- → Inland
Lehrermangel bleibt
Der Staat erblickt im sinkenden Schüleraufkommen eine Sparmöglichkeit. Das würde den Mangel allerdings fortschreiben oder verschärfen, warnt die GEW
Weniger Kinder, dieselben Probleme: Die Schülerzahlen sinken und plötzlich scheint der Lehrkräftemangel beherrschbar. Eine neue Berechnung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zeigt, dass der Personalmangel an deutschen Schulen auch bei sinkenden Schülerzahlen fortbestehen dürfte. Jahrzehntelange Fehlplanung, unzureichende Ausbildungskapazitäten und schlechte Arbeitsbedingungen verschwinden nicht einfach, wenn die Bevölkerung schrumpft.
Die Zahl der Schülerinnen und Schüler in Deutschland soll nach den aktuellen Prognosen zunächst noch auf rund 11,4 Millionen steigen und ab 2028 kontinuierlich sinken, auf etwa 10,2 Millionen im Jahr 2040. Und tatsächlich zeigen die Modellrechnungen der Kultusministerkonferenz (KMK) für einzelne Lehramtstypen perspektivisch sogar ein Überangebot. So einfach ist es allerdings nur, wenn man Schule als Rechenaufgabe im Matheunterricht betrachtet.
Der Rechenfehler ergibt sich daraus, dass ein Kind keine Variable und eine Lehrkraft keine beliebig verschiebbare Rechengröße ist. Genau hier setzt eine neue Berechnung der GEW an. Denn wenn die Schülerzahlen sinken, könnten Klassen kleiner werden, Lehrkräfte hätten mehr Zeit für einzelne Schülerinnen und Schüler, Förderangebote könnten ausgebaut werden. Oder man könnte die Entwicklung als Sparprogramm lesen: weniger Kinder, weniger Personal, Problem erledigt. Bei einer reinen Fortschreibung der bisherigen Schüler-Lehrkräfte-Relation würde der Bedarf bis 2040 rechnerisch um rund 100.000 Stellen zurückgehen. Die GEW warnt genau vor diesem Kurzschluss. Allein für zusätzliche Aufgaben wie Ganztag, Inklusion und die Unterstützung von Schulen in besonders herausfordernden sozialen Lagen setzt die Gewerkschaft einen Bedarf von bis zu 60.000 zusätzlichen Lehrkräften an.
Auch die Entwicklung des Lehrkräfteangebots selbst ist weniger eindeutig, als die nackte Zahl vermuten lässt. Der Lehrkräftemangel wird seit Jahren durch Quereinstieg abgefedert. An allgemeinbildenden Schulen stieg der Anteil der Lehrkräfte ohne anerkannte Lehramtsprüfung von 5,6 Prozent im Schuljahr 2012/13 auf 9,8 Prozent 2022/23, rund 60.800 Personen. Unklar ist, wie viele der derzeit befristet beschäftigten Lehrkräfte ohne Lehramtsausbildung künftig weiterarbeiten dürfen.
Dazu zeigt bereits die aktuelle KMK-Prognose, dass der vermeintliche Überschuss keineswegs überall entsteht. Die Lage bleibt je nach Schulform höchst unterschiedlich. Besonders absurd wäre es deshalb, einen rechnerischen Überschuss an einer Schulform gegen einen tatsächlichen Mangel an einer anderen auszuspielen. Eine Grundschullehrkraft lässt sich schließlich nicht einfach in eine Berufsschule versetzen. Während die Schülerzahl insgesamt sinken soll, wird dort sogar ein Anstieg von derzeit rund 2,26 Millionen auf etwa 2,4 Millionen Schülerinnen und Schüler erwartet. Damit ist die erste Rechnung bereits widerlegt: Weniger Schülerinnen und Schüler bedeuten nicht automatisch weniger Lehrkräftebedarf.
Und es gibt noch einen weiteren Punkt, der in einer solchen Rechnung schwerer wiegt als jede Nachkommastelle: die soziale Lage der Kinder. Gerade die Schulen in sozial benachteiligten Lagen machen deutlich, warum die Rechnung nicht bei der Zahl der Schülerinnen und Schüler aufhören kann. Deutschland gehört zu den OECD-Ländern, in denen der Bildungserfolg besonders stark von der sozialen Herkunft abhängt.
Auch hier stellt sich eine weitergehende Frage: Was passiert, wenn soziale Unsicherheit und Prekarisierung in den kommenden Jahren nicht ab-, sondern zunehmen? Schon heute leben rund zwei Millionen Kinder in Deutschland in Haushalten, die auf Grundsicherungsleistungen angewiesen sind. Genau darin liegt eine Schwäche rein demografischer Modellrechnungen: Die Zahl der Kinder lässt sich prognostizieren. Ihre Lebensbedingungen finden jedoch keinen Platz in den Prognosen. Was ist mit wachsender Armut? Was ist mit Kindern, die zusätzliche Sprachförderung benötigen? Was ist mit psychischen und sozialen Belastungen?
Die sinkenden Schülerzahlen könnten also tatsächlich eine Chance sein. Lehrkräfte könnten mehr Zeit für einzelne Kinder haben und Schulen in sozial benachteiligten Lagen könnten endlich die zusätzliche Unterstützung bekommen, die sie längst benötigen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht: Wie viele Lehrkräfte brauchen wir künftig weniger? Sondern: Was wollen wir Kindern künftig überhaupt ermöglichen? Denn wer weniger Kinder einfach mit weniger Personal verrechnet, hat vielleicht im Matheunterricht gut aufgepasst. Die Bildungspolitik hat er damit noch lange nicht verstanden.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
