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Der Ruhm und sein Schatten
»Angriffe auf die kommunistische Ideologie in marxistischer Terminologie«: Gabriel Rockhills Buch über die Entstehung der »kompatiblen« intellektuellen Linken in den westlichen Ländern
Kurz vor seinem Tod verfasste Herbert Marcuse einen Essay über Rudolf Bahros Buch »Die Alternative«. In dem Text feierte Marcuse Bahros »Kritik des real existierenden Sozialismus« als »wichtigsten Beitrag zur marxistischen Theorie und Praxis seit Jahrzehnten«. Die Wortmeldung war Teil einer koordinierten Kampagne für das Buch bzw. für Bahro, die zwischen 1977 und 1979/80 durch die großen Medien der westlichen Welt rollte. Auffallend viele Akteure dieser Kampagne unterhielten, wie man heute weiß (oder wissen kann), in den Nachkriegsjahrzehnten Verbindungen zur CIA bzw. zu verschiedenen, von der CIA oder dem US-Außenministerium entweder gesteuerten, finanzierten oder als »freundlich« betrachteten Institutionen und Organisationen. Im ersten Band seiner auf drei Bände angelegten Rekonstruktion des »intellektuellen Weltkrieges« gegen den real existierenden Sozialismus beschäftigt sich Gabriel Rockhill mit der Geschichte und der spezifischen Funktion dieser nach 1945 entstandenen Netzwerke der »imperialen Theorieindustrie«, wobei sein Interesse in der Hauptsache der Frankfurter Schule bzw. den gewöhnlich unter »westlicher Marxismus« rubrizierten akademischen »Marxismen« der westlichen Welt gilt.
Rockhill hat diese Untersuchung in eine elaborierte »materialistische Kontextualisierung« der relevanten Theorieproduktion eingebettet. Der konfliktträchtigste Aspekt dieses Unterfangens ist – wie einige wütende Reaktionen auf das Buch zeigen – die detaillierte Darstellung der Einbeziehung des »westlichen Marxismus« und seiner Protagonisten in die in Washington entwickelte Strategie und Praxis des intellektuellen Kampfes gegen den Sozialismus. Seinen Befund – die »westlichen Marxisten« sind »vom imperialen Überbau unterstützt und gestärkt worden, und zwar sowohl vom bürgerlichen Staat, für den viele von ihnen über Jahre gearbeitet haben, als auch vom bürgerlichen Kulturapparat« – unterlegt Rockhill mit einer Fülle von empirischem Material. Er will zeigen, warum diese Theorieproduktion für diese Apparate interessant war und inwieweit zum Beispiel der intellektuelle Einfluss der Frankfurter Schule etwas mit dieser »unsichtbaren« Flankierung zu tun hat: »Wie ein Schatten«, so seine Beobachtung, begleitete die »Kollaboration mit mächtigen staatlichen Agenturen« den »intellektuellen Ruhm in der kapitalistischen Welt«.
Antikommunistischer »Marxismus«
Rockhill erklärt den »westlichen Marxismus« nicht, wie ihm sofort vorgeworfen worden ist, zur »Erfindung« der CIA. Aber er rekonstruiert, wie die Integration dieser Theorieproduktion in den »intellektuellen Weltkrieg« gegen den Sozialismus organisiert und konzeptionell durchdacht worden ist. Er zeigt, wie weit diese Integration im Einzelfall ging und warum sie inhaltlich folgerichtig war – eben weil die »westlichen Marxisten« dazu tendierten, »den Imperialismus zu unterstützen, oder wenigstens dazu, ihn akzeptabel zu machen«. Es ist ein Verdienst Rockhills, mit dem Anspruch einer marxistischen Ideengeschichte – eine Disziplin, die im deutschen Sprachraum weitgehend ausgestorben ist – den Versuch unternommen zu haben, einen umfassenden Begriff dieses »Weltkrieges« zu entwickeln.
Die Auseinandersetzung mit Marcuses Bahro-Essay bildet den inhaltlichen Abschluss des Buches. Der »westliche Marxismus« war, wie Rockhill hier und an vielen anderen Stellen zu zeigen versucht, ein antikommunistischer (oder »imperialer«) Pseudo-Marxismus für eine »kompatible Linke« (»compatible left«) in den kapitalistischen Metropolen. Der Kern dieses Ansatzes war die bewusste Frontstellung gegen den, wie Rockhill ihn nennt, »antiimperialistischen« oder »universalen« Marxismus. Merkmale des »imperialen Marxismus« sind für Rockhill: die Absage an das marxistisch-leninistische Revolutionsmodell sowie das Konzept des Klassenkampfes und, was etwa Marcuse angeht, deren Ersetzung durch eine vage Sympathie für »Rebellionen«; die Abwendung von materialistischen Kategorien hin zu einer Herausstellung von Subjektivität und Bewusstsein (und, was das eigene Tun angeht, von der Praxis weg zur Theorie); die Umkehrung des Verhältnisses von gesellschaftlicher Basis und Überbau, wobei den Intellektuellen bzw. der Kultur eine führende Rolle zugeschrieben wird; und zuletzt der Kampf gegen die Vorstellung, eine sozialistische Transformation sei notwendig mit einer (vorübergehenden) Zentralisierung der Staatsgewalt bzw. einer Diktatur verbunden.
