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Ein Tag in Weiß
Das war die zweite Woche der Tour de France
Es wäre naiv zu hoffen, dass Remco Evenepoel (Red Bull – Bora – Hansgrohe) dem Kampf ums Gelbe Trikot der Tour de France noch Spannung verleihen könnte. Doch die fünf Minuten Rückstand, die der dreifache Zeitfahrweltmeister am zweiten montäglichen Ruhetag auf den Gesamtführenden Tadej Pogačar (UAE Team Emirates – XRG) hatte, dürfte er am Dienstag, wenn in seiner Spezialdisziplin 26 Kilometer zu absolvieren sind, etwas verringern. Ohnedies hat der 26jährige Belgier, der 2024 immerhin Dritter der Frankreich-Rundfahrt wurde und 2022 sogar die Vuelta a España gewann, am Sonntag seinen beeindruckendsten Tagessieg bei einer dreiwöchigen Landesrundfahrt gefeiert: Am elf Kilometer langen Schlussanstieg zum Plateau de Solaison ließ er sich vom ein Jahr älteren Träger des Gelben Trikots nie abschütteln, der anscheinend dem Kollegen Isaac Del Toro einen zweiten Etappensieg vorzubereiten versuchte. Der hatte womöglich von dem unglücklichen Sturz, der eine halbe Stunde zuvor dem auf Platz zwei rangierenden Jonas Vingegaard (Team Visma – Lease a Bike) einen Schlüsselbeinbruch beschert hatte und dessen sofortige Aufgabe erzwang, eigene Blessuren davongetragen. Jedenfalls lancierte der 22jährige Mexikaner schließlich mit zwei lauwarmen Attacken bloß Evenepoels Bergsprint, der so bestechend wirkte, dass nicht einmal Pogačar kontern konnte.
Es ist kaum vorstellbar, dass der Slowene sich noch mal ausmanövrieren lässt. Wenn er denn unbedingt wollte, könnte er die drei ausstehenden Alpenetappen wahrscheinlich ebenso unangefochten gewinnen, wie er am Dienstag einen Tagesabschnitt im Zentralmassiv gewonnen hat und am Sonnabend einen in den Vogesen. Aber der impulsive Evenepoel, der auf jenen Etappen früher in Schwierigkeiten geriet als Vingegaard, hat in den letzten Jahren bewiesen, dass er seinen Kampfgeist nicht von Pogačars Übermacht dämpfen lässt. Zudem darf der aktuelle Gesamtzweite darauf bauen, dass Kollege Florian Lipowitz für ihn arbeiten wird, denn der 25jährige Deutsche konnte am Sonntag nicht mit dem Spitzentrio mithalten und hat als Fünfter nunmehr sechseinhalb Minuten Rückstand. Kokapitän ist er nun nicht mehr. Pogačar mag indes seine Angriffslust erneut zügeln, um Del Toro Gesamtrang drei sowie das Weiße Trikot zu sichern. Der Mexikaner hat nur 25 Sekunden Vorsprung vor Paul Seixas (Decathlon CMA CGM Team), der am Sonnabend den Rekord für den jüngsten Fahrer aufstellte, der jemals das Wertungstrikot des besten U-25-Fahrers überstreifte (wenngleich nur einen Tag). Zuvor war der 19jährige Franzose knapp zwei Wochen im besten Sinne unscheinbar geblieben, nachdem er zum Rennauftakt Schwächen bei der Positionierung gezeigt hatte.
Von Pogačars Ehrgeiz und etwaigen kollegialen Rücksichten dürfte zudem abhängen, ob noch jemand Aussicht auf einen Ausreißererfolg hat, wie ihn der 26jährige Schweizer Mauro Schmid (Team Jayco AlUla) am Freitag feierte. Das gleiche gilt für Hoffnungen, die Valentin Paret-Peintre (Soudal Quick-Step) oder Richard Carapaz (EF Education – Easypost) aus ihrem zweiten beziehungsweise dritten Platz in der Bergwertung ableiten mögen, deren Führung Pogačar im Vorbeifahren erreicht hat. Immerhin ist das Grüne Trikot vorm Zugriff des vierfachen Tour-Siegers sicher. Dessen Träger Mads Pedersen (Lidl – Trek) war zwar bei den am Mittwoch und Donnerstag vom 26jährigen Norweger Søren Wærenskjold (Uno-X Mobility) beziehungsweise dem sieben Jahre älteren Belgier Tim Merlier (Soudal Quick-Step) gewonnenen Sprintankünften wieder chancenlos. Und der 30jährige Däne konnte zuletzt auch keinen Zwischensprint mehr gewinnen. Allerdings scheint es unwahrscheinlich, dass, nachdem Merlier des Bergsteigens müde aufgegeben hat, sich genug Mannschaften finden werden, die die wellige Etappe am Mittwoch bis zu einem Massensprint kontrollieren könnten. Deshalb müssten Jasper Philipsen (Alpecin – Premier Tech) oder Biniam Girmay (NSN Cycling Team), um in der Punktewertung von Platz zwei beziehungsweise drei auf eins zu rücken, wohl abschließend in Paris gewinnen – wo ihnen freilich im Rundkurs der Montmartre im Weg stehen wird.
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