Die großen Träume
Erbe von Rimbaud und Marx: Am 29. August feiert der frankokaribische Schriftsteller René Depestre seinen 100. Geburtstag
Einigen Angaben zufolge wurde der haitianische Dichter René Depestre im August 1926 geboren, anderen zufolge schon 1924. Dass er immer noch lebt, ist an sich bemerkenswert genug. Noch bemerkenswerter ist jedoch sein Lebenslauf. Nachdem er 1946 an der Revolution teilgenommen hatte, die den von den USA unterstützten Diktator Élie Lescot stürzte, wurde er ein weltweit bekannter Dichter und Revolutionär, der die Wege einer außergewöhnlich großen Zahl kommunistischer Intellektueller, Aktivisten und Politiker kreuzte: Che, Fidel, Mao, Amado, Neruda, Ho Chi Minh.
Für alle, die Französisch lesen, sollten seine gesammelten Gedichte »Rage de Vivre«, die im vergangenen Jahr in einer wunderschönen zweiten Auflage bei Pierre Seghers neu erschienen sind, sowie die 2020 unter dem Titel »Cahier d’un art de vivre: Journal de Cuba, 1964–1978« veröffentlichten kubanischen Tagebücher, Pflichtlektüre sein.
Die haitianische Revolution von 1791 nahm die Französische Revolution beim Wort: dass die Erklärung der Menschenrechte wahrhaft universell sei und kein bloßes Spiegelbild der Freiheit in weißer Haut. Sie schenkte der Dekolonialisierung den ersten tragischen Helden: Toussaint l’Ouverture. Doch in dem tragischen Verlauf der unvollständigen Dekolonialisierung übernahmen einheimische Eliten die Macht, Haiti wurde von den Vereinigten Staaten rekolonisiert, 1915 besetzt und zum Protektorat gemacht.
Depestre wuchs im Schatten der US-Besatzung auf. Schon von klein auf war er über die linken Strömungen informiert, die Neokolonialismus und Unterentwicklung bekämpften. Als Teenager lernte er den haitianischen Kommunisten und Schriftsteller Jacques Roumain kennen, ebenso die kubanischen Schriftsteller Nicolás Guillén und Alejo Carpentier, die die Insel besuchten, sowie den martinikanischen Dichter Aimé Césaire und die Surrealisten André Breton und Wilfredo Lam.
Zusammen mit Genossen wie Jacques-Stephen Alexis gründete Depestre die Zeitung La Ruche, in der Werke von Guillén, Breton und Langston Hughes veröffentlicht wurden. Er begleitete Breton zu einer Voodoozeremonie, und im Januar 1946 erschien eine Ausgabe von La Ruche, die dem Surrealismus und dem Generalstreik gegen Lescot gewidmet war. »Es lebe der nationale Aufstand!«, verkündete sie. Surrealismus und Poesie hingen eng zusammen.
Mit 19 Jahren hatte Depestre gerade sein erstes Buch »Étincelles« veröffentlicht, in dem er aus der Perspektive der Entkolonialisierten Anspruch auf die universalistischen Bestrebungen der Französischen Revolution erhob. »Me voici« (Hier bin ich), erklärt er,
*
citoyen des Antilles
tout vibrant de joie païenne
je vole à la conquête des
bastilles nouvelles.
*
(Bürger der Antillen,
voll heidnischer Freude,
fliege ich heran, um neue Bastillen zu erobern.)