Der »westliche Marxismus«, schreibt Rockhill, habe sich nie dafür interessiert, die Welt zu verändern, sondern allenfalls dafür, sie zu interpretieren – mit der Tendenz, nur noch Texte oder kulturelle Erzeugnisse zum Gegenstand der Betrachtung zu machen, »um sich nicht mit der wirklichen Welt beschäftigen zu müssen«. Auch aus dieser Disposition resultiere seine charakteristische Vorliebe für intellektuelles »brand management«: idiosynkratisches Vokabular, »theoretischer Obskurantismus«, »extensive bürgerlich-kulturelle Referenzierung«.
Sozialismus wird etwa bei Marcuse als (räte-)demokratisches Überbauphänomen begriffen, nicht aber als konfliktträchtige Neukonfiguration der gesellschaftlichen Basis. Rockhill am Beispiel des Bahro-Essays: »Die Idee, dass solche Länder sofort den eigenen Staat dezentralisieren und abschaffen sowie die gesamte Bevölkerung demokratisch ermächtigen sollen, während sie vom Imperialismus angegriffen werden, läuft darauf hinaus, darauf zu bestehen, dass sie, um als tatsächlich sozialistisch zu gelten, die objektiven Bedingungen dafür schaffen müssen, überwältigt zu werden.« Eine solche Argumentation sei eines »U. S. State Department intellectual«, wie Rockhill Marcuse nennt, würdig.
Ideologische Kriegführung
Das ist keine gegenstandslose Denunziation. In der deutschen Diskussion über die Nachkriegsgeschichte wird immer noch kaum zur Kenntnis genommen, welche Dimensionen – konzeptionell und materiell – der Kampf »um die Herzen und Köpfe« annahm, der von den USA nach 1945 aufgenommen wurde. Die neue Hauptmacht des Imperialismus entwickelte unter den spezifischen Bedingungen der Konfrontation mit der UdSSR einen neuen Typus von Propaganda: Dieser Imperialismus bildete, so Rockhill, »unter dem Banner von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten« die »einzigartige Tradition« aus, »seine eigene Existenz zu bestreiten« (»empire denial«). Er präsentierte sich im globalen Maßstab als Befreier und stützte sich vorzugsweise auf indirekte Formen von Einflussnahme und Herrschaft. Das allerdings war ohne ein Mindestmaß an Kontrolle über den »overall ideological worldview«, also ohne die Schaffung des »mächtigsten, reichweitenstärksten und zentralisiertesten kulturellen Apparats in der Geschichte der Menschheit« nicht zu machen. Dieser Apparat für »ideological warfare« bearbeitete auch »die Welt der professionellen Intelligenzija«.
Hier – konkret zum Beispiel im Psychological Strategy Board (PSB), das dem Nationalen Sicherheitsrat unterstellt war – entstand früh auch die Idee, den Kampf gegen die kommunistische Weltbewegung und die Sowjetunion nicht mehr nur mit »harter« antikommunistischer Propaganda zu führen, sondern, wie es in einer PSB-Ausarbeitung von 1953 heißt, auch mit »long-term intellectual movements, which will appeal to intellectuals, including scholars and opinion-forming groups«. In einem PSB-Papier von 1952, das Rockhill im Anhang seines Buches vollständig dokumentiert, werden explizit »Angriffe auf die kommunistische Ideologie in marxistischer Terminologie« sowie die »Verteidigung der westlichen Gesellschaft in marxistischer Terminologie« empfohlen. Ausdrücklich wird in diesem Dokument festgehalten, dass es eine derartige Literatur bereits gebe, und »wir« zunächst dafür sorgen müssten, dass diese Literatur »rezensiert, popularisiert und intensiv verbreitet« wird. Das nächste Ziel müsse es sein, dass diese Literatur wächst: »Wir haben die nötigen Mittel, um die Produktion solcher Bücher von kompetenten ausländischen Autoren anzuregen.«
Rockhill nennt diese Konzeption eine »soft-sell campaign against communism«. Marcuse ist für Rockhill deshalb besonders interessant, weil er nicht einfach wie andere »westliche Marxisten« auf der Linie dieser Konzeption arbeitete und von dem damit verbundenen »uplift« profitierte, sondern schon aktiv an deren Ausarbeitung beteiligt war: Als Leiter des »Committee on World Communism« im US-Außenministerium arbeitete er dem PSB direkt zu.
