Verlorene Dynamik
Bewegung, Rituale, Mythen: Roman Danyluks lesenswertes Buch über die autonome Bewegung der 1980er Jahre
Wenn Roman Danyluk schreibt, dann schreibt er viel. Sein Buch über die Bewegung 2. Juni, »Blues der Städte« (2019), hatte 548 Seiten, das über die bayerische Räterepublik, »Unter sticht Ober« (2022), 424. Nun ist unter dem Titel »Wenn der Himmel brennt« ein 516-Seiten-Band zur autonomen Bewegung der 1980er Jahre erschienen.
Danyluk erklärt im Vorwort: »Die stringente Konzentration auf das rebellische Jahrzehnt der Autonomen von 1979 bis 1989 dient dazu, die turbulente Entstehung, das erfrischend Neuartige sowie die gegenkulturelle Strahlkraft dieser Bewegung ausreichend darstellen und besprechen zu können.« Gegen Ende des Buches konstatiert er, dass der Bewegung am Schluss des Jahrzehnts die Kraft ausging: »Der Zustand der Autonomen war spätestens 1988 viel zu desolat, um noch die Kurve zu kriegen.«
Der Autor hält die autonome Bewegung der 1980er Jahre für die »letzte größere, zusammenhängende sozialrevolutionäre Bewegung in der jüngeren Geschichte Deutschlands«. Er stellt fest, dass sie »auf viele Menschen eine faszinierende Anziehungskraft« ausübte. Sie habe nichts zu tun haben wollen mit »inkonsequentem Geschwafel, faulen Kompromissen und vertröstendem Reformismus«. Ein zentrales Kennzeichen der Autonomen war für Danyluk die Abgrenzung zur »traditionellen« Linken und ihrer Stellvertreterpolitik. Autonome Politik war »Politik der ersten Person«.
Im ersten Kapitel seines Buches umreißt Danyluk die »gesellschaftlichen Rahmenbedingungen« des »schwarz-roten Jahrzehnts«. Er holt dabei weit aus. Es geht um den NATO-Doppelbeschluss, das Yen-Dollar-Abkommen, Neutronenbomben und vieles mehr. Im zweiten Kapitel steckt Danyluk die autonomen Themenfelder ab, von »subkultureller Verweigerung« bis zum »Kampf gegen Faschismus und Rassismus«. Kapitel drei bietet eine Chronologie der Bewegung. Kapitel vier bemüht sich unter dem Titel »Der Karneval ist vorbei« um eine »kritisch-solidarische Nachbetrachtung«.
Eine der großen Stärken des Buches ist es, dass Danyluks Kritik eine solidarische ist und nicht auf Unwissen, Vorurteilen oder Missgunst beruht. Danyluk war selbst in der autonomen Bewegung jenes Jahrzehnts aktiv und ist bis heute in außerparlamentarischen Zusammenhängen tätig. Hoch anzurechnen ist ihm auch die selbständige und unabhängige Forschung, die er betreibt – ohne staatliche Fördermittel und wissenschaftliche Hilfskräfte. Eine andere Stärke des Buches ist zugleich vielleicht auch eine Schwäche. Danyluks Zugang ist enzyklopädisch. Die Fülle an Informationen ist beeindruckend, kann aber auch erdrücken. Manche potentiellen Leser mag der schlichte Umfang des Buches abschrecken. Ein Genosse meinte einst, es müsse »Volksausgaben« von Danyluks Büchern geben. Keine schlechte Idee.
Stilistisch hat »Wenn der Himmel brennt« auch seine Eigenheiten. Es gibt viele Listen (von Autonomen Zentren bis zu neonazistischen Überfällen), lange Zitate und jede Menge musikalische Referenzen. Die meisten Zwischenüberschriften lehnen sich an Songtexte an, und der Band Slime sowie den Chaostagen sind eigene Kapitel gewidmet. Am Ende des Buches findet sich ein zwölfseitiger »Soundtrack zur autonomen Revolte der Achtzigerjahre«.
Seine Chronologie der autonomen Bewegung beschließt Danyluk mit dem Tod der autonomen Antifaschistin Conny Wessmann in Göttingen im November 1989. Wessmann wurde nach einer Auseinandersetzung mit Neonazis auf der Flucht vor der Polizei von einem Auto erfasst und tödlich verletzt. Das war eine Zäsur, ähnlich wie der Tod Carlo Giulianis am Höhepunkt der sogenannten Antiglobalisierungsbewegung in Genua 2001. In beiden Fällen fiel den Bewegungen eine offensive kollektive Antwort schwer.
Zur Lage der autonomen Bewegung am Ende der 80er Jahre schreibt Danyluk unter anderem Folgendes: »Die autonome Bewegung konnte sich nicht aus der Abwärtsspirale aus ritualisierter Straßenmilitanz, sektiererischer Abschottung und staatlicher Repression befreien.« Misstrauen, Abgrenzung und Ausschlüsse »verstärkten die gesellschaftliche Isolierung und führten dazu, dass die autonome Bewegung ihre Offenheit, Vielfalt und soziale Dynamik verlor«. Sie erging sich »in festen Ritualen und begann, die eigene Vergangenheit zu verklären beziehungsweise mit Mythen aufzuladen«. Zusammen bugsierten diese Entwicklungen die autonome Bewegung »auf ein Abstellgleis der Geschichte«.
»Wenn der Himmel brennt« ist ein wichtiger Beitrag zu linker Bewegungsgeschichte. Danyluk trägt viel Bekanntes zusammen und wirft gleichzeitig ein Licht auf weniger Bekanntes, zum Beispiel die punktuellen Verbindungen zwischen der autonomen Bewegung und dem Rockermilieu. Nostalgie macht sich in »Wenn der Himmel brennt« keine breit. Danyluks Blick ist zu (selbst)kritisch, es geht ihm um das Morgen, nicht das Gestern. Eine empfehlenswerte Lektüre für alle mit Ausdauer.
→ Roman Danyluk: Wenn der Himmel brennt. Ein Jahrzehnt autonomer Bewegung in Westdeutschland und Westberlin von 1979 bis 1989. Edition AV, Bodenburg 2026, 516 Seiten, 48 Euro
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