*
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden, ist »Étincelles« ein antifaschistisches Buch. Und für Depestre war Antifaschismus nicht die Vorstufe zur »Pax Americana«, sondern eine Haltung, die ganze Welt neu zu gestalten. Die Revolution, die Lescot zu Fall brachte, wurde von einer Militärjunta gekapert. Depestre schrieb sein zweites Buch »Gerbe de sang« (Blutspritzer) im Gefängnis, erklärte sich im Gedicht »Un temps de loup« zum »Erben von Arthur Rimbaud« und verkündete in »Saison de colère«: »Ich öffne meine Revolte den Verwirrungen der fünf Sinne.«
Nach seiner Freilassung ging Depestre nach Paris, einem Zentrum der europäischen kommunistischen Bewegungen und trikontinentalen revolutionären Strömungen der Dekolonialisierung. Dort stürzte er sich kopfüber in Literatur und Politik. Er studierte Literatur und Politikwissenschaften, trat der Kommunistischen Partei Frankreichs bei, schloss sich dem literarischen Zirkel der »Négritude« rund um die Zeitschrift Présence Africaine an und agitierte für Arbeiterrechte und gegen die französische Kolonialmacht im damaligen Indochina.
1949 heiratete er die Journalistin und Übersetzerin Edith Sorel (Gombos). Im darauffolgenden Jahr wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten aus Frankreich ausgewiesen. Er und Gombos fanden Zuflucht in Tschechoslowakei, wo sie sich mit einem weiteren politischen Flüchtling, dem brasilianischen Schriftsteller Jorge Amado, anfreundeten und beunruhigende Gerüchte über den Stalinismus in der Sowjetunion vernahmen. Aufgrund erfundener Anschuldigungen erneut ausgewiesen, kam das Paar nach Ostberlin und machte sich 1952 auf Einladung von Nicolás Guillén auf den Weg nach Kuba. Kaum war das Schiff nach der Hälfte der Passage mitten auf dem Ozean, ergriff Batista die Macht, und sie wurden wieder zurückgeschickt.
Als Nächstes lockte Südamerika. Zusammen mit Pablo Neruda half Depestre 1953 in Chile bei der Organisation des Kontinentalen Kulturkongresses und arbeitete anschließend unter dem Namen Walter Miranda für die Kommunistische Partei Brasiliens.
1956 lud der Schriftsteller und Politiker Léopold Sédar Senghor ihn nach Frankreich ein. Depestres Marxismus brachte ihn mit dem »Négritude«-Zirkel rund um Présence Africaine allerdings in Konflikt. Ein Brief, in dem er Louis Aragon lobte, löste eine wütende poetische Antwort von Aimé Césaire aus, die in der Zeitschrift veröffentlicht wurde. »Lass uns ausbrechen (›marronieren‹), Depestre«, forderte ihn Césaire auf und spielte dabei auf die Gemeinschaften entflohener rebellischer Sklaven (»Marronnage«) in der Karibik und Südamerika an.
Césaire hatte nach den Enthüllungen über Chruschtschows Geheimrede 1956 öffentlich mit der Kommunistischen Partei Frankreichs gebrochen. Depestre, der in seinem dritten Gedichtband »Végétations de clarté« noch eine lange Ode an Stalin verfasst hatte (»Au camarade Staline«), veröffentlichte in Présence Africaine eine gequälte poetische Abrechnung. Sein Ziel, so schrieb er, sei es, sich zu destalinisieren und zugleich zu dekolonisieren. Dennoch bewahrte er sich die Hoffnung auf einen erneuerten Sozialismus.
Im folgenden Jahr kehrte er nach Haiti zurück. Eine neue Regierung unter seinem ehemaligen Hausarzt François »Papa Doc« Duvalier adaptierte die Rhetorik der »Négritude« gegen eine von Kreolen dominierte Bourgeoisie. Doch hinter dieser Rhetorik verbargen sich die Abhängigkeit von den USA und eine wahrhaft schreckliche Unterdrückung. Duvalier bot Depestre einen Regierungsposten an. Depestre prangerte Duvaliers Terrorherrschaft direkt in dessen Gegenwart an und wurde daraufhin unter Hausarrest gestellt.
Dort liefen im Radio Nachrichten über den Guerillakrieg im benachbarten Kuba. Depestre feierte den Triumph der Revolution in der haitianischen Zeitung Le Nouvelliste und erregte damit die Aufmerksamkeit von Che Guevara, der ihn nach Kuba einlud.
