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Landesweite Proteste

Frankreich in Flammen

Polizeigewalt und Undercoverbeamte befeuern Proteste. 17jähriger Raphaël überlebt Schläge gegen den Kopf und Granatenbeschuss

Foto: Abdul Saboor/REUTERS
Eingehüllt in Tränengas: Demonstranten protestieren gegen die steigenden Lebenshaltungskosten (Paris, 18.10.2026)

Viele dachten, er sei an den Verletzungen gestorben. Der 17jährige Raphaël ist bei den Demonstrationen in Paris am 17. Oktober schwer von brutal agierenden Polizisten verletzt worden. Auf Videoaufnahmen, die im Internet kursieren, sah es so aus, als würde sein lebloser Körper von der Straße getragen. Das Onlineportal Impact Media France teilte am Montag auf X mit, dass Raphaël überlebt habe. Gegenüber dem Portal berichtete er, »dass er zwei Ablenkungsgranaten am Körper abbekommen habe, bevor er mehrfach geschlagen wurde, insbesondere am Kopf«. Das letzte, was er weiß, ist, dass Sanitäter eingriffen, um ihn zu retten. Danach habe Raphael das Bewusstsein verloren. Gegenüber Impact Media France beschreibt er das Vorgehen der Polizei: »Es ist eine Ungerechtigkeit, ein freies Lynchen, ein versuchter Mord.«

Die Mobilisierung der »neuen Gelbwesten« vom 17. Oktober 2026 übertraf alle Erwartungen – allen voran die von Innenminister Laurent Nuñez. Vielerseits unbeachtet bleibt die seit Jahren in der Kritik stehende Ordnungsdoktrin Frankreichs. Jahr für Jahr werden Spitzel, Panzer, Granaten, Agents provocateurs, enthemmte Militärs sowie überrüstete Bereitschaftspolizisten auf die Gesellschaft losgelassen. In vielen Städten Frankreichs kam es zur größtmöglichen Eskalation, als am Sonnabend Hunderttausende Studierende wie Azubis, Jugendliche und Arbeiter in allgemeinem Chaos gegen die neoliberale Ordnung die Straßen einnahmen. Für alle erwartbar, entlud sich die Gewalt zunächst an den Ordnungshütern, die in aller Überforderung versuchten, den Zugang zu Institutionen zu behindern.

Die Polizei war in den vergangenen Wochen brutal gegen die Schulstreiks vorgegangen – wie zuvor bereits gegen die Rentenproteste, die Umweltproteste, die Vorstadtproteste etc. Seit Mitte September gab es 8.000 vorübergehende Festnahmen und Dutzende Schwerverletzte. Das Feindbild Polizei ist in Frankreich mehr als nur Folklore. Es hat sich durch die rassistische Gewalt, die militärische Niederschlagung etlicher Aufstände und die zuletzt eingeführte Beweislastumkehr bei tödlichen Einsätzen unter Präsident Emmanuel Macron nur verfestigt. Diese Ablehnung kam am Sonnabend auch in den Regierungsvierteln an, als Zehntausende skandierten: »Et la police déteste tout le monde …« (»Und die Polizei hasst alle …«)

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Zahlreiche Videos dokumentieren mittlerweile die Gewalt, die am Sonnabend von als im »schwarzen Block« getarnten Undercoverpolizisten ausging: In Pantin schlägt ein unvermummter Polizist mit dem Schlagstock Scheiben eines Fastfoodrestaurants ein; in Reims wird ein steinewerfender Agent provocateur festgenommen, nachdem er gestellt wurde. Hinzu kommen die schrecklich normalisierten Prügelszenen am hellichten Tag wie jene gegen den 17jährigen Demonstranten Raphaël.

Dass die Regierung eine derartige Eskalation auch nicht durch nachrichtendienstliche Erkenntnisse absehen konnte, zeugt vom langjährigen Wegschauen, wenn es um soziale und ökologische Missstände geht. Nun zeigt man auf die Partei La France insou­mise, die »Gelbwesten«, Antifas und Anarchisten. Die Schüler, deren Proteste Premierminister Sébastien Lecornu noch vor wenigen Tagen als »viel zu diffus und gewaltbereit« einstufte, gelten plötzlich im Vergleich zu den Protesten vom 17. Oktober als Vorzeigedemonstrationen mit klaren Zielen. Denn die Forderungen der »neuen Gelbwesten« von Sonnabend nach einem bezahlbaren Leben gelten von seiten der Politik als unerfüllbar. Macron ist schon immer ignorant gewesen, wenn es um die Anliegen des kleinen Mannes geht. Seine Hinwendung zum Großkapital und seine Finanz- und Wirtschaftspolitik – die ja schon vor seiner Präsidentschaft begann – werden zum Kern seines Vermächtnisses werden. Einher geht dies mit einer rücksichtslosen, brutalen und die Gesellschaft als Feind begreifenden Ordnungsdoktrin. Dies wurde beim überraschenden Aufstand des 17. Oktober erneut deutlich – und verspricht auch für die Demonstrationen am kommenden Sonnabend keine Besserung.

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Erschienen in der Ausgabe vom 21.10.2026, Seite 6, Ausland

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