Eigentum plötzlich abgeschafft
Rumänien nach 20 Jahren Billigdigitalisierung: Hackerangriff friert Immobilienmarkt ein
Seit zehn Tagen wird in Rumänien keine Wohnung mehr gekauft oder verkauft. Am 14. Juli setzte ein Hackerangriff sämtliche IT-Systeme der Nationalen Agentur für Kataster und Immobilienpublizität (Agentia Nationala de Cadastru si Publicitate Imobiliara, ANCPI) außer Betrieb, darunter die Plattform E-Terra, das elektronische Register, an dem jede Transaktion hängt: Ohne Grundbuchauszug beurkunden Notare keine Kaufverträge, Banken zahlen keine Hypothekenkredite aus, Schenkungen und Erbschaften liegen auf Eis. Bei Redaktionsschluss waren die Dienste weiterhin nicht verfügbar; die Wiederinbetriebnahme werde »etappenweise« erfolgen, kündigte die Behörde an.
Tagelang sprach die ANCPI von einem »technischen Zwischenfall«, wenn auch dem schwersten ihrer Geschichte. Erst nachdem die erbeuteten Daten am 15. Juli in einem Forum zum Verkauf aufgetaucht waren, räumte die Agentur den Angriff ein. Der Täter, unter dem Pseudonym »ByteToBreach« aktiv und von der israelischen Sicherheitsfirma Kela als Cyberkrimineller mit Sitz in Algerien identifiziert, behauptet, Bürgerdatenbanken und den Quellcode der Systeme kopiert und nach gescheiterter Erpressung Daten samt der übers Netz erreichbaren Sicherungskopien gelöscht zu haben. Das Nationale Direktorat für Cybersicherheit (Directoratul Național de Securitate Cibernetică, DNSC) schließt einen staatlichen Akteur aus: Das Motiv sei »rein finanziell«. In einem Punkt sind sich die Experten einig: keine technische Meisterleistung, sondern banale Lücken – gültige Zugangsdaten, schlecht segmentierte Netze, zugängliche Backups. »Wenn das Eigentumsregister stillsteht, steht ein ganzer Markt still«, konstatiert Marc Bălăşescu von der Sicherheitsfirma Intrudify. Offizielle Angaben widersprachen einander derweil tagelang; das Informationsvakuum nährte, wie Makler berichten, allerlei Verschwörungstheorien.
Weil es hier nicht wirklich um die Abschaffung des Privateigentums geht und eifrig an der Wiederherstellung der Katasterinformationen über die Besitzverhältnisse in Rumänien gearbeitet wird, überwiegt am Ende nicht der Nutzen dieses Ausfalls, sondern der Schaden. Zum 1. August steigt die Mehrwertsteuer auf Neubauwohnungen von neun auf 21 Prozent: Wer einen Vorvertrag unterschrieben hat, muss bis zum 31. Juli zum Notar, andernfalls werden bis zu 14.000 Euro mehr fällig. Doch die geschäftsführende Regierung von Ilie Bolojan – im Amt, seit im Juni die Investitur von Adrian Veștea im Parlament scheiterte und das Land seither ohne handlungsfähige Exekutive dasteht – kann die Frist nicht per Dringlichkeitsverordnung verlängern. Bolojan erklärte, eine Verschiebung sei gerechtfertigt; die sozialdemokratische PSD brachte einen entsprechenden Änderungsantrag ein. Die Rechnung zahlen einstweilen die Bürger.
Die Verwundbarkeit ist trotzdem politischer und nicht technischer Natur, wie die Zahlen der Wirtschaftszeitung Ziarul Financiar zeigen: Seit 2007 schloss die ANCPI IT-Verträge über rund 710 Millionen Lei (163 Millionen Euro) ab, für Cybersicherheit flossen davon keine 1,6 Millionen – 0,2 Prozent, sieben Jahre lang vergeben an eine Firma mit zwei Angestellten. Ein Einzelfall ist das nicht: In denselben Wochen traf es das Ministerium für Investitionen und EU-Projekte sowie per Phishing-Kampagne das Zahlungsportal Ghiseul.ro; im Dezember 2025 hatte ein Angriff auf die nationale Wasserbehörde rund tausend Systeme kompromittiert, zuvor Krankenhäuser und den Energiekonzern Electrica.
Die Reaktion der Regierung folgt dem Drehbuch. Der geschäftsführende Wirtschafts- und Digitalminister Irineu Darău (»Union Rettet Rumänien«, USR) weist der Agentur und ihrer Führung die »gesamte Verantwortung« zu – um zugleich einzuräumen, der Staat bezahle seine IT-Fachleute zu schlecht, um sie zu halten, und die Sicherheit sei jahrelang »depriorisiert« worden. Dabei habe es, so Darău, zuvor einen langen Schriftwechsel zwischen ANCPI und DNSC über mögliche Schwachstellen gegeben – gewarnt worden sei also durchaus. Nun werden die Anwendungen hastig in die vom Sonderdienst für Telekommunikation betriebene Regierungscloud migriert – der Flicken kommt, als das Haus, um im Bild des Experten Andrei Avădănei zu bleiben, längst komplett in der Hand des Eindringlings war, »von der Haustür bis zum Tresor mit den Sicherungskopien«.
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