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Bundeswehr

Nicht mehr kriegstüchtig

Bundeswehr als Dienstherr: Ein Weg raus aus der Truppe

Von Annuschka Zak, Rostock
Foto: Stefan Boness/IPON
Noch nicht kriegstüchtig? Die Bundeswehr biedert sich auf dem »Nationalen Veteranentag« schon den Allerkleinsten an

Es hat angefangen mit einem Kribbeln. »Unter der Haut, als wenn kleine Tiere dort entlangkrabbeln würden.« Paul Müller rupft an seinem Mantel. Dann habe es sich angefühlt, als läge ihm ein Stück Eisen im Magen. »Ich hatte Tablettenberge zu Hause, die konnten die Schmerzen nicht lindern.« Er schüttelt seinen Kopf. Der Bundeswehrarzt konnte ihm nicht helfen. »Sie bilden sich das ein«, habe der gesagt. »Ich konnte keine Nacht mehr durchschlafen und am Ende habe ich auch Stimmen gehört.« Der ehemalige Stabsfeldwebel bleibt stehen und blickt auf das umzäunte Areal der Hanse-Kaserne in Rostock. Eine stämmige Soldatin läuft telefonierend hin und her – auf der anderen Seite des Zauns.

Müller ist in Rostock geboren und aufgewachsen. 1997 verpflichtete er sich bei der Bundeswehr. In der Kaserne Fliegerhorst Goslar, in der er vereidigt wurde, zierte das Bild eines Wehrmachtssoldaten die Wand, neben Frakturschrift: »Klagt nicht, kämpft!« Zweimal sei Müller im Auslandseinsatz gewesen, erzählt er, einmal in Usbekistan, dort wurde das Material für den Einsatz in Afghanistan verladen. Und einmal im Kosovo – Jahre nach den Kampfhandlungen. Seinen echten Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, er ist der Redaktion aber bekannt.

An einen Moment mit Aha-Effekt erinnert er sich genau: »Es war auf einer Busreise nach Prag 2013. An der Raststätte habe ich eine junge Welt gesehen und dachte: Die kaufe ich mir jetzt einfach mal.« Im Bus las er ein Interview mit dem Historiker Andreas Kramer, geführt von Peter Wolter, über das Oktoberfestattentat und die Geheimorganisation »Gladio«. Ein klandestines, von CIA, MI6 und NATO koordiniertes paramilitärisches Netzwerk, das für rechte Terrorakte und innenpolitische Kontrolle genutzt wurde. »Das hat mich erschüttert und ich habe Reaktionen erwartet. Bundespolitisch, in der Presse – aber es ist einfach nichts passiert, gar nichts.« Müller verstummt für Momente. Mit geschlossenen Lippen, um das Schweigen nach der Enthüllung zu verdeutlichen. »Darüber darfst du nicht nachdenken«, habe ihm ein Vorgesetzter geraten, dem er sich anvertraute.

Die bronzenen »Drei Matrosen« von Gerhard Rommel, ein Denkmal aus der DDR, blicken auf den Zaun, der mit einem verrosteten Stacheldraht verstärkt ist. Bis 1990 nutzte die Nationale Volksarmee das Areal als Wilhelm-Florin-Kaserne.

Müller hat sich und seine Funktion als Soldat nach der jW-Lektüre gründlich hinterfragt: »Ob Bundeswehr, ob MAD, ob BND – mein Vertrauen in die Institutionen hatte ich verloren.« Er stellte noch im selben Jahr, 2013, einen Antrag auf Umwandlung seines Status von Berufssoldat auf Zeitsoldat. Der Antrag wurde abgelehnt – trotz eines ausführlichen Begründungskatalogs. »Die Schmerzen wurden unerträglich, ich dachte über Suizid nach – immer wieder, jahrelang. 2017 saß ich mit der Waffe in der Hand in der Wache.« Müllers grüngraue Augen röten sich leicht, er schluckt trocken.

Seit 1990 ist die Bundeswehr in Auslandseinsätzen aktiv. Seitdem sind 120 Bundeswehr-Angehörige im Einsatz oder an Folgen verstorben. Bei Unfällen »im Dienst«, aber nicht im Einsatz, ließen 925 Menschen ihr Leben. 1.181 Soldaten haben seit 1990 in der BRD Suizid begangen. Warum tut man sich so etwas freiwillig an? »Das ist eine Klassenfrage – die Bundeswehr lockt mit Geld und Aufstiegschancen«, sagt Müller entschieden.

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An einer Ecke der Kaserne befindet sich direkt gegenüber des Ostseestadions ein »Karrierecenter« der Bundeswehr. Von der verschlossenen Glastür aus erblickt man einen schmalen Rücken und zwei olivgrüne Aufsteller mit Eisernem Kreuz. Ein Junge in grauer Jeans mit passendem Kapuzenpulli steht am Empfang und füllt etwas aus. Die uniformierte Dame am Schalter lächelt ihn aufmunternd an. Grinsend dreht sich der Jugendliche um, hebt die Hand zum Gruß und geht beschwingt nach draußen, ein ausgefülltes Dokument in der Hand. Er ist 17 Jahre alt und: Ja, er will zur Bundeswehr.

