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Aus: Ausgabe vom 03.01.2026, Seite 12 / Thema
Pieck

Immer im Zentrum

Arbeiter, Revolutionär, Präsident: Wilhelm Pieck zum 150. Geburtstag
Von Leo Schwarz
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Hoch lebe die sozialistische Republik: Wilhelm Pieck spricht am 5. Januar 1919 auf der Berliner Siegesallee zu revolutionären Arbeitern und Soldaten

Im Januar 1989 wurde Wilhelm Pieck der DDR-Öffentlichkeit, der er durch den zum Parteiemblem gewordenen »Händedruck« mit Otto Grotewohl von 1946 und die nach ihm benannten Straßen, Schulen und Betriebe zumindest im Hintergrund stets präsent war, auf ungewohnte Weise in Erinnerung gerufen. Im Neuen Deutschland erschien am 12. Januar 1989 ein Artikel des Historikers Heinz Kühnrich unter der Überschrift »Zum Brief Wilhelm Piecks an Manuilski (1939)«.

In diesem Brief »betr. die Verhaftungen von Emigranten«, der vollständig abgedruckt wurde, wies Pieck den führenden Funktionär der Kommunistischen Internationale Dmitri Manuilski darauf hin, dass er fast zwei Monate zuvor NKWD-Chef Lawrentij Berija um eine Unterredung gebeten habe, »in der ich ihm eine Reihe von Fällen verhafteter Emigranten vortragen wollte, von denen ich und die anderen verantwortlichen deutschen Genossen in der Komintern überzeugt sind, dass sie sich keiner verbrecherischen Handlung gegen die Sowjetunion schuldig gemacht haben«. Er habe »keine Antwort auf meine Bitte erhalten« und wolle, da er im April 1938 schon ohne Erfolg den damaligen NKWD-Chef Jeschow um eine Unterredung gebeten habe, sich nun »in dieser Angelegenheit an den Genossen Stalin wenden«. Pieck bat Manuilski, zuvor mit Berija zu klären, »ob er eine solche Unterredung mit mir machen will oder nicht«: »Die Angelegenheit ist sehr wichtig, und ich bitte um Deine Hilfe.«

Kühnrich erläuterte dazu, das im Parteiarchiv der KPdSU in Moskau aufgefundene Dokument zeige, dass sich Pieck »unter Einsatz seiner ganzen Person« für die verhafteten Genossen verwendet habe. Allerdings ging es bei dieser Veröffentlichung gar nicht in erster Linie um Pieck. Der Beitrag war – nach den einschlägigen Passagen in den 1988 vom ZK der SED beschlossenen Thesen zum 70. Jahrestag der Gründung der KPD – der nächste Schritt, um den Boden für eine über die knappe Formel »unter falschen Anschuldigungen verhaftet« hinausgehende Debatte über Verfolgung und Tod deutscher Kommunisten im sowjetischen Exil vorzubereiten und dieses Thema nicht mehr länger dem politischen Gegner zu überlassen. Hier sollte vor allem der damals nach jahrelanger Vorbereitung fast fertiggestellte zweite Band der neuen vierbändigen »Geschichte der SED« einen großen Schritt nach vorn machen. Er ist bedauerlicherweise nicht mehr erschienen, und ab 1990 gab der antikommunistische Sog Takt und Deutung der »Enthüllungen« zur Parteigeschichte vor.

Ein interessanter Nebenaspekt dieser publizistischen Episode ist der »Umweg« über Pieck. Man hätte andere Dokumente vorlegen können, entschied sich aber für diesen Brief. Pieck schrieb ihn als Vorsitzender der KPD, zu dem ihn 1935 die Brüsseler Konferenz und 1939 die Berner Konferenz für die Dauer der Inhaftierung Ernst Thälmanns bestimmt hatten. Aber wichtiger noch war wohl: Der ehemalige Staatspräsident war für viele Menschen in der DDR lange nach seinem Tod weiterhin eine Autorität, und es lag nahe, sich diesem in jeder Hinsicht schwierigen Thema mit der prominenten Veröffentlichung dieses Briefes zu nähern.

