Zu jW vom 27.8.: »Heiße Luft«
Ja, wirklich nichts anderes als heiße Luft. Wer weiterhin nur auf Wachstum, also auf ein »Weiter so« setzt, kann nicht wirklich daran interessiert sein, den Klimawandel eindämmen zu wollen. Dafür ist es meines Erachtens schon zu spät. Außerdem würde das eine Wirtschaftsweise erfordern, die nicht nur am Profit orientiert ist.
Joachim Becker, Eilenburg
Bedingungen der Bedingungen
→ Zu jW vom 28.8.: »Alle Wege führen nach Mekka«
Ganz schön viele Konditionalsätze. Wenn der Mekka-Pakt dazu führen würde, dass China und Indien sich annäherten? Oder wenn Saudi-Arabien zur Überzeugung käme, dass von Trump alle, auch es selber, verarscht würden? Mag sein, dass es Trump entgegenkäme, wenn sich selbstregulierende regionale Subsysteme in seinem Sinne wirksam würden. So etwas kann, muss aber nicht eintreten. (…)
Heinrich Hopfmüller, Stadum
»Skandal sondergleichen«
→ Zu jW vom 25.8.: »Fürs Kapital ohne Belang«
Apropos dreigliedriges Schulsystem … Ein Skandal, dass dieses in Deutschland seit über einem Jahrhundert Bestand hat. Unglaublich, wenn man bedenkt, dass es dieses inhumane System nur in Deutschland bzw. noch ansatzweise in Österreich gibt. Alle anderen Länder, übrigens auch die USA, kennen nur die »Gesamtschule«. Heißt: Hier gehen die Schüler*innen gemeinsam, ohne Segregation, nach dem 4. Grundschuljahr teils bis einschließlich der 10. Klasse (siehe Collège, Frankreich) in dieselbe Klasse. Also gemeinsam bis zu ihrem 14. bzw. 15. Lebensjahr. In Frankreich besuchen unterschiedslos alle Schüler nach den Grundschuljahren das Collège bis zum Abschluss. Sie erhalten dann eine Art Abschlusszeugnis. Sie können dann noch drei Jahre auf eigenen Wunsch auf das Lycée gehen, um das Bac zu absolvieren. (…) Hinsichtlich des Lehrplans und der Schulfächer: In Frankreich haben die Schüler schon ab der 7. Klasse, Collège, Philosophie als Hauptfach. Das Fach Religion existiert nicht.
In der DDR gab es grundsätzlich die sogenannte Einheitsschule, vergleichbar mit der Gesamtschule. Nach der Vereinigung wurde diese umgehend abgeschafft und das westdeutsche Dreiklassenmodell eingeführt. Zehn- bzw elfjährige Kinder mussten deshalb erst einmal auf die »Mittelschule« (Hauptschule) und hatten Probleme mit dem Übertritt auf das Gymnasium. Ein Skandal sondergleichen. Und für manche Familien aus der DDR ein Riesenproblem. Konnten sie doch nicht auf das Gymnasium, um dort ihre Schullaufbahn fortzusetzen. (…)
Elke Funke, per E-Mail
Es geht eben nicht darum, dass »der Mensch« die Klimakrise verursacht hätte. Als ob zum Beispiel Elon Musk und ich in einem Boot säßen. Es geht um die kapital-/industriell induzierte Klimakrise.
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