Bis zu 35 Personen kämen am Tag, um sich über ihre Berufschancen zu informieren, gibt die Frau am Counter eher unwillig preis, ihr Lächeln ist verschwunden. »Warum interessiert Sie das?« blafft sie.

Auf dem weiten Gelände der Hanse-Kaserne residiert, mitten in einem Wohngebiet, gegenüber vom Discounter Lidl, der NATO-Standort »Commander Task Force Baltic«. Der wird zwar von der deutschen Marine geführt, ist aber multinational besetzt. Soldaten aus elf weiteren NATO-Staaten sind hier stationiert, um den Ostseeraum zu überwachen. Sie erstellen 24-Stunden-Lagebilder und sorgen – eher wenig erfolgreich – für den Schutz kritischer maritimer Infrastruktur wie Unterseekabel und Pipelines. Von hier aus werden maritime Übungen der NATO-Seestreitkräfte geplant und die Mission »Baltic Sentry« geleitet.

»Meiner Meinung nach verstößt das ganz klar gegen den Zwei-plus-vier-Vertrag, der besagt, dass auf dem ehemaligen Gebiet der DDR keine ausländischen Streitkräfte stationiert werden dürfen«, sagt Paul Müller und zeigt auf ein angrenzendes Gebäude. »Das ist übrigens ein Altenheim. Im Falle eines Krieges wäre das alles ein potentielles Angriffsziel.«

Als es zum Anfang dieses Jahrzehnts vermehrt Auslandseinsätze gab, nahmen Müllers Schmerzen wieder zu. »Alleine die Vorstellung, neben einem US-Soldaten stehen zu müssen, erzeugte das Gefühl, als wenn meine Haut wie Feuer brennen würde. Ich hatte Angst, wieder in einen NATO-Einsatz zu müssen, vielleicht neben US-Folterknechten und Drohnenmördern zu dienen.« Er steigt in sein Auto.

Ein Arzt attestierte ihm damals Auslandsdienstunfähigkeit, er kam ins Bundeswehrkrankenhaus in Berlin auf die Station F 6 für psychische Erkrankungen. Sein Zimmernachbar war nach einem Einsatz im Kosovo erblindet – eine physische Ursache konnte nicht gefunden werden. »Er hat dort Dinge gesehen – und dann nie wieder sehen können«, sagt Müller.

Plötzlich ist es windstill, die Sonne glitzert in der Ostsee, es riecht nach Räucherfisch und Aufbackbrötchen. Möwen staksen am Warnemünder Strom entlang, beäugen auf der Suche nach etwas Leckerem die Touristen. »Mein Vater war Seemann«, sagt Müller. Der Mittfünfziger läuft aufrecht, wirkt ausgeschlafen und vital. Er hat eine Familie gegründet, studiert noch mal, engagiert sich sozialpolitisch. Nach der Schule hatte Müller eine Ausbildung zum Segelmacher absolviert. »Damals standen hier noch nicht so viele Jachten von Westdeutschen rum«, lacht er und zeigt auf die Sportsegler im Hafen. Als er nach der Ausbildung keine Anstellung fand, ging er zur Bundeswehr. »Vielleicht auch, weil mein Vater selten da war in meiner Kindheit, ich mir meine Männlichkeit beweisen wollte«, meint Müller.

Im Jahr 2022 wurde der Stabsfeldwebel von seinem Chef um ein Gespräch gebeten. »Der MAD hat hier angerufen«, habe der Chef erklärt, nachdem die stählerne Bürotür hinter Müller ins Schloss gefallen war. Er solle sein junge Welt-Abo kündigen und aus der Genossenschaft austreten – wenn er sich und seiner Familie nicht schaden wolle. »Das hat mich dazu bewogen, noch einen Antrag auf Umwandlung zum Zeitsoldaten zu stellen – ich konnte dort einfach nicht bleiben.« Diesem Antrag wurde stattgegeben. Endlich.

Auf seinen Umgang mit junge Welt und ihrer Genossenschaft befragt, bat der MAD um »Verständnis dafür, dass der Militärische Abschirmdienst zu Angelegenheiten, die etwaige nachrichtendienstliche Erkenntnisse oder Tätigkeiten betreffen, grundsätzlich nicht öffentlich Stellung nimmt«. Mit dieser Antwort sei also »keine Aussage getroffen, ob der jeweilige Sachverhalt zutreffend ist oder nicht«, betonte der Sprecher auf jW-Anfrage am Freitag.

»Die Bundeswehr ist kein normaler Arbeitgeber, sie ist dein Dienstherr«, sagt Müller noch. »Du kannst nicht einfach kündigen. Sie bestimmt, wo du wie lange leben musst. Mich hat das fast das Leben gekostet.« Das könnten Jugendliche nicht verstehen, die sich für Jahrzehnte verpflichten oder sogar Berufssoldaten werden wollen. »Seit ich bei der Bundeswehr raus bin, sind die Schmerzen verschwunden«, meint er zum Abschied und lächelt. »Alle Symptome sind weg – ein völlig anderes Lebensgefühl.«

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.10.2026, Seite 3, Wochenendbeilage

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