Keine Biographie

Weitere dreieinhalb Jahrzehnte später lässt sich nicht mehr behaupten, dass der Kommunist Wilhelm Pieck noch vielen Menschen ein Begriff ist. Zwar haben bis heute in der entlegenen ostdeutschen Provinz ein paar Wilhelm-Pieck-Straßen die geschichts- und erinnerungspolitische Auslöschung des Sozialismus überstanden, aber es gibt Leute, die daran arbeiten, auch das zu ändern. Und die Linke in der Bundesrepublik, die stets und ganz besonders nach 1990 anfällig war für antikommunistische Erzählungen, hat weiterhin überwiegend kein oder allenfalls ein auf Distanzierung bedachtes Interesse an der konkreten Geschichte der KPD bzw. der DDR. Sie ist auf eine merkwürdige Weise »geschichtslos«. In kaum einem anderen Land könnte ein kommunistischer Politiker mit der Lebensgeschichte Piecks so gründlich vergessen werden wie in Deutschland. Pieck trifft diese deutsche Ignoranz doppelt – er war »nur« Parteifunktionär und hat außer Reden und kleinen programmatischen Schriften kein schriftliches Werk hinterlassen, das wenigstens in Lesekreisen für unbrauchbar erklärt werden könnte.

Pieck hat folglich nach 1990 trotz der Öffnung der Archive und einer als sehr gut zu bezeichnenden Quellenlage keinen Biographen gefunden. Noch immer ist der »biographische Abriss« von Heinz Voßke und Gerhard Nitzsche von 1975 die einzige verfügbare umfangreichere biographische Darstellung. Für jene kleine Industrie, die »Abweichler«, Ausgetretene und Ausgeschlossene egal welcher Richtung ins Licht rückt – nur diese für die Anklage des »Parteikommunismus« mehr oder weniger brauchbare Nischenproduktion hat der antikommunistische Mainstream nach 1990 weiter goutiert –, war Pieck nicht interessant. Er gehörte zu der Handvoll Genossen, die sich nach der Bewilligung der Kriegskredite durch die SPD-Reichstagsfraktion am Abend des 4. August 1914 in der Wohnung von Rosa Luxemburg zusammenfanden, um über die nächsten Schritte zu beraten; er gehörte der am 11. November 1918 gebildeten ersten Zentrale des Spartakusbundes an; er leitete zusammen mit Jacob Walcher die Verhandlungen beim Gründungsparteitag der KPD, stand danach stets in der ersten Reihe der Partei und beschloss sein Leben als Präsident des sozialistischen deutschen Staates – Pieck verkörpert also gleichsam eine Kontinuität, die zu bestreiten die Erzählung von der »Wandlung des deutschen Kommunismus« überhaupt erst in Stellung gebracht worden ist.

Unter Berücksichtigung dieser Umstände erscheint die Nichtbefassung beinahe wie ein kleiner Sieg: Sie bedeutet eben auch, dass Pieck mit seinen fünf Jahrzehnten Arbeit in der revolutionären Arbeiterbewegung nicht zum Unsympathen in einem antikommunistischen Bilderbuch taugt. Vielleicht verhält es sich sogar umgekehrt: Schaut man näher hin, bleiben Sympathien nicht aus.

Geistesgegenwärtig

Pieck war vieles zugleich oder nacheinander: Gewerkschafter, Funktionär der Bebel-SPD, Parlamentarier in Bremen und Berlin, im preußischen Landtag und im Reichstag, Antimilitarist, Aktivist der revolutionären Linken in der deutschen Sozialdemokratie vor dem und im Ersten Weltkrieg, Gründungsmitglied der KPD, Beteiligter des Berliner Januaraufstandes 1919, Mitglied der Parteiführung der KPD, Vertreter der KPD im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI), später Mitglied des Präsidiums des EKKI bis zur Auflösung der Komintern 1943, Mitbegründer der Internationalen Roten Hilfe und Vorsitzender der Roten Hilfe Deutschlands, zusammen mit Walter Ulbricht Hauptakteur bei der Umstellung der Partei auf die Linie des VII. Weltkongresses, Mitbegründer des Nationalkomitees »Freies Deutschland«, Mitbegründer und Vorsitzender der SED, Staatspräsident der DDR.