Rockhill geht es in seinem Buch aber gar nicht in erster Linie um den Nachweis von persönlicher Verstrickung (trotz intensiver apologetischer Verschleierungsversuche sind viele Fakten lange bekannt), zumal er immer wieder hervorhebt, dass gerade Marcuse in vielen Fragen links von anderen »westlichen Marxisten« stand. Am Beispiel des »westlichen Marxismus« demonstriert Rockhill vielmehr minutiös einen »state-financial-intellectual nexus«: den Einfluss von »various governmental forces and ultimately the capitalist ruling class« auf die Theorieproduktion, der eben nicht nur darin bestand, dass die Rückkehr des Instituts für Sozialforschung nach Deutschland von den USA mit dem damals beachtlichen Betrag von 440.300 D-Mark bezuschusst wurde. Ihm gelingt unter dem Strich ein überzeugendes kritisches Panorama des intellektuellen Lebens der Nachkriegszeit. Dem Buch ist insbesondere eine deutsche Übersetzung zu wünschen.
→ Gabriel Rockhill: Who Paid the Pipers of Western Marxism? Monthly Review Press, New York 2025, 416 Seiten, 30 US-Dollar (Paperback)
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Onlineabonnent*in Oliver S. aus S. 1. Sept. 2026 um 11:30 UhrWar Herbert Marcuse ein Proselyt, der von Heidegger auf die richtige Seite gewechselt ist, oder eine sinistre Figur des westlichen Imperialismus? In marxistischen Kreisen wird man für gewöhnlich geteert und gefedert, wenn man Marcuse oder andere Mitglieder der Frankfurter Schule zitiert. Aber was blieb diesen Leuten denn übrig, die schon vorab, ungeachtet ihrer politischen Einstellungen, unter die »Nürnberger Rassengesetze« fielen? So hat die erst 1980 erschienene Studie »Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches« von Erich Fromm einigen das Leben gerettet, da klar wurde, was passieren würde, wenn die Nazis an die Macht kämen. Dass Marcuse, ungeachtet seiner Tätigkeit für die CIA, einige Köder ausgelegt hat, die zum Marxismus führten, scheint aber nicht gänzlich ausgeschlossen. »Führten nicht alle Wege des Marxismus nach Moskau«, wie es das Wahlplakat der CDU von 1953 suggerieren wollte? Das Gleiche gilt auch für Horkheimer, Adorno usw. Ist ihm also der Vorwurf zu machen, dass er nicht sofort auf die Seite des real existierenden Sozialismus wechselte und in die DDR emigrierte? Hätte das den Zerfall der SU aufgehalten? Im Westen zu bleiben, war eine Entscheidung, die persönliche und theoretische Gründe hatte. Wie viele, die von Marcuse und Co. inspiriert wurden, sind beispielsweise in der DDR angekommen, bevor und nachdem sie abgewickelt wurde? Werden die Arbeiten und Studien der Kritischen Theorie lediglich für diejenigen von Bedeutung sein, die noch im historischen Radius ihres Wirkens aufwuchsen, oder auch für zukünftige Generationen von Marxist*innen? Die gewichtigen Einwände und Argumente, die Leo Schwarz Rockhill hier vortragen lässt, könnten bzw. sollten aber auch dazu führen, von Kapitalinteressen kontaminierten Ballast über Bord zu werfen, falls sich »die bewusste Frontstellung gegen den, wie Rockhill ihn nennt, ›antiimperialistischen‹ oder ›universalen‹ Marxismus« nicht widerlegen ließe. War der Aufwand erfolgreich? Das US-Imperium zerfällt!
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Hans Buchhalter aus Berlin 1. Sept. 2026 um 08:29 UhrAuch ich wünsche dem Buch eine deutsche Übersetzung, und vielleicht eine Neuauflage des Klassikers von Francis Stonor Saunders: »Wer die Zeche zahlt … Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg«. Was freilich fehlt, ist, was hier als »Sozialismus« uns verkauft wird: nämlich Stalins Reich des Guten, Wahren und Schönen. Wenn man nur die eine Seite sieht, erscheint die andere in jenem verklärten Licht, das man sich wünscht. Zum westlichen Marxismus ist schon viel geschrieben worden. Vor mir liegt z.B.: Diethard Behrens und Kornelia Hauser: »Westlicher Marxismus« (2017). Ein bisschen viel, was da in einem kleinen Topf verkocht wird. Wenn man die Zeitgeschichte entfernt, bleibt ein Bild übrig, als kämpften Marcuse und viele viele andere gegen den »Sozialismus«. Was für ein Unsinn. Auch der Schreiber dieser Zeilen hat mal ein Staatsstipendium erhalten. Ob es dem Staat so viel genützt hat, steht dahin. Auf die Dokumente bin ich gespannt, an der Einordnung sollte aber noch ein bisschen gefeilt werden, sofern man noch etwas dazulernen möchte.
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