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Italien

»Lungen voll mit Blut«

Italien: Aufnahmen von Bodycams nach Tod bei Polizeieinsatz freigegeben. Obduktion deutete bereits auf Gewaltanwendung

Von Amelie E. Höcker
Foto: Michele Lapini/REUTERS
Nach dem Tod des Marokkaners: Tausende protestieren gegen Polizeigewalt und Rassismus (Bologna, 20.7.2026)

Vier qualvolle Minuten. So lang soll der Teil des Videos sein, auf dem zu sehen ist, wie Abderrahim Fakir stirbt. Die Bodycam-Aufnahmen der letzten Augenblicke von Fakirs Leben sollen nun neue Erkenntnisse über seinen Tod bringen. Der 42jährige Marokkaner war am 19. Juli in Bologna gestorben, nachdem zwei Polizisten ihn zu Boden gedrückt und dort fixiert hatten. Sein Tod führte in Italien zu Massenprotesten gegen Polizeigewalt und Rassismus.

Erste Obduktionsergebnisse teilte Fabio Anselmo, Anwalt der Familie Fakir, am 25. Juli in einem Interview mit dem Portal Morocco World News mit: Die Lunge sei »voll mit Blut« gewesen und es gebe Anzeichen von Erstickung. Der vollständige Autopsiebericht mit der genauen Todesursache werde allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht.

Beschuldigt sind sechs Personen: zwei Polizisten, die Fakir minutenlang am Boden fixierten, während er nach Hilfe schrie, und vier in den Einsatz involvierte Mitarbeiter des Roten Kreuzes, die unbeteiligt am Rand des gewaltsamen Geschehens standen, ohne zu helfen. Die italienische Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sie wegen fahrlässiger Tötung.

Am Donnerstag ordnete die Staatsanwaltschaft die forensische Untersuchung der Bodycam-Aufnahmen an. Die Kopien wurden am Montag sowohl von den Anwälten der Familie Fakir als auch von der Verteidigung der Beschuldigten angefordert. Die Bildqualität sei gut, die Tonaufnahme müsse aber bereinigt werden, schrieb Morocco World News am Montag abend unter Berufung auf die Juristen.

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Gegenüber der italienischen Tageszeitung La Repubblica erklärte Anselmo, dass es sich um insgesamt 40 Minuten Videomaterial handle, von denen vier Minuten besonders relevant für das Verfahren seien. Insbesondere die Gespräche zwischen den Beamten sollen ein vollständiges Bild der Geschehnisse ermöglichen. Anselmo kritisiert, dass bereits im Vorfeld Ausschnitte aus dem Material an Medien weitergegeben und veröffentlicht wurden.

Nicht nur bezüglich der Videoaufnahmen sei Anselmo mit der Arbeit der Behörden in dem Fall unzufrieden, berichtet La Repubblica. So sei das Mobiltelefon des Getöteten am 22. Juli beschlagnahmt, aber erst eine Woche später versiegelt worden. Dementsprechend könne eine Datensicherheit der Beweise nicht gewährleistet werden. Auch das Verhalten der Staatsanwaltschaft sei problematisch: »Wir stellen eine merkwürdige und wenig kooperative Haltung seitens des Sachverständigen der Staatsanwaltschaft fest«, so Anselmo. »Die Auswertung des Telefons muss (…) im Beisein der Parteien erfolgen, auch per Videokonferenz, doch er will sie eigenmächtig durchführen.«

Während Anselmo mit den Behörden ringt, kehrten die beschuldigten Polizisten am Montag an den Arbeitsplatz zurück. Die Zeitung Il Resto del Carlino schreibt, dass die Männer vorerst im Innendienst eingesetzt würden und mit Solidarität von ihren Kollegen empfangen worden sein sollen. Auch Regierungsvertreter hatten sich hinter die Beamten gestellt und insbesondere rechte Medien hatten Fakir die Schuld an seinem Tod gegeben. Gegenüber dem marokkanischen Nachrichtenportal Le360 verurteilte der Anwalt der Familie eine solche Darstellung. Er gab an, dass es sich um eine teils KI-generierte Falschinformationskampagne handele, »die technisch inszeniert und kein Zufall war«.

Maurizio Ambrosini, Migrationssoziologe an der Universität Mailand, sieht einen Zusammenhang zwischen der rassistischen Berichterstattung und den massenhaften Grenzübertritten in die spanische Exklave Ceuta in den letzten Julitagen. Gegenüber Reuters sagt er vor einer Woche, dass Fälle wie der von Abderrahim Fakir durch eine migrationsfeindliche Debatte verstärkt werden: »Wenn wir sie nicht als Menschen aus Fleisch und Blut betrachten, sondern als abstraktes Phänomen, fällt es leichter, das Problem ohne allzu viel Aufhebens oder menschliche Rücksichtnahmen anzugehen.«

Fakir kam 1995 als sechsjähriger Junge nach Bologna. Kurz vor seinem Tod fürchtete er, zurück nach Marokko abgeschoben zu werden. Seine Migrationsanwältin Barbara Spinelli erklärte in einem Reuters-Interview, dass seine Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen war und die Einwanderungsbehörde ihren Mandanten bei deren Erneuerung behinderte. Nun soll Fakir nach seinem Tod doch nach Marokko zurückkehren. Seine Angehörigen waren nach Angaben von Bologna Today bereits am vergangenen Wochenende von Italien nach Casablanca gereist, um dort eine Trauerfeier abzuhalten – vorerst allerdings ohne Fakirs Leichnam. Diese liegt noch bei den italienischen Behörden und ist nicht zur Überführung freigegeben.

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.08.2026, Seite 7, Ausland

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