Pieck war vielfach Beteiligter oder doch zumindest Zeuge von Ereignissen, die bis heute beschäftigen. Er öffnete am Abend des 15. Januar 1919 die Tür zu jener Wohnung, in der kurz zuvor Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg von der Wilmersdorfer Bürgerwehr überrascht worden waren. Dahinter warteten die Regierungsbüttel, die ihn zusammen mit Rosa Luxemburg in das Eden-Hotel fuhren. Dort stand Pieck auf einem Flur mit dem Gesicht zur Wand, während die beiden KPD-Führer nacheinander aus dem Hotel gebracht und ermordet wurden. Pieck, der sich kurzentschlossen gegenüber Waldemar Pabst, dem Organisator der Morde, mit einem falschen Ausweis als bürgerlicher Journalist ausgab, ist damals nur knapp dem Tod von der Schippe gesprungen. Er konnte, zur Überprüfung seiner Angaben verlegt, zwei Tage später entkommen. Noch zweimal geriet Pieck in diesem Jahr der triumphierenden Konterrevolution in Haft und konnte jedes Mal mit Hilfe von Genossen wieder fliehen.

Dabei war ihm womöglich eine Geistesgegenwart nützlich, die er während des Ersten Weltkrieges erlernen musste. Seit 1915 Organisator von Antikriegsdemonstrationen und 1916 Mitbegründer der Spartakusgruppe, setzte er sich im Oktober 1917 aus einem Truppentransport ab, arbeitete im Untergrund in Berlin und ging Anfang 1918 im Auftrag der Spartakusgruppe illegal über die Grenze in die neutralen Niederlande, wo er sich an Herstellung und Vertrieb revolutionärer Literatur beteiligte. Mindestens einmal betätigte er sich selbst als Kurier, brachte dieses Material nach Berlin und kehrte anschließend wieder in die Niederlande zurück. Im Oktober 1918 endgültig wieder in Berlin, bewegte sich Pieck in den folgenden Monaten immer im Zentrum der revolutionären Ereignisse dort.

Er war für die Spartakusgruppe Mitglied des Vollzugsausschusses der revolutionären Obleute, und der Aufruf vom 8. November, mit dem die Arbeiter für den Folgetag zum Generalstreik und zum Kampf für die »sozialistische Republik« aufgerufen wurden, trägt auch seine Unterschrift. Pieck war an der Seite Liebknechts, als der am Abend des 10. November in der Vollversammlung der Arbeiter- und Soldatenräte im Zirkus Busch im Namen der »Einigkeit« niedergeschrien wurde, nachdem er gewarnt hatte, die rechten Sozialdemokraten im »Rat der Volksbeauftragten« seien die »Gegenrevolution«. Es gibt ein Foto, das Pieck als Redner auf einem Fahrzeugdach bei der Massendemonstration am 5. Januar 1919 zeigt, zu seinen Füßen ein Maschinengewehr.

Mit dieser Vorgeschichte gehörte Pieck in der KPD-Führung schon vor 1933 zu den »Alten« – ein Eindruck, der durch sein früh weiß gewordenes Haar noch unterstrichen wurde. In der Thälmann-KPD war Pieck tatsächlich ein bis zwei Jahrzehnte älter als die meisten anderen führenden Funktionäre, und nach 1946 war er für viele Mitarbeiter im »Haus der Einheit« schlicht »der Alte«.

Der erste Parteisekretär

Aber auch »der Alte« war Jahrzehnte zuvor ein Genosse, der anfangen musste. Pieck wuchs nicht in einem Zentrum der Arbeiterbewegung auf, sondern in einem preußischen Provinzstädtchen. Sein Elternhaus stand in dem Teil Gubens, der östlich der Neiße und damit heute in Polen liegt. Piecks Vater war Kutscher. Die Mutter starb, als Pieck zwei Jahre alt war. Die schulische Laufbahn beendete er als 14jähriger und erlernte dann das Tischlerhandwerk. Erst auf der Wanderschaft kam Pieck mit der Arbeiterbewegung in Berührung. In Braunschweig trat er 1894 dem Holzarbeiterverband und in Marburg 1895 der SPD bei. In Bremen blieb er 1896 hängen, heiratete 1898 und wurde dort schon 1900 im Alter von 24 Jahren Vorsitzender der »Zahlstelle« des Holzarbeiterverbandes. Von 1905 bis 1910 war Pieck Abgeordneter der Bürgerschaft.