Depestre und Che trafen sich persönlich. Sie unterhielten sich mehrere Stunden lang. Che vertraute ihm an, dass die Kubanische Revolution eine sozialistische sein würde, und lud ihn ein, sich an einem Versuch zu beteiligen, Duvalier zu stürzen. Depestre bildete eine Expeditionstruppe aus 80 Exilanten aus, doch die Mission wurde abgebrochen, nachdem eine weitere Gruppe von der CIA unterwandert und massakriert worden war. Im folgenden Jahr kam Depestres Freund Jacques Stephen Alexis bei seinem eigenen Versuch ums Leben. Depestre kehrte nie wieder nach Haiti zurück.
In Kuba begann für Depestre ein neues Leben als Übersetzer, Redakteur und Journalist. Er reiste als Korrespondent der Zeitung Revolución nach Moskau und anschließend nach China, wo er Mao traf, sowie nach Hanoi, wo er Ho Chi Minh traf.
Er setzte sich für die Rechte der haitianischen Vertragsarbeiter ein, veranlasste 1967 eine offizielle Entschuldigung und staatliche Entschädigungszahlungen und nahm 1966 an der Trikontinentalen Konferenz in Havanna sowie 1968 am Kulturkongress von Havanna und 1969 am Panafrikanischen Festival in Algier teil. In dem Essayband »Pour la révolution pour la poésie« (1969) dachte er über das Problem der »Négritude«, ihre Perversion in Haiti und ihren Zusammenhang mit dem Klassenkampf nach und sprach sich für »den globalen trikontinentalen Kampf der unterentwickelten Völker gegen Imperialismus und Neokolonialismus« aus.
1967 veröffentlichte er »Un Arc-en-ciel pour l’Occident chrétien« (ein Regenbogen für das christliche Abendland), eines der großen Gedichte des 20. Jahrhunderts, das Césaires »Cahier d’un retour au pays natal« (deutsch erschienen als: »Zurück ins Land der Geburt«) in nichts nachsteht. Hier nimmt sich Depestre die Voodookultur zurück, die »Papa Doc« Duvalier benutzt hatte, um die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen: Eine Gruppe von Loa (Geistern) rächt sich an einer Familie weißer Südstaatler aus den USA und singt Lobgesänge auf Patrice Lumumba und Malcolm X. Das Buch endet mit dem, was Depestre »eine letzte Botschaft im Namen der Zärtlichkeit und der Liebe« nennt. Der christliche Westen wird durch den Geist des Voodoo, des Sozialismus und der schwarzen Rebellion gereinigt. »Im Namen der Revolte / Und der Gerechtigkeit / Und der Zärtlichkeit«.
Ches Abreise aus Kuba im Jahr 1965 und dessen Tod in Bolivien im Jahr 1967 haben Depestre tief getroffen. Auch er geriet ins Abseits, nachdem er sich für den Dichter Heberto Padilla eingesetzt hatte, dessen Strafverfolgung zu einer internationalen Cause célèbre geworden war. Dennoch veröffentlichte er weiterhin. Er übersetzte den Roman seines gefallenen Genossen Jacques Stephen Alexis und brachte 1979 seinen ersten eigenen Roman »Le Mât de Cocagne«, eine Satire über Duvaliers Herrschaft, während sein Gedichtband »Poète à Cuba« die von einem französischen Journalisten gestellte Frage »Kann es unter einer sozialistischen Regierung einen wahren Dichter geben?« mit Ja beantwortete.
