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Radsport

Triumph trotz Taktikfehler

Demi Vollering gewinnt zum zweiten Mal die Tour de France Femmes. Ihre individuelle Stärke hat den Ausschlag gegeben

Foto: REUTERS/Manon Cruz
Demi Vollering dominiert

Dem Gesamtsieg, den Demi Vollering (FDJ United – Suez) am Sonntag bei der 5. Tour de France Femmes feierte, war allerlei Dramatik vorangegangen. Die Niederländerin hatte das gut einwöchige Rennen schon 2023 gewonnen und war bei allen anderen Austragungen Zweite gewesen. Zudem hatte sie zuletzt, vor einer achtwöchigen Wettkampfpause, beim Giro d’Italia triumphiert, obwohl das rosa Trikot zu Beginn der Schlussetappe außer Reichweite schien. Dabei zeigte Vollering nicht nur gewohnte individuelle Stärke sowie Vertrauen in ihr überlegenes Team, sondern bewies auch Gespür für eine denkbar knifflige Rennsituation. Das beeindruckte um so mehr, da sie sich mitunter eklatante Taktikfehler leistet. Nicht zuletzt deshalb wirkt ihre Dominanz nie so erdrückend wie die Tadej Pogačars bei den Männern, weshalb sie den Status einer Topfavoritin vor Beginn der Frankreich-Rundfahrt auch mit den vorherigen Siegerinnen, Kasia Niewiadoma (Canyon – Sram) und Pauline Ferrand-Prévot (Team Visma – Lease a Bike), hatte teilen müssen.

Aus diesem Trio war Vollering freilich die einzige, die beim Auftakt als Tagesdritte eine Zeitbonifikation einstrich, während ihre zwei Jahre jüngere Landsfrau Lorena Wiebes (Team SD Worx – Protime) an der Schlussrampe überraschend siegte. Dass die weltbeste Sprinterin tags darauf auf der einzigen Flachetappe erneut jubelte, war indes vorhersehbar. Ebenso der Sieg im Zeitfahren, den die weltbeste Spezialistin in dieser Disziplin, die 34jährige Schweizerin Marlen Reusser, am Dienstag verbuchte. Dazwischen war die 27jährige Norwegerin Sigrid Ytterhus Haugset 88 Kilometer solo zu einem Sensationssieg gestrampelt, bevor am Donnerstag ein zweiter Ausreißerinnenerfolg möglich wurde, als die 30jährige Mauritierin Kim Le Court-Pienaar sich in einer spät gebildeten Fluchtgruppe durchsetzte.

Tags zuvor hatte Vollering auf hügeligem Terrain den ersten von drei Etappensiegen errungen. Dabei hatte sie ihr Team am vorletzten von acht kategorisierten Anstiegen so erbarmungslos aufs Tempo drücken lassen, dass sie nur von Reusser und Niewiadoma auf die Zielgerade begleitet wurde. Dann machte sie die Arbeit der Kolleginnen fast zunichte, indem sie vergeblich spekulierte, dass Reusser jenen frühen Antritt kontern würde, mit dem Niewiadoma erwartungsgemäß ihre Sprintschwäche kompensieren wollte. Doch mit einem imposanten 300-Meter-Sprint konnte Vollering die 31jährige Polin noch überholen.

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Dieses Kunststück ließ sich am Freitag nicht wiederholen, als die Niederländerin bei denkbar höherem Wetteinsatz am Schlussanstieg der Königsetappe wieder pokerte – und zwar in derselben Dreierkon-stellation. Da stand bereits fest, dass dieses Trio die Gesamtsiegerin hervorbringen würde, da Ferrand-Prévot wie andere namhafte Klassementfahrerinnen längst Schwächen offenbart hatte. Weil es der Schweizer Gesamtführenden an Explosivität fehlt, schien zudem gewiss, dass Vollering ihre zwölf Sekunden Rückstand notfalls durch eine abschließende Beschleunigung auf dem Gipfel des legendären Mont Ventoux aufholen könnte. Und da die polnische Konkurrentin eine Minute Rückstand hatte, war ihrerseits ein früher Angriff zu erwarten, den es nur zu kontrollieren galt. Um so aufregender wirkte also, dass Vollering elf Kilometer vor dem Ziel selbst offensiv wurde und bei Gegenwind beschleunigte – bis ihr die Kraft fehlte, um den baldigen Konter Niewiadomas zu parieren. Dass es danach erst recht unsinnig war, Reusser eine halbe Stunde zu belauern, führte wiederum der furiose Bergsprint vor Augen, mit dem Vollering auf dem Schlusskilometer die Begleiterin abschüttelte und den von Niewiadoma erzielten Gesamtvorsprung auf fünfzehn Sekunden begrenzte.

Um diesen Rückstand wettzumachen, bot sich die Schlussetappe an, die viermal über den Col d’Èze – zuletzt über dessen steilere Seite – nach Nizza führte. Aber FDJ United – Suez bereitete der Kapitänin schon am Sonnabend, als Nizza erstmals angesteuert wurde, eine siegreiche Attacke vor: Nachdem die Kolleginnen am letzten kategorisierten Hügel ein Irrsinnstempo vorgelegt hatten, stürmte Vollering an der anschließenden, unkategorisierten Rampe selbst los. Wenige Meter vor der Kuppe verließen Niewiadoma alle Kräfte, so dass sie in der kurzen Abfahrt und dem folgenden Flachstück im Windschatten der einzigen Begleiterin, Elisa Longo Borghini (UAE Team L’Imad), hing. Die 34jährige Italienerin legte derweil den Grundstein zu Gesamtrang drei, den sie errang, als Reusser am Sonntag früh abgehängt war und stürzte.

Auf dieser Schlussetappe brauchte die mit acht Sekunden Vorsprung führende Vollering bloß am Hinterrad Niewiadomas ins Ziel zu kommen. Allerdings hatte sich die Polin am Vortag als schlechte Verliererin erwiesen und Vollerings junger Edelhelferin Célia Gery eine vermeintliche Behinderung vorgeworfen. Das nahm die Frau in Gelb wohl als Anlass zur Machtdemonstration: Die unvermeidliche Attacke der Konkurrentin parierte sie mit aufreizender Lässigkeit, um dann kurz vor der Kuppe des Col d’Èze unwiderstehlich zu kontern und schließlich den Vorsprung mit einer sichtlich risikofreudigen Abfahrt auf über eine Minute auszubauen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.08.2026, Seite 16, Sport

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