In Bremen begann im Juli 1906 – bis dahin hatte er in seinem Tischlerberuf gearbeitet – auch seine Zeit als hauptamtlicher Parteifunktionär. Bis 1910 war er Parteisekretär der SPD in der Hansestadt. Solche Parteisekretäre gab es damals noch nicht lange in der SPD, und Pieck war der erste in Bremen. In dieser Rolle war er nicht der lokale »Parteichef« (der sozialdemokratische Verein Bremen, der Pieck nach dessen Wahl in einer Mitgliederversammlung im Juni 1906 anstellte, hatte einen eigenen Vorstand), sondern eine Art politischer Geschäftsführer, der in Vollzeit für die Partei tätig war. Sein »Aufgabengebiet«, so ist einer Mappe mit Dokumenten aus der Bremer Zeit in Piecks Nachlass zu entnehmen, waren unter anderem »Agitation«, »Kasse« und die diversen Wahlfonds, dazu noch Presse- und Bildungsarbeit. Im Anstellungsvertrag war geregelt, dass das Gehalt »während der Dauer einer Freiheitsstrafe, die Herr Pieck infolge Ausübung seiner Berufstätigkeit erleidet«, weitergezahlt wird. Der 30jährige erwies sich als ausgesprochen fähiger Parteisekretär. In den vier Jahren seiner Tätigkeit stieg die Zahl der Parteimitglieder in Bremen von 5.600 auf über 10.000, die der Abonnenten des Bremer Parteiblatts von 13.000 auf über 17.000.

Im Frühjahr 1910 verließ Pieck Bremen und wechselte als 2. Sekretär in das Büro des zentralen Bildungsausschusses der SPD in Berlin. Dort, an der 1906 eröffneten Parteischule in der Lindenstraße, hatte er 1907/08 einen mehrmonatigen Kurs besucht. Zu den Lehrern dort gehörten Rosa Luxemburg und Franz Mehring. Nun war Pieck selbst in der sozialdemokratischen Bildungsarbeit tätig. Mit Vorträgen etwa über »unsere Taktik« und über aktuelle politische Fragen trat er Woche für Woche in SPD-Mitgliederversammlungen in Berlin und im Umland auf. Dazu trat ab 1914 die Organisationsarbeit für die linke Antikriegsopposition in der Partei. Im Dezember 1916 wurde Pieck deswegen vom Parteivorstand als Sekretär des Bildungsausschusses abgelöst.

Es war Pieck, der den Gründungsparteitag der KPD »mit einem Hoch auf die internationale sozialistische Revolution, in das der Parteitag begeistert einstimmt«, beendete. Der Zentrale bzw. dem Zentralkomitee der KPD gehörte Pieck zwischen 1919 und 1946 ununterbrochen an. Schon das allein macht ihn zu einem Solitär. Pieck nahm im Februar 1933 an der illegalen Funktionärskonferenz im Sporthaus Ziegenhals und am 27. Februar, dem Abend des Reichstagsbrands, an der letzten Sitzung des Politbüros in einem Lokal in Lichtenberg teil. Im Mai ging er auf Beschluss der Partei ins Exil. Im August 1933 stand sein Name auf der ersten Ausbürgerungsliste der Nazis.

