Rotlicht: Klerikalfaschismus
Von Reinhard Lauterbach
Ende Januar gab es in Polen ein paar Tage lang öffentliche Aufregung über ein Posting des PiS-Europaabgeordneten Dominik Tarczyński. Er hatte die Ermordung von Alex Pretti durch die Einwanderungspolizei in Minneapolis auf seiner Facebook-Seite mit den Worten »Gut gemacht, ICE« kommentiert. Tarczyński ist Absolvent des Fachbereichs Recht und Kirchenrecht der Katholischen Universität Lublin, einer bekannten rechten Kaderschmiede. Nach dem Abschluss lebte er einige Jahre in London. Dort betätigte er sich in fundamentalistischen Kreisen, unter anderem als Laienassistent des führenden britischen Exorzisten.
Die Geister, die Tarczyński auszutreiben beansprucht, sind allerdings andere als die, die er beschwört: die enge Verbindung von katholischem Traditionalismus und dem europäischen Faschismus in der Zwischenkriegszeit. In ihr verschmolzen die antikommunistische Stoßrichtung des aufkommenden Faschismus mit der katholischen Abneigung gegen die bürgerliche Modernisierung. Wobei auf kirchlicher Seite zu den Gegnern sowohl die Arbeiterbewegung als auch der Liberalismus gezählt wurden. Während sich in Deutschland der Faschismus vorwiegend auf die evangelische Geistlichkeit stützen konnte, die eine seit preußischen Zeiten lebendige Tradition des Nationalismus pflegte – die heute vielgerühmte »Bekennende Kirche« bildete eine kleine Minderheit –, stützte sich der Faschismus im überwiegend katholischen Süd- und Osteuropa auf die Strukturen der katholischen Kirche. So beendete der Mussolini-Faschismus den Kampf des bürgerlichen Italiens gegen die weltlichen Einflüsse der Kirche und gewährte ihr in vorteilhaften Konkordaten großen Einfluss auf das Bildungssystem und restaurierte ihren riesigen Grundbesitz. Im Gegenzug bekam er unter den Päpsten Pius XI. und Pius XII. eine weitgehende politische Loyalität des Vatikans zu dem faschistischen System.
Italien war dabei nur ein Beispiel für diese Allianz von Thron und Altar. Der spanische Klerus stand im Bürgerkrieg auf der Seite der Franco-Putschisten; in Portugal stützte er den »Neuen Staat« von António Salazar, der erst 1974 durch die »Nelkenrevolution« gestürzt wurde. In Osteuropa waren die kroatische Ustascha-Bewegung und das Hlinka-Regime im deutschen Vasallenstaat Slowakei Beispiele dafür, dass katholisch geprägte Regime auch vor der direkten Allianz mit dem deutschen Faschismus nicht zurückschreckten – obwohl dieser im eigenen Land mit »Sittenskandalen« den Einfluss des katholischen Klerus zurückzudrängen suchte.
Das Ende des offenen Klerikalfaschismus kam nach dem Zweiten Weltkrieg parallel zur militärischen Niederlage des Faschismus in Italien und Deutschland. In Spanien verzögerte es sich bis zum Tod von General Franco 1975. Der Klerus setzte nun auf »christdemokratische« Formationen. Der Klerikalfaschismus verlor im übrigen seine strategische Bedeutung für die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse in dem Maße, in dem die Bindung der Bevölkerung an religiöse Überzeugungen nachließ: Er war nicht mehr anschlussfähig in den Massen und damit in seiner klassischen Form überflüssig geworden.
Polen ist gegenüber diesen Entwicklungen jahrzehntelang ein Sonderfall geblieben. Die Wahl von Karol Wojtyła zum Papst 1978 konservierte die selbst im kirchlichen Kontext ultrakonservative Linie des polnischen Episkopats bis über Wojtyłas Tod 2005 hinaus. Erst in den vergangenen Jahren nimmt der politische Einfluss der katholischen Kirche ab, dafür aber rasch. So zitierten polnische Medien anonyme PiS-Abgeordnete mit der Aussage, der Trump-Versteher Dominik Tarczyński sei ein leider unverbesserlicher Idiot. Auch in Polen trägt der moderne Faschismus ein eher weltliches Gesicht.
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