Depestres letztes sozusagen kubanisches Buch »En état de poésie« (1980) entstand nach seinen eigenen Worten als eine Art »heidnische Taufe«, die ihn von seiner Verzweiflung befreien sollte. Das Buch hält an der Idee fest, die er schon 1946 in Haiti zum Ausdruck gebracht hatte: Poetische und soziale Revolution sind untrennbar miteinander verbunden. Ein politischer Coup d’État sei das Gegenteil eines poetischen Coup d’État, schreibt er. Die Distanz zwischen beiden sei so groß wie die zwischen dem Kadaver eines Leoparden und dem letzten Satz von Beethovens Neunter. Die Poesie, so fährt er fort, habe immerhin die Fähigkeit, eine Stadt mit zehn Millionen Einwohnern hundert Jahre lang ununterbrochen mit Strom zu versorgen.
Depestre verließ Kuba 1978, um für die UNESCO zu arbeiten. Er ließ sich in Frankreich nieder, erhielt 1991 die Staatsbürgerschaft und schrieb Romane, die in einer spezifisch karibischen Vision, in der Erinnerungen an seine haitianische Kindheit aufblitzen, das zelebrieren, was er als »solare Erotik«, »Geo-Libertinage« und »Métissage« (kulturelle Vermischung) bezeichnet.
Obwohl er sich von dem Sozialismus, den er früher vertrat, distanziert hat, spricht Depestre nach wie vor mit großer Leidenschaft von »den großen Träumen unserer Jugend, die die Idee der Umgestaltung der Welt (Marx) mit der der Veränderung des Lebens (Rimbaud) vereinen« und von dem »volkstümlichen Surrealismus«, den er in Haiti vorgefunden hatte.
»Jedem, der gekränkt wurde, biete ich wie ein Bruder mein Feuer an; jedem, der gedemütigt wurde, biete ich wie ein Freund die Lebensfreude aus dem letzten Reifentanz meiner Kindheit an«, schreibt er in »Poétique postmoderne«, einem Gedicht aus seinem bislang letzten Gedichtband »Non-assistance à poètes en danger« (Nichtbeihilfe für Dichter in Gefahr) von 2005. Der Titel des Buches spielt auf das Seerecht an, wonach es strafbar ist, Menschen in Seenot keine Hilfe zu leisten. Beim Lesen muss man unweigerlich an die sogenannte Migrationskrise denken und an die vorsätzliche Missachtung dieses Gesetzes durch die Regierungen in Europa und Nordafrika – an die Grenze, die heute die vorderste Front des weltweiten Klassenkampfes ist.
Und während Haiti nach wie vor im Chaos versinkt und Kuba in Gefahr ist, erinnert uns Depestres intellektuelles Vermächtnis an jene revolutionären Horizonte, die noch immer – ähnlich wie die »kleine Lampe«, die in seiner Lyrik immer wieder auftaucht – gegen die Meere des globalen Kapitals aufleuchten. Trotz Blockade bleibt Kuba standhaft.
»Dites que je me suis embarqué / dans la flibuste du poème / sans diplômes (présomptions de connaissance) / sans passeports ni visas« (Sagt ihnen, dass ich mich auf die Freibeuterei der Poesie eingelassen habe – ohne Diplome (mutmaßliches Wissen), ohne Pässe oder Visa), schrieb er im Alter von 19 Jahren in »Donnez-moi la liberté«. Zeitweise selbst staatenlos, schreibt Depestre in seinen besten Momenten mit luzider Direktheit für die Verdammten dieser Erde. Mit seinem Werk werden wir uns noch viele Jahre beschäftigen.
Zum Autor: David Grundy
David Grundy ist Alexander-von-Humboldt-Stiftung-Research-Fellow an der FU Berlin. Von 2019 bis 2023 war er British Academy Fellow an der University of Warwick, davor unterrichtete er Literatur und Film an der University of Cambridge. Er veröffentlichte »A Black Arts Poetry Machine. Amiri Baraka and the Umbra Poets« (Bloomsbury Academic, 2018) sowie »Never By Itself Alone: Queer Poetry, Queer Communities in Boston and the Bay Area, 1944–Present« (Oxford University Press, 2024).
→ Übersetzung: Andreas Hahn, Redaktion jW
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