Ausgleich und Vermittlung

Am 1. Juli 1945 kehrte Pieck aus dem Moskauer Exil nach Berlin zurück. Die neuerdings wieder vehementer vorgetragene Erzählung, die KPD-Spitze sei mit dem festen Vorsatz nach Deutschland zurückgekehrt, eine »kommunistische Diktatur« in einem Separatstaat zu errichten, hat wie eh und je das Problem, dass sie kein Quellenmaterial vorweisen kann, um diese Behauptung zu stützen. Es sind insbesondere auch die in den 1990er Jahren bekanntgewordenen Aufzeichnungen Piecks, die unabweisbar zeigen, dass das Ziel, ein antifaschistisch-demokratisches und neutrales Gesamtdeutschland zu schaffen, der tatsächliche Kern sowohl der sowjetischen Deutschland-Politik als auch der Nachkriegskonzeption der deutschen Kommunisten war. Erst infolge der fortschreitenden Modifikation dieser Konzeption, die nötig und überhaupt erst möglich wurde, weil die westlichen Besatzungsmächte und ihre deutschen Verbündeten schon 1946 unübersehbar auf einen Kurs der gesellschaftlichen Restauration und der Spaltung des Landes eingeschwenkt waren (wozu natürlich auch die Zurückweisung aller Vorstöße in der Richtung einer Ausdehnung der SED über die sowjetische Zone hinaus gehörte), wurden die Karten neu gemischt – und das auch nicht sofort, sondern in Etappen bis 1952.

Zahlreich sind die Zeugnisse, die belegen, dass Pieck als Vorsitzender der SED seine Rolle vor allem darin sah, hinter den Kulissen sehr bestimmt auf einen Ausgleich zwischen den Temperamenten, politischen Stilen und Sichtweisen hinzuwirken. Schon vor der Öffnung der Archive war das den 1966 postum veröffentlichten Erinnerungen Erich W. Gniffkes zu entnehmen: Immer wieder tritt darin Pieck bei den Konflikten vor und nach der Gründung der SED als ein auf Sicherung der »Einheit« bedachter Vermittler und gleichsam als Kontrast zum schroffen Ulbricht in Erscheinung (ohne dass daraus der Schluss zu ziehen wäre, Pieck habe eine andere Linie als Ulbricht vertreten). Noch am Abend vor dem Abgang des aus der SPD gekommenen Mitglieds des SED-Zentralsekretariats Richtung Westen suchte Pieck Gniffke zusammen mit Grotewohl im Westteil Berlins auf und beschwor ihn, »mein Vorhaben nicht auszuführen«: »Ich fühlte, dass es dem alten Mann sehr ernst war.«

Nachdem Pieck im Oktober 1949 zum Präsidenten der DDR gewählt worden war, schied er nach und nach aus der kleinteiligen Arbeit des SED-Politbüros aus. Er gehörte dem politischen Führungsgremium der Partei bis zu seinem Tod formell an, achtete in seinem neuen Amt aber früh und merklich darauf, mit den Parteidingen nicht mehr unmittelbar zu tun zu haben. Dazu traten spätestens 1953 die Einschränkungen infolge seiner zunehmend angegriffenen Gesundheit. So kam es, dass bei späteren Politbürositzungen mit Otto Grotewohl oft nur noch einer der beiden Vorsitzenden, die die SED bis 1954 hatte, zugegen war. Während der Junikrise 1953, die mit einem offenen und scharfen Konflikt im Politbüro einherging, weilte Pieck zu einer mehrmonatigen Kur in der Sowjetunion, von der er erst im August zurückkehrte. »In den Diskussionen mit Arbeitern ist häufig festzustellen, dass dem Genossen Pieck großes Vertrauen entgegengebracht wird«, heißt es in einem keiner Schönfärberei verdächtigen, für einen kleinen Leserkreis bestimmten Stimmungsbericht der Staatssicherheit aus jenen Tagen.

Pieck wurde 1949 Präsident eines Landes, das nicht als sozialistischer Separatstaat, sondern als Keimzelle eines antifaschistisch-demokratischen Gesamtdeutschlands entwickelt werden sollte, nachdem ein westdeutscher Separatstaat geschaffen worden war, dessen politische Geschäftsgrundlage nicht der Antifaschismus, sondern der Antikommunismus war. Dieser Antikommunismus nahm einmal mehr Pieck ins Visier. Die »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« brachte eine gefälschte 24-Pfennig-Briefmarke in Umlauf, die das Bild Piecks mit einem Strick um den Hals zeigte. Außerdem war, in unverkennbarer, wenn auch »demokratisch« angereicherter Nazidiktion, der Landesname in »Undeutsche Undemokratische Diktatur« geändert worden. Pieck wird das nicht beeindruckt haben: den mörderischen Hass der Konterrevolution hatte er 1919 buchstäblich im Nacken gespürt.

Mit roter Fahne

Zum Zeitpunkt von Piecks Tod hatte sich die gesamtdeutsche Perspektive für die SED noch immer nicht gänzlich erledigt, war aber doch, das hatte der V. Parteitag der SED 1958 gezeigt, zugunsten einer klaren Orientierung auf den »Sieg des Sozialismus« in der DDR zurückgetreten. Es war also durchaus folgerichtig, das am deutlichsten an die vorsozialistische Zeit erinnernde Element der staatlichen Konstruktion – eben das Amt des Präsidenten – nach dem Tod des Amtsinhabers wegfallen zu lassen und durch einen Staatsrat zu ersetzen.

Seit 1956 hatte Pieck sein Amt krankheitsbedingt nur noch eingeschränkt ausüben können. 1957 nahm er zum letzten Mal an einer ZK-Tagung teil, beim Parteitag im Juli 1958 nur noch an der Eröffnungssitzung, bei der er nach dem Brauch der Zeit ins Präsidium gewählt wurde, aber keine aktive Rolle mehr spielte. Als der von Krankheit gezeichnete und zuletzt auf einen Rollstuhl angewiesene Pieck am 7. September 1960 in seinem Wohnhaus am Majakowskiring in Berlin-Niederschönhausen starb, rief das auch abseits der offiziellen und amtlichen Beileidsbekundungen sehr viele Äußerungen authentischer Trauer hervor. Als der mit einer roten Fahne und einer Fahne der DDR bedeckte Sarg durch Berlin gefahren wurde, standen Hunderttausende Menschen in den Straßen.

Es war Pieck, der, als nach 1945 kurz darüber nachgedacht wurde, das von den Nazis zerstörte KPD-Revolutionsdenkmal auf dem Friedhof in Berlin-Friedrichsfelde wieder aufzubauen, darauf bestand, dass dort statt dessen eine Gedenkstätte für alle Toten der sozialistischen Arbeiterbewegung geschaffen wird. Auch Piecks Urne ist dort beigesetzt worden. Mag sein, dass der »Arbeiterpräsident« in den 40 Jahren DDR ihr einziger in einem umfassenderen Sinn »populärer« Politiker der ersten Reihe war. Er war Kommunist und ein Politiker der Arbeiterklasse, aus der er selber kam. Solche Menschen gab es einmal sogar in Deutschland.

Leo Schwarz schrieb an dieser Stelle zuletzt am 22.11.2025 über den Abgang von Herbert Häber und Konrad Naumann aus dem SED-Politbüro 1985.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralph D. aus Gotha (3. Januar 2026 um 19:35 Uhr)
    Die Erinnerung an Wilhelm Pieck ist wichtig. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass er eigentlich als Dritter vorgesehen war, 1919 nach Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg von Soldaten der rechten konterrevolutionären Garde – Kavallerie – Schützen – Division ermordet zu werden. Nur durch glückliche Umstände entging er seinem Schicksal. In einem zehn Jahre später geführten Prozess gegen einen Journalisten trug er als Zeuge mit dazu bei, dass sich dort herausstellte, dass der mit der Untersuchung des Mordes an Karl und Rosa befasste Ermittlungsrichter deren Mörder gedeckt hatte. Ralph Dobrawa, Gotha
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christoph H. (2. Januar 2026 um 20:16 Uhr)
    Informativ und gut geschrieben. Eine kleine Kritik zu folgender Passage: »Der 30jährige erwies sich als ausgesprochen fähiger Parteisekretär. In den vier Jahren seiner Tätigkeit stieg die Zahl der Parteimitglieder in Bremen von 5.600 auf über 10.000, die der Abonnenten des Bremer Parteiblatts von 13.000 auf über 17.000.« - Diese Zuwächse liegen genau im kräftigen Wachstumstrend dieser Jahre für die SPD insgesamt. Ein fähiger Parteisekretär kann Pieck natürlich trotzdem gewesen sein. Nur sind die genannten Zahlen nicht logischerweise ein Beleg dafür - non sequitur.

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